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18 Jahre danach: Der NSU-Mord an Halit Yozgat

Der NSU hatte von 2000 bis zu seiner Selbstenttarnung 2011 bundesweit neun Gewerbetreibende türkischer und griechischer Herkunft sowie eine Polizistin ermordet.

Halit Yozgat (Foto: Privat)
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von Kemal Bölge

Der 6. April 2006 war ein schöner Frühlingstag in Kassel. Halit Yozgat hatte seiner Mutter Geld gegeben, damit sie seinem Vater, der am nächsten Tag Geburtstag hatte, ein Geschenk kaufen konnte. Halit Yozgat betrieb ein Internetcafé, das er mit Unterstützung seines Vaters eröffnet hatte.

Der 21-Jährige besuchte die Abendschule und machte auch an diesem Tag seine Hausaufgaben, während er darauf wartete, dass sein Vater ihn im Internetcafé ablöste. Mutter und Vater hatten sich mit dem Geschenkekauf etwas verspätet, aber der junge Mann wartete geduldig. Es war kurz nach 17 Uhr, als der Vater das Internetcafé betrat und Blutstropfen auf dem Tresen sah, wo sich die Kasse befand. Auf dem Boden hinter der Kasse sah er den leblosen, blutüberströmten Körper seines Sohnes.

Im NSU-Prozess in München hat der Vater als Zeuge die erste Begegnung mit seinem tot am Boden liegenden Sohn geschildert. „Halit, mein Sohn, was ist mit dir passiert‘, fragte ich, aber er antwortete nicht. Ich nahm ihn in die Arme, sah ihn an und legte ihn langsam hin.“ In Panik rannte er aus dem Laden, um einen Krankenwagen und die Polizei zu rufen. Zwei Tage zuvor, am 04. April 2006, wurde in Dortmund der Familienvater und Kioskbesitzer Mehmet Kubaşık ermordet.

Die Familie Yozgat wurde von der Polizei verdächtig und kriminalisiert

Zur Beerdigung des vom NSU ermordeten Sohnes flog die Familie in die Türkei. Während ihres Aufenthalts in der alten Heimat und nach ihrer Rückkehr nach Deutschland wurde die Familie mit verschiedenen Vorwürfen konfrontiert. Der Verdacht und die Ermittlungen der Polizei in Richtung organisierte Kriminalität und der Vorwurf, der Mord an Halit Yozgat könnte im Zusammenhang mit Drogengeschäften stehen, führten dazu, dass die Familie ihre sozialen Kontakte vollständig abbrach.

Zur Tatzeit saß ein Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes, Andreas Temme, im Café. Dieser muss, bevor er das Geschäft verließ, den hinter dem Tresen in einer Blutlache liegenden Yozgat gesehen haben. Temme hatte in mehreren Vernehmungen und als Zeuge im Münchner NSU-Prozess bestritten, den von tödlichen Schüssen getroffenen Halit Yozgat am Boden gesehen zu haben. Das Oberlandesgericht hielt Temmes Aussage 2016 dennoch für glaubhaft.

Britisches Forscherteam: Verfassungsschützer Temme muss den getöteten Halit Yozgat gesehen haben

Das britische Forscherteam Forensic Architecture der Goldsmith University kam jedoch zu einem anderen Ergebnis. Den Wissenschaftlern zufolge muss Temme den am Boden liegenden Halit Yozgat gesehen haben, als er das 50-Cent-Stück auf den Tresen legte. Außerdem hinterlasse der Schuss aus einer Pistole (Ceska 83) in geschlossenen Räumen einen verbrannten Pulvergeruch, den Temme hätte wahrnehmen müssen.

Der NSU hatte von 2000 bis zu seiner Selbstenttarnung 2011 bundesweit neun Gewerbetreibende türkischer und griechischer Herkunft sowie eine Polizistin ermordet. Hinzu kamen drei Sprengstoffanschläge mit Dutzenden Verletzten und 15 Raubüberfälle, ohne dass die Polizei ihnen trotz intensiver Ermittlungen auf die Spur kam.

Fallanalyse von Profiler Alexander Horn: Tatmotiv Ausländerhass

Der bayerische Kriminalbeamte und Profiler Alexander Horn ging in einer operativen Fallanalyse bereits 2006, also im Jahr der Ermordung von Mehmet Kubaşık und Halit Yozgat durch die NSU-Terroristen, von Ausländerhass als Tatmotiv aus. Das Bundeskriminalamt (BKA) glaubte dieser Analyse nicht und ermittelte weiter in Richtung organisierte Kriminalität. Statt nach den wahren Tätern zu suchen, wurden die Opferfamilien jahrelang von der Polizei beschuldigt und kriminalisiert.

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