Gastkommentar
Özgür Çelik: Der Westen schürt gezielt geopolitische Spannungen

Während die Welt täglich den Krieg in der Ukraine verfolgt und Russland einstimmig als Symbol des Bösen brandmarkt, bleiben andere Kriegsverbrechen nahezu unbeachtet.

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Ein Gastbeitrag von Özgür Çelik

Während die Welt täglich den Krieg in der Ukraine verfolgt und Russland einstimmig als Symbol des Bösen brandmarkt, bleiben andere Kriegsverbrechen nahezu unbeachtet.

Im Gazastreifen agiert Netanjahu seit Monaten mit gnadenloser Härte. Unter den Augen der Weltöffentlichkeit werden Wohnviertel zerstört, Krankenhäuser bombardiert, Millionen Menschen von Wasser und Nahrung abgeschnitten. Es ist ein Völkermord – und der Westen? Er schaut zu. Genauso wie er einst zuschaute, als in Jugoslawien bosnische Muslime massakriert wurden.

Diese Doppelmoral ist kein neues Phänomen. Sie ist tief verwurzelt in der DNA jener sogenannten „zivilisierten Welt“, die sich heute anmaßt, anderen Lektionen über Menschenrechte und Gerechtigkeit zu erteilen. Die westlichen Staaten haben eine blutige Geschichte, die sie längst verdrängt haben.

Im Schatten der eigenen Verbrechen

Zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert verschleppte Europa Millionen Afrikaner in die Amerikas. Ganze Kulturen wurden ausgelöscht, ganze Völker entwurzelt – und bis heute gibt es kaum ernsthafte Debatten über Entschädigung.

Wie können dieselben Mächte, die einst Afrikaner versklavten und indigene Völker Amerikas und Australiens nahezu ausrotteten, heute moralische Überlegenheit beanspruchen?

Die Engländer, die auf Tasmanien die Aborigines vernichteten. Frankreich, der selbsternannte Hüter von „Liberté, Égalité, Fraternité“, unterwarf Algerien mit Terror, Folter und Massaker. Hunderttausende verloren ihr Leben, weil sie ihre Freiheit wollten. Bis heute wird diese Schuld verdrängt.

Auch die als besonders fortschrittlich geltenden skandinavischen Staaten tragen dunkle Kapitel: Norwegen und Schweden zwangen ethnische Minderheiten wie die Samen, ihre Kultur aufzugeben. In Griechenland und Bulgarien wurden Türken in Thrakien und auf Zypern unterdrückt, vertrieben oder assimiliert – Geschichten, die kaum jemand hören will.

Und Deutschland? Lange vor den Schrecken des Zweiten Weltkriegs verübten deutsche Kolonialherren in Namibia einen Genozid an den Herero und Nama. Auch die Auslöschung ganzer deutscher Städte wie Dresden und Hamburg durch alliierte Bombardements findet in der westlichen Erinnerung kaum noch Platz. Die Liste westlicher Verbrechen ist lang – doch sie verblasst im kollektiven Gedächtnis.

Trotz dieser langen, blutigen Geschichte wagt es der Westen, die Türkei wegen der sogenannten „Armenierfrage“ an den Pranger zu stellen. Dabei verschweigt man gern, dass sich die Armenier während eines existenzbedrohenden Weltkriegs bewaffnet gegen den eigenen Staat erhoben – unterstützt von feindlichen Mächten. Die osmanische Regierung reagierte mit einer Umsiedlungsmaßnahme – eine tragische, chaotische Entscheidung inmitten eines Krieges, aber kein geplanter Völkermord.

Die Türkei hat ihre Archive geöffnet und lädt seit Jahren unabhängige Historiker zur Prüfung ein. Doch das Echo bleibt aus – weil die Wahrheit unbequem ist. Weil sie nicht in das politisch nützliche Bild passt, das der Westen so gerne zeichnet.

Heute zeigt sich die westliche Heuchelei erneut: In Nahost droht Netanyahu offen mit Krieg – nicht nur gegen den Iran, sondern gegen jede politische Vernunft. Seine Aggression richtet sich längst nicht mehr nur gegen militärische Ziele, sondern gegen die Zivilbevölkerung.

Räumungsbefehle in Beirut, bevorstehende Luftschläge – und all das unter stiller Duldung jener Staaten, die sich selbst als „Hüter der Menschenrechte“ feiern.

Und während Israel sich auf einen neuen Krieg vorbereitet, eskaliert auch die Lage zwischen Indien und Pakistan. Entlang der Grenze in Kaschmir häufen sich Gefechte, Truppenbewegungen und Raketenstarts. Pakistan verlegt zusätzliche Kampfjets, der indische Flugzeugträger INS Vikrant wird vorsorglich zurückgezogen. Der nächste große Konflikt scheint nur noch eine Frage der Zeit – und erneut bleibt westliche Empörung auffällig leise.

Statt Frieden zu fördern, schürt der Westen gezielt geopolitische Spannungen. Ob in Osteuropa, Zentralasien oder dem Nahen Osten: Die alte Devise „Nie wieder Krieg“ ist längst ersetzt worden durch ein neues Credo: „Nur nicht auf eigenem Boden.“ Investitionspakete wie das „Global Gateway“ der EU sind keine Hilfsprojekte – sie sind Instrumente des Einflusses. Jeder Krieg, jedes Leid, jeder geopolitische Brandherd wird genutzt, um Macht zu sichern.

Wer heute ernsthaft von Völkermord und Menschenrechten sprechen will, sollte aufhören, ständig mit dem moralischen Zeigefinger auf andere zu zeigen. Stattdessen wäre es an der Zeit, den Mut aufzubringen, sich selbst im Spiegel zu betrachten. Was Netanyahu heute im Gazastreifen tut, was Serbien in Bosnien wieder droht, was der Westen seit Jahrhunderten praktiziert – all das zeigt: Schuld, Heuchelei und Gewalt sitzen tief.

In einer gerechten Welt gäbe es einen Platz für die Scham. Einen Platz, an den sich Amerika, Europa und ihre moralischen Komplizen setzen müssten. Doch diese Welt hat längst keine Schamecke mehr – sie ist zu klein geworden für die Größe ihrer eigenen Vergehen.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


Zum Autor

Özgür Çelik studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie an der Universität Duisburg-Essen. Seine Fachgebiete sind die deutsche Sicherheits- und Verteidigungspolitik, die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei sowie zwischen der EU und der Türkei, türkische Politik, die türkische Migration und Diaspora in Deutschland


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