CSD-Anschlag
Vom Distanzieren, Reformieren und der Kunst des Pauschalisierens

Gastkommentar von Ahmet Inam: Warum Gewalt und Anschläge der Lehre des Islam widersprechen und pauschale Sippenhaft die falsche Antwort auf Terror ist.

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Ein Gastkommentar von Ahmet Inam

Nach dem CSD-Attentat zeigten Politik, Medien und vermeintliche Experten erneut Härte gegenüber den sogenannten „Islamisten“, die für diese schreckliche Tat verantwortlich seien.

„Seien“, weil der Islam mit diesem Terror nichts zu tun hat und auch nicht haben kann – auch wenn manche selbst ernannte Islamexperten, die staatlich oder von zionistischen Organisationen gefördert werden, anderes behaupten (auf einen Vergleich mit den „geistesgestörten“ rechtsradikalen Terroranschlägen werde ich hier nicht eingehen). Diesen Anschlag verübte ein „geistesgestörter“ radikaler Muslim – punkt, nicht mehr und nicht weniger.

So wie radikale Christen, radikale Juden (von denen sich manche selbst als Zionisten bezeichnen), radikale Buddhisten oder auch säkulare Extremisten Terroranschläge verüben, so tun dies auch radikale Muslime. In keinem einzigen dieser Fälle jedoch kann die Religion, der sich diese Radikalen zugehörig fühlen, für ihre Taten verantwortlich gemacht werden.

Sie fühlen sich ihr zugehörig – mehr nicht. Denn wären sie ihrer Religion tatsächlich mit Herz und Überzeugung hingegeben, könnten sie keine derart schrecklichen Verbrechen begehen. Sie wären im Geiste (und im Herzen) nicht gestört. Dies gilt für den Islam ebenso wie für alle anderen Religionen, deren zentrale Botschaften Barmherzigkeit, Liebe, Gerechtigkeit und Mitgefühl sind.

Doch wie der barmherzige Prophet Muhammad (s.a.s.) in einer Überlieferung sagte: „Den Menschen wird nur die Erde sättigen.“ Gemeint ist damit, dass es stets Menschen geben wird, deren Verlangen nach mehr niemals gestillt werden kann. Die einen stillen dieses Verlangen mit Gewalt, andere gieren nach Anerkennung, die anderen nach Macht, Vermögen oder Ansehen.

All dies sind Eigenschaften und Ziele, die den Menschen – und erst recht den Gläubigen – von der eigentlichen Botschaft der Religion entfernen. So verhält es sich generell mit dem Menschen, wenn er nicht auf die göttliche Botschaft hört, sondern seiner Triebseele freien Lauf lässt. Der Mensch entfernt sich somit Schritt für Schritt von dem moralischen Ideal, das ihm die Religion vor Augen führt. Dies gehört zu den Hauptlehren des Islam.

Die Forderung nach Distanzierung – Vernunft statt Pauschalisierung

Wer – außer den evangelikalen Zionisten in den USA und anderswo – würde ernsthaft behaupten, Jesus würde christliche Terroranschläge gutheißen? Wer – außer jüdischen Zionisten – könnte behaupten, Moses oder David würden Terror im Namen des Judentums legitimieren? Ebenso wenig kann – außer fanatischen Muslimen – ein Muslim behaupten, der Prophet Muhammad (s.a.s.) würde terroristische Anschläge gutheißen, die von Muslimen verübt werden.

Gerade hierin liegt der Kern der Religionen: Es sind die Propheten, die ihren Gemeinschaften als Vorbilder dienen und aufzeigen, wie die Religion und ihre heiligen Schriften zu verstehen sind. Wer die Religion verstehen will, muss sich daher an ihren Propheten bzw. Vorbildern orientieren, und nicht an jenen, die ihre Lehren missachten, umdeuten und dennoch in ihrem Namen handeln.

Folglich wäre der Mensch gut beraten, vernünftig / verstandesmäßig zu urteilen und nicht die Religion selbst, sondern jene zu kritisieren, die lediglich behaupten, ihr anzugehören. Umso befremdlicher erscheint es, dass gerade im Fall des Islam – und nahezu ausschließlich dort – der Name der Religion regelmäßig mit den abscheulichsten Verbrechen verknüpft wird.

Dabei sollte doch gerade der vernünftige Mensch zur Differenzierung fähig sein. Er könnte zum Beispiel Bücher von renommierten Islamwissenschaftlern lesen, die zeigen, dass in der Geschichte keine andere Religion mehr Erfahrung mit Toleranz und friedlichem Zusammenleben hat als der Islam. Dies ist historisch eindeutig belegt.

Ein Verstandesmäßiger pauschalisiert nicht, er stellt keine ganze Glaubensgemeinschaft unter Generalverdacht und verlangt von Millionen Menschen keine Distanzierung für Taten, mit denen sie sich weder identifizieren noch die sie in irgendeiner Weise zu verantworten haben.

Denn die Vernunft gebietet, was seit Jahrhunderten in unterschiedlichen Kulturen und Religionen universelles Gut ist: Was du nicht willst, dass man dir (deiner Familie, deiner Gemeinschaft, deinem Volk oder deiner Religion) antut, das tue auch anderen nicht.

Entsprechend ist es unvernünftig und sogar absurd, eine ganze Religionsgemeinschaft für die Taten Einzelner verantwortlich zu machen. Dies würden diese Menschen schließlich auch nicht wollen, wenn sie selbst betroffen wären.

Die Gier nach mehr und die „Experten“

Wo jedoch Macht, Ansehen und materieller Gewinn zum höchsten Ziel werden, verliert die Vernunft ihren Platz. Wer von diesen Begierden beherrscht wird, handelt nicht mehr vernünftig, sondern eigennützig.

Ein vernünftiger Mensch würde nicht zu Vorurteilen, Verleumdungen, Täuschung oder haltlosen Beschuldigungen greifen, um gesellschaftliches Ansehen oder persönlichen Vorteil zu erlangen, wie manche selbsternannten Experten dies praktizieren. Ebenso wenig würde er mit pauschalen und oberflächlichen Forderungen auftreten, wie etwa mit der Aussage, der Islam müsse sich reformieren.

Mit genau solchen Mechanismen sehen wir uns jedoch gegenwärtig in Teilen der deutschen Medien konfrontiert. Dort entstehen mitunter Narrative, die Vorurteile verstärken, weil sie Aufmerksamkeit erzeugen. Manche Akteure mögen aus Überzeugung handeln, andere aus Karriereinteresse oder aus dem Wunsch nach öffentlicher Anerkennung. Welche Motive im Einzelfall überwiegen, wollen wir nicht beurteilen. Fest steht jedoch, dass ein solches Klima einer sachlichen Debatte kaum zuträglich ist.

Religion und gesellschaftlicher Dissens

Homosexualität und die LGBTQ-Ideologie (mit Ausnahme von Hermaphroditen / Zwitter, die seit Jahrhunderten in der islamischen Jurisprudenz ihre Rechte besitzen) werden unter Muslimen keinen Halt finden. Homosexuelle Handlungen gelten im Islam als verboten, und daran wird sich nichts ändern – auch nicht durch die als Heilmittel propagierte historisch-kritische Lesart des Korans.

Denn selbst aus dieser Perspektive bleiben die Aussagen des Korans zu diesem Thema eindeutig. Für Muslime ist der Koran das unverfälschte Wort Gottes, dessen Aussagen universellen Charakter besitzen und bis zum Ende der Zeit Gültigkeit beanspruchen.

Dies gilt nicht nur für die moralischen Normen in Fragen der Sexualität, sondern ebenso für die Gebote zur Bewahrung des Lebens, zur Ablehnung ungerechtfertigter Gewalt gegen Menschen, Tiere und Natur sowie zur Verpflichtung auf Gerechtigkeit anstelle von Hass und Unheil auf Erden.

Die eigentliche Schnittstelle zwischen Muslimen und allen anderen Bürgern – egal, ob sie religiös oder säkular sind – liegt somit in der gemeinsamen Ablehnung von Gewalt gegenüber Andersdenkenden und Andersgläubigen sowie in der Achtung der Verfassung.

Zwar lehnen viele Muslime (wie auch viele Christen und Angehörige anderer Gemeinschaften), die aus ihrer Sicht säkular-autoritäre Vermittlung queerer Inhalte in Kindergärten und Schulen ab, daraus folgt jedoch nicht, dass sie Gewalt als Mittel der Auseinandersetzung befürworten.

Im Gegenteil: Sie wissen, dass Gewalt weder ein geeignetes Mittel ist noch mit den Geboten ihrer Religion oder den Maßstäben der Vernunft vereinbar wäre.
Vernünftige Menschen setzen auch nicht auf Zwang und Einschüchterung bei der Vermittlung ihrer Überzeugungen, sondern auf das bessere Argument.

Sie suchen das Gespräch, pflegen den Dialog und begegnen auch dem Andersdenkenden mit Respekt. Genau darin besteht die Grundlage eines friedlichen Zusammenlebens. So verhält sich auch die überwältigende Mehrheit der Muslime. Eine kleine Minderheit radikaler Gewalttäter bildet die Ausnahme.

Gleichwohl sind es gerade diese wenigen, die aufgrund der Logik medialer Aufmerksamkeit den öffentlichen Diskurs dominieren. Dadurch wird der Eindruck vermittelt, sie stünden stellvertretend für eine ganze Religionsgemeinschaft. Und auf der anderen Seite sind es stets dieselben „geistigen Unheilstifter“, die ebenfalls mediale Aufmerksamkeit erhalten und gegen die Mehrheit der Muslime hetzen und dadurch sozusagen ihren Lohn kassieren.

Die Folge ist ein wachsendes Misstrauen in der Mehrheitsgesellschaft, das seinerseits Entfremdung und Abschottung aufseiten vieler Muslime begünstigen kann – ein Kreislauf, der sich wechselseitig verstärkt.

Dieser Kreislauf kann nur durchbrochen werden, wenn Ehrlichkeit und Respekt im Diskurs im Vordergrund stehen. Dies setzt voraus, dass die ehrliche Meinung der muslimischen Mehrheit als Staatsbürger dieses Landes respektiert wird und dass gemeinsam gegen jegliche Form von Gewalt vorgegangen wird.

Dies ist mit Menschen nicht möglich, die nach mehr gieren und dafür jedes Mittel recht ist. Die folglich nicht verstandesmäßig / vernünftig sind!


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


Zum Autor

Dr. Ahmet Inam ist Islam- und Religionswissenschaftler. Er promovierte 2015 an der Frankfurter Goethe-Universität am „Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam“ mit dem Titel „Die theologischen, juristischen und sozialen Dimensionen der Sünde im Koran“. Er ist Autor des Buchs „Der Islam – Eine Binnenperspektive“ (Ditibverlag, 2020).


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