Ein Gastbeitrag von Kemal Bölge
Die englischsprachige Autobiografie „Towards Disaster: The Greek Army in Asia Minor in 1921“ (Erstveröffentlichung 1930) von Prinz Andrew von Griechenland und Dänemark ist weniger eine klassische Autobiografie als vielmehr eine militärische Rechtfertigungsschrift und ein Memoirenbericht über die griechische Besetzung Westanatoliens nach dem Ersten Weltkrieg.
Andrew schildert darin seine Sicht auf den Feldzug der griechischen Armee in Anatolien im Jahr 1921 und verteidigt seine eigenen Entscheidungen als Kommandeur. Eines seiner Kinder war der spätere Prinz Philip, Herzog von Edinburgh (Ehemann der verstorbenen Königin Elisabeth).
Die Vorgeschichte: Die „Megali Idea“ und die Besetzung Izmirs
Im 19. und 20. Jahrhundert propagierte die Ideologie des griechischen Nationalismus die „Megali Idea“ („Die große Idee“), die die Vereinigung aller von Griechen besiedelten Gebiete vorsah und als „griechischer Irredentismus“ bezeichnet wird. Dieser Plan sah die Besetzung von weiten Teilen Anatoliens zum Nachteil des früheren Osmanischen Reiches vor.
Mit der Niederlage des Osmanischen Reiches während des Ersten Weltkriegs sah die griechische Regierung unter Ministerpräsident Eleftherios Venizelos, der als „größter Verfechter“ des irredentistischen Plans zu Beginn des 20. Jahrhunderts gilt, die Gelegenheit gekommen, um die „Megali Idea“ zu verwirklichen. Das Buch beginnt mit dem politischen und militärischen Kontext des Krieges zwischen Griechenland und der türkischen Nationalbewegung (1919–1922).
Die Landung der griechischen Armee am 15. Mai 1919 in Izmir stellte aus türkischer Sicht eine Zäsur dar. In den ersten drei Tagen der Besetzung Izmirs wurden über 800 türkische Zivilisten Opfer von Massakern der griechischen Besatzungsarmee. Der Feldzug wurde durch den Zerfall des Osmanischen Reiches nach dem Ersten Weltkrieg möglich. Die griechische Führung plante eine militärische Offensive tief ins anatolische Inland.
Prinz Andrew als Korpskommandeur und die Offensive auf Ankara
In seiner Autobiografie stellt Andrew seine zentrale These auf: Der Feldzug war strategisch überdehnt und politisch schlecht geplant. Der Prinz beschreibt seine Rolle als Kommandeur eines Armeekorps der griechischen Armee. Er schildert die Organisation der Truppen und logistische Probleme wie Nachschub, Entfernungen und Gelände. Ein wiederkehrendes Thema ist seine Kritik an der unrealistischen Strategie der politischen Führung und des Generalstabs.
Der Kern des Buches ist die Beschreibung der griechischen Offensive im Sommer 1921, die schließlich zur Schlacht von Sakarya führte. Andrew argumentiert, dass die griechische Armee zu weit ins Landesinnere vorgedrungen sei, die Versorgungslinien zu lang und unsicher gewesen seien und das türkische Heer unter Mustafa Kemal Atatürk defensiv gut positioniert gewesen sei. Er beschreibt die Kämpfe als äußerst verlustreich und militärisch aussichtslos.
Konflikte im Oberkommando und der Zusammenbruch
Ein entscheidender Punkt der Memoiren ist sein Streit mit dem Oberbefehlshaber Anastasios Papoulas. Andrew erhielt den Befehl, frontal anzugreifen. Er hielt den Angriff für militärisch unsinnig und setzte teilweise eigene taktische Entscheidungen um. Nach der erfolglosen Offensive gab das Oberkommando ihm eine Mitschuld am Rückzug. Im Buch verteidigt er sich ausführlich und argumentiert, er habe das Leben seiner Soldaten schützen wollen.
Der Prinz sieht mehrere Gründe für das Scheitern Griechenlands:
-
Überdehnung der Front – zu große Entfernungen von den Versorgungsbasen
-
Politische Einmischung in militärische Entscheidungen
-
Mangelhafte Koordination im Generalstab
-
Unterschätzung der türkischen Kräfte
Er beschreibt die Kampagne insgesamt als eine Bewegung „towards disaster“ – auf eine Katastrophe zu.
Gerichtsprozess, Exil und das Schweigen über Kriegsverbrechen
Obwohl das Buch hauptsächlich die Ereignisse von 1921 behandelt, weist Andrew auf die Konsequenzen hin: 1922 kollabierte die griechische Front vollständig. Nach der Niederlage kam es zu einer Revolution in Griechenland.
Andrew wurde in Athen vor ein Militärgericht gestellt, und ihm drohte wegen Hochverrats und Befehlsverweigerung die Todesstrafe. Auf massiven Druck der britischen Regierung und des Königshauses wurde er mit einem britischen Schiff nach Frankreich ins Exil gezwungen. Das Buch fungiert daher auch als Selbstverteidigung gegen die Vorwürfe, er habe zum militärischen Desaster beigetragen.
In seiner Autobiografie geht Prinz Andrew mit keinem Wort auf die systematischen Kriegsverbrechen seiner von ihm befehligten, berüchtigten Einheiten gegen die türkische Zivilbevölkerung ein. Die Schergen des Generalmajors Prinz Andrew vergewaltigten massenhaft junge Mädchen und Frauen, schlossen Dorfbewohner in Moscheen und Gebäuden ein, um diese in Brand zu stecken. Wer aus der Todesfalle zu fliehen versuchte, wurde erschossen. Diese Einheiten nannten sich selbst „Teufelsbataillone“ und verbreiteten Angst und Schrecken unter der Bevölkerung.
Alle Städte und Dörfer in Westanatolien, die in die Hände dieser Besatzer kamen, wurden von diesen in Schutt und Asche gelegt. Kein Haus, keine Schule und keine Scheune blieb von diesen Todesschwadronen verschont. Schätzungen von Historikern zufolge wurden während der drei Jahre und drei Monate andauernden griechischen Besetzung Westanatoliens über 600.000 unschuldige türkische Zivilisten getötet. Weder Prinz Andrew noch ein anderer griechischer Kommandeur mussten sich für den Genozid an der türkisch-muslimischen Zivilbevölkerung vor Gericht verantworten.
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
Zum Autor
Kemal Bölge, studierter Politologe und Historiker. Ressortleiter Balkan bei der Forschungseinrichtung für Mezalim. Er schreibt zudem als freier Autor für verschiedene Online-Publikationen. Seine Schwerpunkte sind die Außen- und Sicherheitspolitik, insbesondere die Beziehungen EU-Türkei, die zukünftige Struktur der NATO und die Außen- und Sicherheitspolitik der Türkei.

