Gastkommentar
Weltordnung: „Türkei muss Rolle selbstbewusst gestalten“

Çelik. "Nach dem Ende des Kalten Krieges herrschten im Westen zahlreiche Illusionen. Man glaubte, die Globalisierung werde automatisch Demokratie hervorbringen."

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Ein Gastkommentar von Özgür Çelik

Die Welt befindet sich nicht in einer Übergangsphase – sie steckt fest in einem Dauerzustand der Unordnung. Kriege, zerfallende Staaten, Terrorismus, regionale Konflikte, Cyberangriffe, Flüchtlingsbewegungen – all das sind keine „Ausreißer“ in einer ansonsten stabilen Weltordnung, sondern Ausdruck einer neuen Normalität. Wer noch immer auf ein baldiges „Zurück zur Ordnung“ hofft, belügt sich selbst.

Nach dem Ende des Kalten Krieges herrschten im Westen zahlreiche Illusionen. Man glaubte, die Globalisierung werde automatisch Demokratie hervorbringen. Man vertraute darauf, dass internationale Institutionen wie die UNO, die WTO oder die EU dauerhaft Stabilität garantieren könnten.

Man war überzeugt, dass militärische Interventionen Demokratien exportieren und ganze Regionen befrieden würden. Heute wissen wir: Das Gegenteil ist eingetreten. Irak, Afghanistan, Libyen – Beispiele genug für das Scheitern. Statt Ordnung brachten sie Chaos.

Internationale Politik folgt keiner höheren Moral, sondern der Logik der Macht. Staaten handeln nicht altruistisch, sondern aus Eigeninteresse. Regeln und Verträge existieren, doch sie gelten nur, solange sie den Interessen der Mächtigen nicht im Weg stehen. Die Annexion der Krim, Chinas Vorgehen im Südchinesischen Meer, der Syrien-Krieg – alles Beispiele dafür, wie schnell internationales Recht zur Nebensache wird.

Die USA bleiben zwar militärisch und ökonomisch die stärkste Macht, doch ihre globale Dominanz bröckelt. Innenpolitische Spaltung, strategische Überdehnung und wachsende Zweifel an der eigenen Führungsrolle lassen offen, ob das „amerikanische Jahrhundert“ bereits zu Ende geht.

Gleichzeitig nutzen andere Mächte das entstandene Machtvakuum: China als wirtschaftlicher Gigant mit globalen Ambitionen, Russland mit gezieltem Störpotenzial, Indien, die Türkei oder der Iran mit regionalen Agenden. Das Ergebnis ist eine multipolare Welt, in der flexible, ad-hoc geschlossene Koalitionen das alte Institutionendenken ablösen.

Die Türkei muss in dieser neuen Weltordnung ihre Rolle selbstbewusst gestalten. Während die USA an globaler Dominanz verlieren, China wirtschaftlich expandiert und Russland Unruhe stiftet, bleibt unsere Nation ein zentraler Akteur in ihrer Region.

Die multipolare Welt verlangt von uns, unsere Interessen klar zu definieren, unsere Verteidigungsfähigkeit zu stärken und auf flexible Allianzen zu setzen – statt auf die leeren Versprechen anderer zu bauen.

Hinzu kommt: Die Konflikte haben sich verändert. Kriege werden asymmetrisch geführt, Gegner agieren in Grauzonen, unterhalb der klassischen Kriegsschwelle. Cyberangriffe, Desinformation und hybride Kriegsführung sind längst Teil der globalen Realität. Daten und Technologien sind heute ebenso wertvoll wie Panzer oder Raketen.

Migration und Flüchtlingsbewegungen stellen eine weitere Herausforderung dar. Kriege, Armut und Umweltkatastrophen treiben Millionen Menschen in Bewegung. Für die Türkei bedeutet das: Schutz der eigenen Grenzen, Stärkung der nationalen Integrität und zugleich verantwortungsbewusstes Handeln in der Nachbarschaft.

Nationale Stärke und Selbstbestimmung sind heute entscheidender denn je. In Europa befeuern Nationalismus, Populismus und die Rückkehr zu nationalem Denken diese Entwicklungen. Von „America First“ bis Brexit, von Orbán bis Le Pen – überall wird deutlich: Die Globalisierung hat ihre Unschuld verloren.

Was folgt daraus?

Zunächst einmal Realismus: Diese Unordnung ist kein Übergang – sie ist der neue Normalzustand. Illusionen helfen nicht weiter. Institutionen allein schaffen keine Stabilität, und Werte allein keine Sicherheit.

Die westlichen Demokratien, allen voran Deutschland und Europa, müssen sicherheitspolitisch erwachsener werden. Resilienz stärken, Verteidigungsfähigkeit ausbauen, strategische Klarheit entwickeln – das sind die eigentlichen Aufgaben. Die Türkei muss ihre nationale Stärke ausbauen, strategische Klarheit entwickeln und pragmatisch handeln.

Die regelbasierte Weltordnung bleibt ein Ideal, darf aber nicht länger als selbstverständlich gelten. Stattdessen gilt: pragmatisch handeln, flexible Koalitionen bilden, Realitäten anerkennen. Wer die Welt weiterhin durch die Brille der 1990er-Jahre betrachtet, wird in der Unordnung scheitern. Die Türkei hat das Potenzial, in dieser multipolaren Welt nicht nur zu bestehen, sondern als regionaler Stabilitätsfaktor zu wirken.

Die Welt ist nicht auf dem Weg zu einer neuen Ordnung – sie ist längst in der Unordnung angekommen. Die Frage ist nicht, wie wir sie beenden, sondern wie wir lernen, in ihr zu bestehen.

 


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


Zum Autor

Özgür Çelik studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie an der Universität Duisburg-Essen. Seine Fachgebiete sind die deutsche Sicherheits- und Verteidigungspolitik, die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei sowie zwischen der EU und der Türkei, türkische Politik, die türkische Migration und Diaspora in Deutschland

 


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