Alleine in Deutschland gelten mehr als 16 Millionen Menschen als stark übergewichtig. Viele davon versuchen immer wieder neue Diäten – und schaffen es doch nicht, nachhaltig abzunehmen.
Mit den Wirkstoffen Semaglutid und Tirzepatid hat sich die Aussicht auf einen dauerhaften Gewichtsverlust deutlich verbessert. Wer sie verwenden möchte, braucht allerdings Geduld und sollte sich im Klaren sein, dass sie mit Nebenwirkungen und anderen Herausforderungen verbunden sein können.
Ein Hormon als Vorbild
Sowohl Semaglutid als auch Tirzepatid ahmen körpereigene Darmhormone nach. Semaglutid (enthalten in Wegovy und Ozempic) entspricht dem Hormon GLP-1. Tirzepatid (enthalten in Mounjaro) spricht zusätzlich den Rezeptor des Hormons GIP an. Beide Botenstoffe dämpfen den Appetit und verlangsamen die Entleerung des Magens. Dadurch verringern sich Hungerattacken und das Abnehmen wird einfacher.
Beide Präparate spritzt man einmal pro Woche unter die Haut, wobei man die Dosis allmählich erhöht. Den Wirkstoff Semaglutid gibt es inzwischen auch in Form rezeptpflichtiger Tabletten.
Studien belegen die Wirkung
In der Zulassungsstudie STEP 1 verloren Teilnehmer mit Semaglutid in 68 Wochen etwa 15 Prozent ihres Körpergewichts. Für Tirzepatid ergab die Studie SURMOUNT-1 bei der höchsten Dosis durchschnittlich 21 Prozent Gewichtsverlust nach 72 Wochen. Eine reine Umstellung verschiedener Lebensgewohnheiten führt normalerweise zu Gewichtsverlusten zwischen drei und fünf Prozent.
Dazu kommen Effekte jenseits des Körpergewichts, etwa bessere Werte für Blutdruck, Blutzucker und Blutfette, wodurch das Risiko für Herz-Kreislauf-Probleme um ein Fünftel sinkt.
Die Realität hinter den Zahlen
Die genannten Durchschnittswerte sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass manche Menschen schwächer auf diese Behandlungen ansprechen und manche ihre Therapie abbrechen. Außerdem sollte man häufige Nebenwirkungen wie Übelkeit, Durchfall und Verstopfung in Betracht ziehen.
Ärzte haben außerdem oft beobachtet, dass oft ein Viertel oder mehr des verlorenen Gewichts nicht aus Körperfett besteht, sondern aus Flüssigkeit oder Muskelmasse. Eine eiweißreiche Ernährung und Krafttraining sollten deshalb Teil einer Therapie mit Semaglutid oder Tirzepatid sein, um die Muskelmasse zu erhalten.
Der vielleicht wichtigste Einwand betrifft die lange Dauer einer solchen Therapie. Wenn der Appetit danach wieder zurückkehrt, kann auch das Gewicht wieder ansteigen. Es läuft daher in vielen Fällen auf eine sehr langfristige Therapie ohne absehbares Ende hinaus.
Abnehmspritzen sind in Deutschland für Erwachsene mit einem Body-Mass-Index ab 30 zugelassen. Bei Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck oder Typ-2-Diabetes ist eine Verschreibung ab einem BMI von 27 möglich. Sie eignen sich also nicht für Normalgewichtige, die einige Kilos verlieren möchten. Oft richten sich Angebote aus dubiosen Internetquellen mit gefälschten Pens und einem unkontrollierten Wirkstoffgehalt an genau diese Gruppe.
Ärztliche Begleitung als Voraussetzung für den Erfolg
Vor dem Beginn der Therapie mit einer Abnehmspritze ist eine genaue Anamnese nötig. Danach muss der behandelnde Arzt laufend kontrollieren, ob der Patient die Behandlung verträgt.
Viele Arztpraxen und Zentren für die Gewichtsabnahme bieten heute strukturierte Programme an, die Medikamente, Ernährung und psychologische Unterstützung beinhalten. Auch der Umgang mit Essen bei verringertem Appetit will gelernt sein: Die Behandelten sollten die Größe der Portionen verringern und auf fettreiche Mahlzeiten verzichten, um das Risiko von Nebenwirkungen wie Übelkeit zu senken.
Der finanzielle Aspekt
Die monatlichen Kosten einer Abnehmspritze in Deutschland liegen je nach Präparat und Dosierung zwischen 220 und 580 Euro. Es kann sein, dass die gesetzlichen Krankenkassen diese Kosten nicht übernehmen. Vor allem sogenannte Lifestyle-Arzneimittel sind laut Sozialgesetzbuch von der Kostenübernahme ausgeschlossen.
Bei dauerhafter Anwendung summiert sich der Eigenanteil schnell auf mehrere tausend Euro im Jahr. Die Therapie wird damit für viele Übergewichtige zu einer Frage des Einkommens. Ärzte und Patientenverbände fordern seit langem, die Erstattung der Kosten neu zu regeln.
Realistische Erwartungen
Medikamente mit Semaglutid oder Tirzepatid sind ein echter Fortschritt, aber sie setzen auch Änderungen der Lebensweise voraus. Am besten funktionieren diese Therapien als Teil eines Gesamtkonzepts, das Ernährungsberatung und ein Bewegungsprogramm beinhaltet.
Eine Abnehmspritze verändert nur den Appetit. Wer sie ohne langfristigen Plan nutzt, riskiert, nach dem Absetzen wieder in alte Muster zu verfallen. Wer sie hingegen als Unterstützung versteht, kann sehr viel nachhaltiger Gewicht abnehmen als mit reiner Willenskraft.
Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information über Gesundheitsthemen. Er ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung oder Diagnose durch qualifiziertes Fachpersonal. Nehmen Sie Medikamente niemals ohne vorherige Rücksprache mit einem Arzt ein.

