Los Gatos – Netflix hat am 21. Oktober die Serie „The New Stanford Prison Experiment“ veröffentlicht. In sechs Folgen werden 30 Freiwillige zufällig in Wärter und Gefangene eingeteilt und in einem echten Gefängnis untergebracht. Die Produktion greift damit ein Experiment von 1971 auf. Es steht bis heute in Lehrbüchern und wurde in Deutschland durch den Kinofilm „Das Experiment“ (2001) bekannt. Sein wissenschaftlicher Wert wird jedoch von Kritikern in Zweifel gezogen.
Gedreht wurde nach Angaben der Stanford Daily in einem stillgelegten Trakt des Cherokee County Adult Detention Center im US-Bundesstaat Georgia. Die Serie ist nicht geskriptet. Die Produzenten hätten sich für ein echtes Gefängnis entschieden, um eine realistische Umgebung zu schaffen. Die Gruppe sei zudem vielfältiger zusammengesetzt als beim Original: Die Produktion nennt Unterschiede bei Herkunftsort, Geschlecht, politischer Überzeugung, sozialem Hintergrund und Lebenserfahrung. Auf der Plattform lautet die zentrale Frage: „Korrumpiert Macht?“
Sechs Tage im Keller
Das Original leitete der Psychologe Philip Zimbardo im August 1971 an der Stanford University. Von 75 Bewerbern wählte er 24 Männer aus. Je die Hälfte wurde zufällig zu Wärtern und Gefangenen bestimmt. Das Scheingefängnis entstand im Keller der Jordan Hall, des Psychologiegebäudes der Universität.
Geplant waren ein bis zwei Wochen. Zimbardo beendete das Experiment nach sechs Tagen. Zuvor hatte Christina Maslach das Scheingefängnis besucht. Laut Darstellungen des Experiments war sie entsetzt, dass Wärter Gefangenen Säcke über den Kopf zogen, und stellte Zimbardo wegen der Zustände und der Moral der Studie zur Rede. Auch Eltern, die ihre Söhne am Besuchstag nur kurz und unter Aufsicht sehen durften, machten sich Sorgen. Einige hätten Anwälte einschalten wollen.
Lange galt der Versuch als Beleg dafür, dass Menschen in bestimmten Rollen und Umgebungen Grausamkeit entwickeln können.

Kritik am Original
Seit Jahren wird diese Lesart bestritten. Der Forscher Thibault Le Texier wertete für eine 2019 in der Fachzeitschrift „American Psychologist“ erschienene Studie Archivmaterial aus und sprach mit 15 Teilnehmern. Er kam zu dem Schluss, die Wärter seien nicht sich selbst überlassen gewesen.
Zimbardo habe ihnen bei der Einweisung am 14. August die Ziele der Studie erklärt, sie hätten außerdem konkrete Hinweise und Taktiken erhalten. Zimbardo erklärte später, es habe „keine formalen oder detaillierten Anweisungen“ gegeben, wie man ein wirksamer Wärter sei. Das Archivmaterial widerspreche dem, so Le Texier. Zimbardo und Kollegen nannten die Kritik größtenteils persönlich motiviert und warfen Le Texier vor, gegenteilige Daten zu ignorieren.
Auch zum Fall des Gefangenen Douglas Korpi gibt es Streit. Er verließ das Experiment nach etwa 36 Stunden nach einem scheinbaren Zusammenbruch. In einem Interview von 2017 sagte Korpi, er habe den Zusammenbruch vorgetäuscht, um für das Graduate Record Exam zu lernen, einen Zulassungstest für Aufbaustudiengänge. Zimbardo erklärte 2018, der Zusammenbruch müsse als echt gewertet werden, und er halte das Interview von 2017 für eine Lüge. Le Texier führt Korpis Aussage als Argument gegen die Darstellung vom „Zusammenbruch“ an.
Eine teilweise Wiederholung gab es 2002 mit der BBC Prison Study der Psychologen Alex Haslam und Steve Reicher. Den Wärtern wurde dort nicht vorgegeben, wie sie sich verhalten sollen, sie sollten selbst herausfinden, wie sie das Gefängnis führen. Die Ergebnisse stellten laut den Autoren die Vorstellung infrage, dass Menschen mechanisch in Rollen hineinrutschen, und hoben die Rolle von Führung hervor.
Die BBC strahlte dazu eine Dokureihe mit dem Titel „The Experiment“ aus. 2018 erklärten Zimbardo, Reicher und Haslam gemeinsam, beide Experimente seien gültig. Sie räumten zugleich ein, dass das Verhalten auch andere Ursachen gehabt haben könne, und sprachen sich für weitere Wiederholungen aus.
Netflix verweist auf Sicherheitsvorkehrungen
Executive Producerin Jane Lipsitz räumte laut Stanford Daily die Empörung über das Projekt ein. „Wenn wir einfach das Original nachstellen würden, wäre das unvertretbar“, sagte sie. Ihr Team habe mehr als ein Jahr an der Serie gearbeitet. Anders als 1971 gebe es andere Teilnehmer, Sicherheitsvorkehrungen und Umstände. Man wolle fragen, ob Macht Menschen zwangsläufig verändere.
Die Produktion nennt Einwilligung der Teilnehmer, psychologische Tests, ein Codewort zum Ausstieg sowie Psychologen und einen Sanitäter, die rund um die Uhr erreichbar seien. Produzenten und Psychologen hätten das Geschehen beobachtet und hätten eingreifen können, wenn das Wohl eines Teilnehmers gefährdet gewesen wäre.
Kritik kommt auch aus Stanford selbst. Die Studentin Anh-Thu Dang sagte der Stanford Daily, die Serie gebe „der psychologischen Fakultät von Stanford einen schlechten Ruf“. Es sei unfair, die Fakultät über das Original zu definieren, da sie heute zu ethischer und offener Wissenschaft arbeite. Das Psychologische Institut wollte sich auf Anfrage der Stanford Daily nicht äußern, mehrere Professoren ebenfalls nicht.
Der deutsche Film
In Deutschland kennen viele das Thema vor allem aus dem Kinofilm „Das Experiment“ von Oliver Hirschbiegel aus dem Jahr 2001. Moritz Bleibtreu spielt darin einen früheren Journalisten, der sich als Taxifahrer für ein bezahltes Gefängnis-Experiment meldet. Wärter missbrauchen dort nach und nach die Gefangenen, die Wissenschaftler greifen nicht ein, die Gewalt eskaliert.
Der Film beruht auf Mario Giordanos Roman „Black Box“ und ist vom Stanford-Experiment inspiriert. Er ist eine fiktive Geschichte, keine Verfilmung der Ereignisse von 1971. 2010 erschien eine US-Neuverfilmung mit Adrien Brody und Forest Whitaker.

