Tel Aviv – Der berühmte Physiker und Nobelpreisträger Albert Einstein wird oft mit der Gründung Israels in Verbindung gebracht – sogar die Präsidentschaft wurde ihm 1952 angetragen. Doch die historische Realität ist weitaus komplexer: Einstein lehnte das Konzept eines jüdischen Nationalstaates in Palästina ab und warnte vor den Folgen für die arabisch-jüdischen Beziehungen.
In Debatten über den Nahostkonflikt taucht der Name Albert Einstein regelmäßig auf. Oft wird behauptet, der Physik-Nobelpreisträger habe das Entstehen des Staates Israel von Beginn an bedingungslos unterstützt.
Doch historische Dokumente, Reden und Briefe Einsteins zeichnen ein differenziertes Bild. Einstein unterstützte zwar das Streben nach kultureller und gesellschaftlicher Selbstbestimmung des jüdischen Volkes und setzte sich für die Schaffung einer Zufluchtsstätte für verfolgte Juden ein. Gleichzeitig sprach er sich jedoch explizit gegen die Idee eines exklusiven Nationalstaates aus und plädierte stattdessen für eine binational geführte oder internationale Verwaltung Palästinas.
Plädoyer gegen den Nationalstaat (1946)
Eines der klarsten Zeugnisse seiner Haltung datiert aus dem Jahr 1946. Bei einer Anhörung vor dem Anglo-American Committee of Inquiry, das Empfehlungen für die Zukunft Palästinas ausarbeiten sollte, legte Einstein seine Bedenken offen dar. Er erklärte, dass die Idee eines jüdischen Staates nicht mit seinen Vorstellungen von einer friedlichen Koexistenz vereinbar sei.
Einstein argumentierte, dass die Errichtung eines Nationalstaates Spannungen mit der arabischen Bevölkerung erzeugen würde. Statt der Ausrufung staatlicher Souveränität schlug er vor, Palästina unter eine internationale Verwaltung zu stellen, um die Rechte sowohl der jüdischen als auch der arabischen Einwohner gleichermaßen zu schützen und zu wahren. Für ihn stand das Zusammenleben zweier gleichberechtigter Völker an oberster Stelle.
Die Angst vor nationalistischen Strömungen
Einsteins Vorbehalte waren tief in seiner humanistischen Weltanschauung verwurzelt. Als Pazifist stand er reinen Nationalstaatskonzepten grundsätzlich skeptisch gegenüber. Er befürchtete, dass ein jüdischer Staat nationalistische Muster entwickeln könnte, die zu Ausgrenzung und Konflikten führen würden.
Besonders scharf wandte sich Einstein gegen radikale Gruppierungen innerhalb der zionistischen Bewegung. Ein prägnantes Beispiel hierfür ist ein historischer Offener Brief, der im Dezember 1948 in der New York Times erschien. Gemeinsam mit der Philosophin Hannah Arendt und weiteren prominenten jüdischen Intellektuellen protestierte Einstein gegen den Besuch von Menachem Begin in den USA.
Begin war der Anführer der zionistischen Untergrundorganisation Irgun und spätere Gründer der Herut-Partei (dem Vorläufer des heutigen Likud). In dem Brief verglichen die Unterzeichner die Methoden der Herut-Partei mit faschistischen Bewegungen und warnten vor dem Einfluss solcher Strömungen auf die Zukunft des Staates.
Ablehnung der Präsidentschaft 1952
Als Israel 1948 ausgerufen wurde, akzeptierte Einstein die neue Realität und unterstützte den Staat humanitär sowie institutionell – unter anderem engagierte er sich für den Aufbau der Hebräischen Universität in Jerusalem. Dennoch blieb seine Distanz zur Machtpolitik bestehen.
Nach dem Tod des ersten israelischen Präsidenten Chaim Weizmann im Jahr 1952 trug der damalige Premierminister David Ben-Gurion Einstein das Amt des Staatspräsidenten an. Einstein lehnte das Angebot ab. In seiner Begründung schrieb er, dass ihm die nötigen Fähigkeiten im Umgang mit Menschen und der Ausübung offizieller Funktionen fehlten, betonte jedoch zugleich seine tiefe Bindung zum jüdischen Volk.
AUCH INTERESSANT
Jüdische Schauspielerin Miriam Margolyes: Hitler hat gewonnen

