Neu-Delhi – In Indien ist in den vergangenen Monaten eine Protestbewegung entstanden, die vor allem von jungen Menschen getragen wird und die Regierung von Premierminister Narendra Modi unter Druck setzt.
Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung (F.A.Z.) berichtet, waren es Studenten sowie arbeitslose junge Männer und Frauen, die die Gunst der Stunde nutzten. Auslöser war eine Äußerung des Obersten Richters, der die arbeitslosen Akademiker seines Landes als „Kakerlaken“ und „Parasiten“ beschimpfte.
Der F.A.Z. zufolge traf er damit den Kern des Selbstverständnisses einer ganzen Generation, die sich nicht als Nutznießer, sondern als Opfer eines Systems sieht, das zu wenige Arbeitsplätze schafft. Über soziale Medien und Studentenvereinigungen bildete sich binnen weniger Tage eine Bewegung, die sich selbst als „Cockroach Janta Party“ (CJP) bezeichnet. Verstärkt wurde der Zorn durch die Annullierung der Aufnahmeprüfung zum Medizinstudium, zu der mehr als zwei Millionen Bewerber angetreten waren, weil einige Fragen vorab bekannt geworden waren.
Wie die F.A.Z. schreibt, entlud sich die Enttäuschung in der sogenannten „Kakerlaken-Bewegung“, die nun ein Thema gefunden hatte, das die meinungsgebende Schicht emotionalisierte. Bemerkenswert war der Umgang mit dem Schimpfwort: Statt sich dagegen zu wehren, machten die Protestierenden die Kakerlake zu ihrem Emblem. Damit, so die F.A.Z., gewannen sie die breite Bevölkerung für sich.
Aus der satirischen Aktion wurde binnen Wochen ein quasi organisierter Interessenverband, der sozialen Druck aufzubauen verstand. In dieser Phase entstand eine Charta mit Prinzipien gegen Korruption in der Politik. Vorgesehen sind darunter ein Verbot, dass pensionierte
Oberste Richter Parlamentsmitglieder werden, ein Frauenanteil von mindestens der Hälfte im Parlament sowie der Entzug von Lizenzen für Medien, die den beiden größten Industriekonzernen gehören. Modi hat sich nach Darstellung der F.A.Z. allen oppositionellen Forderungen gegenüber bislang unnachgiebig gezeigt.
Nur einmal habe die Regierung auf den Druck unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen reagiert, als Bauern in Nordindien den Premierminister massiv bedrängten. Der Rücktritt des Erziehungsministers gilt in den Medien bereits als zweite große Niederlage in Modis Amtszeit. Solange die Regierung jedoch über eine komfortable Mehrheit verfüge, bleibe sie fest im Sattel, so die Zeitung.
Inzwischen hat die CJP ein zweites großes Thema für sich entdeckt: die Gerechtigkeit bei nationalen Wahlen. Millionen Namen seien landesweit von den Wählerlisten gestrichen worden, mit der Begründung, sie seien doppelt erfasst oder es handle sich nicht um indische Bürger.
Die Opposition, allen voran die Kongresspartei, kämpft gegen diese Praxis, und die „Kakerlaken-Bewegung“ ist mit ins Gefecht gezogen. Gefordert werden Transparenz und eine Überprüfung der Listen. Zuletzt eskalierte die Lage: In Neu-Delhi legte die Polizei den Verkehr lahm und nahm Tausende Demonstranten in Gewahrsam, darunter führende Köpfe der CJP. Ob die Bewegung ihre Strahlkraft behält, hängt laut F.A.Z. davon ab, ob sie weiterhin gewaltfrei und diszipliniert handelt.
Als Massenbewegung erinnert sie an Mahatma Gandhis Proteste gegen die britische Kolonialherrschaft, doch eine vergleichbare Schulung in gewaltlosem Widerstand fehlt ihr bislang. Der Oppositionspolitiker Shashi Tharoor wird mit den Worten zitiert, was als provokante Onlinesatire begonnen habe, sei zu einer der bemerkenswertesten und erfolgreichsten politischen Bewegungen junger Menschen geworden.
Die F.A.Z. weist darauf hin, dass die indische Gesellschaft stark hierarchisch geprägt ist und „Seniorität“ (Priorität der Älteren) traditionell Vorrang vor Erfahrung und Führungsstärke genießt. Diese Ordnung habe die Bewegung nun umgekehrt: Die Jugend ging voran, und statt Chaos und Gewalt sei bislang eine erstaunlich disziplinierte und zielgerichtete Bewegung entstanden.
Beobachter verweisen auf Nepal und Bangladesch, wo Jugendbewegungen in den vergangenen Jahren Regierungen durch Wahlen oder Straßenproteste stürzten. Als Vorbild für Indien taugen sie der F.A.Z. zufolge jedoch nicht, weil Indien ungleich vielfältiger und komplexer sei. Deutlich werde aber, dass die Macht der Jugend in Asien wächst, entgegen den alten Traditionen.
Yasin Bas
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