Gastkommentar
Trump und Erdoğan: Warum die Türkei zur Trumpfkarte wird

Der NATO-Gipfel zeigt: Nicht Trump hat die Türkei stark gemacht, sondern die Geopolitik. Ein Gastkommentar zur neuen strategischen Realität Ankaras.

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Ein Gastkommentar von Nabi Yücel

Seit Tagen ist in westlichen Medien ein bemerkenswertes Schauspiel zu beobachten. Kaum rückte der NATO-Gipfel näher, häuften sich Analysen über die Türkei. Mal war sie „unberechenbar“, mal ein „Vertrauensproblem“, mal gar eine Gefahr für das Bündnis. Im Vordergrund stand ständig Recep Tayyip Erdoğan, der als “Autokrat” mit Trump geheime Pläne schmiedet.

Parallel dazu trat Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu in mehreren US-Fernsehsendern auf und warnte eindringlich vor einer militärischen Stärkung Ankaras – insbesondere mit Blick auf die F-35-Debatte.

Und dann geschah etwas Bemerkenswertes. Donald Trump trat bei Ankunft im Flughafen Esenboğa an Recep Tayyip Erdoğan beinahe freundschaftlich und herzlich heran, sprach von einer engen Zusammenarbeit und signalisierte, dass Washington seine Entscheidungen nicht nach den Wünschen Dritter treffen werde. War das ein Wink mit dem Zaunpfahl an Israel?

Auf den ersten Blick mag es so wirken, als habe Donald Trump die Türkei politisch aufgewertet. Tatsächlich jedoch nutzte er lediglich eine bereits bestehende Realität: die gewachsene strategische Bedeutung Ankaras. Indem er diese offen anerkannte, setzte er zugleich Netanjahu Grenzen. Genau hier liegt der zentrale Punkt, den viele westliche Analysen verkennen und stattdessen Erdoğan aufgreifen.

Denn nicht Trump hat die Türkei stark gemacht. Vielmehr ist es eine Kombination struktureller Entwicklungen:

Die Geografie. Der Ukrainekrieg. Die Instabilität im Nahen Osten. Die Energiepolitik Europas. Und die Rückkehr klassischer Machtpolitik.

Diese Faktoren haben die Türkei in eine Position gebracht, die sich nicht mehr ignorieren lässt. Um diese Entwicklung zu verstehen, lohnt ein Blick zurück.
Jahrzehntelang wurde Ankara im Westen oft als schwieriger und unzuverlässiger Verbündeter behandelt, obwohl die Türkei sich als Bündnispartner selten bis gar keine gravierende Fehltritte leistete.

Stattdessen stimmte Ankara den NATO-Beitrittserklärungen Schwedens und Finnland trotz massive Bedenken zu. Solange sie lediglich als südöstlicher NATO-Außenposten galt, schien diese Einordnung ausreichend. Doch die geopolitische Lage hat sich grundlegend verändert.

Heute verlaufen die zentralen Konfliktlinien genau durch jene Region, in der die Türkei seit Jahrhunderten liegt: Schwarzes Meer, Kaukasus, östliches Mittelmeer, Syrien und die Energiekorridore zwischen Asien und Europa. Aus dieser Verschiebung ergibt sich zwangsläufig eine Neubewertung. Mit einem Mal wird aus dem „schwierigen Partner“ ein unverzichtbarer Akteur. Zumindest für Washington.

Genau darin liegt die eigentliche Ironie.

In Washington wurde diese bei ahe feindselige Haltung lange Zeit auch im US-Senat beibehalten. Und heute? US-Senator Lindsey Graham, ein vehementer Verteidiger israelischer-, griechischer- und zypriotischer Interessen, der bis zuletzt gegenüber der Türkei die Krallen ausgefahren hatte, mutiert jetzt zum Schmusekater.

Viele europäische Kommentare interpretieren bis heute jede selbstbewusste türkische Außenpolitik weiterhin als Problem. Tatsächlich ist sie jedoch Ausdruck veränderter Machtverhältnisse. Staaten, deren strategischer Wert steigt, verhandeln selbstbewusster. Das gilt für die USA, für Frankreich, für Israel – und ebenso für die Türkei.

Vor diesem Hintergrund erscheinen auch Netanjahus öffentliche Warnungen in einem anderen Licht. Wenn die Türkei tatsächlich geopolitisch unbedeutend wäre, warum investiert der israelische Regierungschef dann so viel politische Energie, um vor ihrer militärischen Aufwertung zu warnen? Schon diese Frage verdeutlicht, dass Ankara heute anders wahrgenommen wird als noch vor wenigen Jahren.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Trump eine „pro-türkische“ Politik verfolgt.
Im Gegenteil: Trump verfolgt in erster Linie US-amerikanische Interessen.
Und genau deshalb ist die Türkei für ihn relevant.

Sie kontrolliert die Meerengen.
Sie verfügt über die zweitgrößte Armee der NATO.
Sie beeinflusst das Schwarze Meer.
Sie ist in Syrien, sie ist im Irak präsent.
Sie spielt im Südkaukasus eine Schlüsselrolle.
Sie ist Transitland und zunehmend Energie-Hub.

Diese Faktoren machen die Türkei zu einem strategischen Knotenpunkt, den kein US-Präsident auf Dauer ignorieren kann – unabhängig von persönlichen Sympathien gegenüber Erdoğan.

Daraus ergibt sich eine klare Schlussfolgerung.

Die eigentliche Botschaft der vergangenen Tage ist nicht, dass Washington plötzlich Ankara bevorzugt. Vielmehr zeigt sich, dass die Zeit vorbei ist, in der andere Hauptstädte selbstverständlich davon ausgehen konnten, über die strategische Rolle der Türkei mitzuentscheiden und fast schon stiefmütterlich zu behandeln.

Ob CAATSA-Sanktionen, F-35, NATO oder Nahost – am Ende entscheidet Washington nach eigenen Interessen, oft über die Köpfe europäischer Hauptstädte hinweg. Und Ankara handelt nach türkischen Interessen. Das ist weder außergewöhnlich noch skandalös. Es ist Geopolitik.

Genau darin liegt die zentrale Lehre dieses NATO-Gipfels – insbesondere für europäische Analysten und Experten, die jetzt erst eine Welt nachzeichnen, die ihr gerecht wird. Nicht Trump benutzt die Türkei als Trumpfkarte. Die internationale Machtverschiebung hat die Türkei selbst zu einer Trumpfkarte gemacht – und zwingt nun alle Akteure, ihre Strategien entsprechend anzupassen.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


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