Ein Gastkommentar von Susanne Mattner
Nachdem ich jetzt eine ganze Reihe von Einschätzungen zu Fauda gelesen habe, die mir überwiegend ziemlich emotional und auch ziemlich eindimensional vorkamen, habe ich tatsächlich versucht, mich einmal möglichst unvoreingenommen mit der Serie auseinanderzusetzen. Nicht mit der Frage: „Wer ist hier der Gute und wer der Böse?“, sondern mit einer etwas interessanteren Frage: Welche Realität konstruiert diese Serie eigentlich – und wem überlässt sie dabei die Deutungshoheit?
Menschliche Figuren ohne erzählerische Gleichberechtigung
Denn eines muss man Fauda durchaus zugutehalten: Die Serie zeichnet Palästinenser nicht ausschließlich als eindimensionale Bösewichte. Es gibt palästinensische Figuren mit Familien, Beziehungen, Ängsten, Trauer und nachvollziehbaren persönlichen Motiven.
Die Serie versucht also durchaus, Komplexität herzustellen. Aber genau hier beginnt für mich die eigentliche Problematik. Denn eine Figur menschlich zu zeichnen, bedeutet noch lange nicht, ihr auch erzählerische Gleichberechtigung zu geben. Man kann dem „Feind“ ein Gesicht geben, seine Familie zeigen, seine Motive erklären und ihn sogar sympathisch erscheinen lassen – und ihn anschließend trotzdem wieder in die dramaturgisch vorgesehene Funktion zurückführen: Bedrohung. Gegner. Terrorist. Zielperson. Oder etwas zugespitzt: Man gibt ihm ein Gesicht – aber nicht unbedingt die Deutungshoheit über seine eigene Geschichte.
Und genau diese Unterscheidung halte ich für zentral. Denn Fauda erzählt den Konflikt überwiegend aus israelischer Perspektive. Das ist zunächst völlig legitim. Jede fiktionale Erzählung darf einen bestimmten Blickwinkel einnehmen. Problematisch wird es dort, wo diese Perspektivierung beim Zuschauer den Eindruck einer umfassenden Realität erzeugt.
Denn wenn ich einen asymmetrischen Konflikt erzähle, dabei aber die strukturelle Asymmetrie weitgehend ausblende, entsteht plötzlich ein scheinbar symmetrisches Narrativ: Hier die israelischen Sicherheitskräfte. Dort die palästinensischen Kämpfer. Hier die Angst vor Terror.
Dort die Bereitschaft zur Gewalt. Und die politische Realität, die diesem Verhältnis zugrunde liegt, wird zur Kulisse. Besatzung? Checkpoints? Siedlungen? Enteignungen? Militärische Kontrolle? Das alltägliche Leben unter dieser Realität? All das wird nicht annähernd mit derselben erzählerischen Intensität behandelt wie das israelische Sicherheits- und Trauma-Narrativ.
Und genau dadurch entsteht eine bemerkenswerte Verschiebung der Perspektive. Der Palästinenser bekommt eine Biografie, aber die Besatzung bekommt keinen vergleichbaren Stellenwert als strukturelle Ursache. Der Israeli bekommt Trauma, Zweifel, Familie und moralische Konflikte – und bleibt trotzdem derjenige, dessen Perspektive die Handlung organisiert. Das ist für mich keine plumpe Schwarz-Weiß-Malerei. Es ist subtiler. Und gerade deshalb ist es interessanter.
Staffel 5 und die Verschiebung des Deutungsrahmens
Und Staffel 5 verschärft dieses Narrativ offenbar noch einmal. Die Screenshots aus der Analyse von Middle East Eye fand ich dabei besonders aufschlussreich. Azad Essa beschreibt dort vier zentrale Motive der fünften Staffel: Europa erscheint als von Muslimen bedroht, palästinensische Solidarität wird mit Terrorismus verknüpft,
Hamas scheint praktisch überall präsent zu sein – und die Zerstörung Gazas verschwindet aus dem erzählten Kontext. Das ist schon eine ziemlich bemerkenswerte diskursive Konstruktion. Denn plötzlich lautet die Botschaft sinngemäß: Die Bedrohung ist überall. Hamas ist überall. Der Feind kann überall sein.
Und Israel befindet sich permanent in einer Art Belagerungszustand. Das ist dramaturgisch natürlich ausgesprochen praktisch. Wenn der Feind überall ist, muss man nicht mehr allzu ausführlich erklären, warum dieser Konflikt überhaupt existiert. Dann wird aus politischer Geschichte eine Bedrohungserzählung. Aus Besatzung wird Sicherheitsproblem. Aus palästinensischem Widerstand wird Terrorismus. Und aus politischer Solidarität kann im schlimmsten Fall ein Verdachtsmoment werden.
Gerade die von Middle East Eye hervorgehobene Verbindung zwischen Palästina-Solidarität und Terrorismus halte ich deshalb für einen Punkt, über den man durchaus diskutieren sollte. Denn damit verändert sich nicht nur die Darstellung einzelner Figuren.
Es verändert sich der gesamte Deutungsrahmen. Wer für Palästina demonstriert, erscheint nicht mehr zwangsläufig als jemand, der gegen Besatzung oder für palästinensische Rechte eintritt. Er kann innerhalb dieses Narrativs plötzlich als jemand erscheinen, der einer terroristischen Ideologie gefährlich nahekommt. Und das ist politisch und gesellschaftlich eine ziemlich folgenreiche Setzung.
Die Asymmetrie der Erinnerung und emotionale Identifikation
Am auffälligsten ist für mich allerdings Gaza. Denn hier wird die Asymmetrie der Erinnerung besonders deutlich. Der 7. Oktober wird zum zentralen traumatischen Referenzpunkt. Israelische Opfer werden sichtbar. Israelisches Trauma wird erzählt. Israelische Angst wird emotional nachvollziehbar gemacht.
Die anschließende Realität Gazas hingegen – zumindest so, wie sie in der von Essa kritisierten Darstellung erscheint – verschwindet weitgehend aus dem narrativen Fokus. Und damit entsteht ein bemerkenswerter Effekt: Der 7. Oktober wird zur historischen Zäsur, aber das, was danach in Gaza geschah, wird nicht in vergleichbarer Weise zum Bestandteil der Erzählung. Das ist keine neutrale Perspektive. Das ist Erinnerungspolitik innerhalb einer fiktionalen Erzählung.
Und natürlich kann man argumentieren: Fauda ist ein Thriller und kein Geschichtsbuch. Absolut. Aber genau deshalb sollte man sich anschauen, welche politischen Vorstellungen durch Unterhaltung normalisiert werden. Denn Millionen Menschen sehen keine wissenschaftliche Analyse des Nahostkonflikts. Sie sehen eine spannende Serie.
Und wenn diese Serie über Stunden ein bestimmtes Weltbild emotional plausibel macht, funktioniert Narrativität eben nicht nur über Argumente, sondern über Identifikation. Man fühlt mit dem israelischen Agenten. Man versteht seine Angst. Man versteht seine Wut. Man versteht seinen Wunsch nach Vergeltung. Und irgendwann fühlt sich seine Perspektive nicht mehr wie eine Perspektive an. Sie fühlt sich wie die Realität an. Genau darin liegt meines Erachtens die eigentliche politische Wirkung solcher Erzählungen.
Ein Nebendarsteller der eigenen Geschichte
Deshalb würde ich Fauda auch nicht einfach als „israelische Propaganda“ abtun. Das wäre mir tatsächlich zu simpel. Die Serie ist wesentlich ambivalenter und zeigt auch israelische Figuren moralisch widersprüchlich, traumatisiert und teilweise durchaus problematisch. Aber: Ambivalenz ist nicht automatisch Ausgewogenheit. Und Komplexität innerhalb einer Perspektive ist noch lange keine Gleichberechtigung der Perspektiven.
Aus palästinensischer Sicht bleibt deshalb eine ziemlich fundamentale Frage: Warum darf die palästinensische Figur zwar Mensch sein, aber die politische Realität, in der dieser Mensch lebt, nicht in vergleichbarer Weise zum Ausgangspunkt der Erzählung werden? Denn dann entsteht ein interessantes Paradox: Der Palästinenser darf weinen.
Er darf lieben. Er darf Kinder haben. Er darf traumatisiert sein. Aber sobald es um die großen politischen Zusammenhänge geht, wird er wieder zum Sicherheitsproblem. Der Israeli hingegen darf gleichzeitig Mensch, Opfer, Täter, Zweifler, Familienvater, Agent und moralisch ambivalente Figur sein. Und genau darin liegt die narrative Asymmetrie. Oder, etwas böser formuliert: Der Palästinenser bekommt in Fauda eine menschliche Nebenrolle. Der Israeli bekommt die Deutungshoheit über das Drehbuch.
Und vielleicht ist genau das die spannendere Kritik an Fauda. Nicht die Frage, ob die Serie spannend ist – das ist sie offensichtlich. Nicht einmal die Frage, ob sie „pro Israel“ ist. Sondern: Welche Wirklichkeit wird durch diese Serie emotional plausibel gemacht – und welche Wirklichkeit bleibt außerhalb des Bildausschnitts?
Denn eine wirklich multiperspektivische Erzählung müsste nicht nur fragen: „Wie fühlt es sich an, wenn ein Israeli Angst vor Terror hat?“ Sie müsste genauso fragen: „Wie fühlt es sich an, wenn ein Palästinenser sein gesamtes Leben unter einer politischen und militärischen Realität verbringt, die in dieser Erzählung selbst kaum sichtbar wird?“
Und genau an diesem Punkt wird Fauda für mich politisch interessant. Denn vielleicht ist das eigentliche Problem der Serie gar nicht, dass sie eine israelische Geschichte erzählt. Sondern dass sie eine israelische Geschichte erzählt, die stellenweise so umfassend wirkt, dass man beinahe vergessen könnte, dass es noch eine andere Geschichte gibt. Und die ist nicht weniger real, nur weil sie nicht im Drehbuch steht.
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
Zum Autor

Susanne Mattner wurde im Ruhrgebiet geboren und studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowohl in den USA als auch an der Universität Dortmund. Nach ihren Studienstationen verbrachte sie in den 1990er-Jahren auch einige Zeit im Nahen Osten. Nach ihren längeren Auslandsaufenthalten lebt sie heute verheiratet in Hamburg. In ihren Beiträgen verfolgt sie aufmerksam das internationale Zeitgeschehen mit einem geschulten Blick für mediale Narrative. Ihre Schwerpunkte liegen auf geopolitischen Entwicklungen im Nahen Osten, gesellschaftlichen Debatten sowie der kritischen Analyse doppelter Standards in der Berichterstattung.
AUCH INTERESSANT
Israel: Demonstranten fordern Todesstrafe für NAZA-Filmemacher

