Geschichtswissenschaft
Goethe und Hafis – Liebe verbindet Seelen

Johann Wolfgang von Goethe begegnete dem persischen Dichter Hafis nicht auf Reisen, sondern in einem Buch. Die entscheidende Brücke schlug Joseph von Hammer-Purgstall.

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Von Çağıl Çayır

Johann Wolfgang von Goethe begegnete dem persischen Dichter Hafis nicht auf Reisen, sondern in einem Buch. Die entscheidende Brücke schlug Joseph von Hammer-Purgstall.

Der österreichische Orientalist veröffentlichte 1812 die erste vollständige deutsche Übersetzung des Diwan des Hafis. Für Goethe war diese Lektüre ein Wendepunkt. Sie führte zur Entstehung des West-östlichen Divan – einem der persönlichsten und zugleich weltoffensten Werke der deutschen Literatur.

Und mag die ganze Welt versinken,
Hafis mit dir, mit dir allein
Will ich wetteifern! Lust und Pein
Sei uns, den Zwillingen, gemein!
Wie du zu lieben und zu trinken,
Das soll mein Stolz, mein Leben sein. (Goethe, West-Östlicher Divan, Stuttgart 1819)

Hafis – die Stimme des Herzens

Hafis lebte im 14. Jahrhundert in Schiras. Seine Dichtung ist voller Gegensätze: Wein und Weisheit, Sinnlichkeit und Gott, Zweifel und Vertrauen. In der Form des Ghasels verband er Mystik mit Lebensfreude. Seine Verse sind Ausdruck einer Welt, in der Liebe nicht nur privat, sondern auch spirituell ist – eine Kraft, die Menschen über sich hinausführt.

Goethe – die Antwort aus Weimar

Goethe war schon ein erfahrener Schriftsteller. Doch die Begegnung mit Hafis öffnete in ihm etwas neues. Im West-östlichen Divan reagierte Goethe auf Hafis. Es entstand ein Dialog – zwischen Orient und Okzident, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen zwei Seelen, die einander nie begegneten, aber doch verwandt schienen.

Goethe näherte sich dem Orient nicht oberflächlich. Er las den Koran, beschäftigte sich mit islamischer Philosophie und schätzte die Persönlichkeit des Propheten Mohammed. Sein Interesse war ernsthaft.

Für ihn war Religion keine Grenze, sondern eine Möglichkeit, das Gemeinsame zu erkennen. Liebe, so verstand er, sei eine universelle Sprache – sie verbinde das Menschliche mit dem Göttlichen, das Ich mit dem Anderen.

Hammer-Purgstall – der Vermittler

Ohne Joseph von Hammer-Purgstall wäre diese Begegnung nicht möglich gewesen. Der Orientalist machte mit seinen Übersetzungen erstmals die persische Dichtung systematisch für den deutschen Sprachraum zugänglich.

Er war kein Lehrer Goethes, aber ein Wegbereiter. Er übersetzte nicht nur Worte, sondern auch Denkweisen. Damit schuf er die Voraussetzung für einen literarischen Austausch, der bis heute wirkt.

Wirkung und Gegenwart

Goethes West-östlicher Divan wurde ein Symbol für Verständigung durch Poesie. Er prägte das Ideal der Weltliteratur. Viele Autoren griffen dieses Erbe auf – in Europa wie in der islamischen Welt. Auch das Goethe-Institut trägt diese Haltung weiter.

Es fördert weltweit Projekte, die den kulturellen Dialog stärken. In vielen islamisch geprägten Ländern ist Goethes Divan fester Bestandteil von Bildungsprogrammen, Lesungen und Übersetzungsprojekten.

Drei Menschen aus drei Epochen

Drei Menschen aus drei Epochen, verbunden durch Worte. Hafis gab den Ton vor, Hammer-Purgstall öffnete das Tor, Goethe antwortete.

Was sie verband, war nicht Herkunft, Sprache oder Religion. Es war die Liebe zur Wahrheit, zur Schönheit, zur Menschlichkeit. Und diese Liebe – das zeigt ihr Werk – ist stärker als alle Grenzen. Sie verbindet. Bis heute.

Du bist deine eigene Grenze, erhebe dich darüber.“ Hafis

 


Zum Autor

Çağıl Çayır studierte Geschichte und Philosophie an der Universität zu Köln und ist als freier Forscher tätig. Çayır ist Autor von „Runen in Eurasien. Über die apokalyptische Spirale zum Vergleich der alttürkischen und ‚germanischen‘ Schrift‘“ und ist Gründer der Kultur-Akademie Çayır auf YouTube. Seine Arbeiten wurden international in verschiedenen Fach- und Massenmedien veröffentlicht.


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