Afghanistan
Hungerkrise: Erneut Proteste gegen US-Sanktionen in Kabul

Unmittelbar nachdem die Taliban Mitte August die Kontrolle über das vom Krieg zerrüttete Land übernommen hatten, blockierte Washington den Zugang Kabuls zu rund 9,4 Milliarden Dollar, die größtenteils bei der US-Notenbank gelagert waren.

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Kabul – Am heutigen Sonntag gab es in der afghanischen Hauptstadt erneut Proteste gegen US-Sanktionen.

Die Demonstranten forderten die Vereinigten Staaten auf, eingefrorene afghanische Gelder freizugeben und den wirtschaftlichen Druck auf Afghanistan zu verringern, damit das „afghanische Volk sein Land wieder aufbauen kann“. Die Demonstranten erklärten, die US-Sanktionen gegen Afghanistan hätten die wirtschaftliche Lage verschlechtert. Ferner forderten sie die internationale Gemeinschaft auf, die Übergangsregierung der Taliban anzuerkennen, wie lokale Medien berichten.

Auch der pakistanische Premierminister Imran Khan forderte bereits im November die USA auf, die Gelder Afghanistans freizugeben. Er warnte vor einem „wirtschaftlichen Zusammenbruch“ des Landes.

„Pakistan hat immer wieder die Bereitstellung von sofortiger humanitärer Hilfe für Afghanistan gefordert … Pakistan würde wichtige Nahrungsmittel wie Weizen und Reis, medizinische Notversorgung und Unterkünfte für Afghanistan bereitstellen“, hieß es in einer Erklärung.

Unmittelbar nachdem die Taliban Mitte August die Kontrolle über das vom Krieg zerrüttete Land übernommen hatten, blockierte Washington den Zugang Kabuls zu rund 9,4 Milliarden Dollar, die größtenteils bei der US-Notenbank gelagert waren.

Das Einfrieren des Geldes und die internationalen Sanktionen haben die afghanische Wirtschaft, die in den letzten 20 Jahren stark von externer Hilfe abhängig war, an den Rand des Zusammenbruchs gebracht. Auch die Weltbank und der Internationale Währungsfonds haben die finanzielle Unterstützung für die Entwicklungsprojekte eingestellt.

Hungerkrise in Afghanistan

Afghanistans Wirtschaft liegt am Boden. Die Hungerkrise spitzt sich dramatisch zu und viele Menschen wissen nicht, woher sie Essen bekommen sollen. Im Winter breitet sich der Hunger dramatisch aus und erreicht das Niveau vom Jemen oder dem Südsudan.

Wie aus einer Analyse der UN-Landwirtschaftsorganisation (FAO) und des UN-Welternährungsprogramms (WFP) hervorgeht, hat aktuell fast die Hälfte der Bevölkerung in Afghanistan nicht genug zu essen, knapp 19 Millionen Menschen. Zwei Millionen Kinder sind mangelernährt.

Aufgrund von Dürre, Pandemie und Konflikt wird sich der Zugang zu und die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln weiter verschlechtern.

Es sei schrecklich, was man im Kinderkrankenhaus sehe, sagt Mary-Ellen McGroarty vom Welternährungsprogramm – aber dort seien nur die Kinder, die es in ein Krankenhaus schaffen. Die größte Katastrophe sehe man dort nicht, betont sie und fragt, wie viele Kinder es seien, deren Eltern nicht in der Lage seien, sie in ein Krankenhaus zu bringen. Die kleinen Kinder „zahlen hier in Afghanistan im Moment einen unglaublichen Preis“, zitiert tagesschau McGroarty weiter.

US-Regierung unter Druck

Die US-Regierung Biden sieht sich zunehmendem Druck von Abgeordneten, Hilfsorganisationen und ehemaligen Beamten ausgesetzt, den Fluss von Milliarden von Dollar an Hilfsgeldern und Bargeld nach Afghanistan wieder aufzunehmen, wo die humanitäre Krise immer gefährlicher wird.

Anfang Dezember forderten drei ehemalige US-Militärkommandeure in Afghanistan und vier ehemalige US-Botschafter in Kabul sowie weitere ehemalige hochrangige Beamte die Regierung auf, eine Lockerung der Politik in Betracht zu ziehen, die das Auslandsvermögen der afghanischen Regierung eingefroren und die US-Finanzhilfe abgeschnitten hat, die zusammen mit anderen Gebermitteln einst drei Viertel der Einnahmen des Landes ausmachte.

„Was wir brauchen, ist der Mut zum Handeln“, so die Autoren in einer vom Atlantic Council veröffentlichten Erklärung. Sie wiesen auf Schätzungen der Vereinten Nationen hin, wonach nur 5 Prozent der rund 40 Millionen Einwohner Afghanistans über ausreichend Nahrungsmittel verfügen und 97 Prozent der Bevölkerung in den nächsten 18 Monaten unter die Armutsgrenze fallen werden, und erklärten, die Vereinigten Staaten hätten „ein Interesse an ihrem Ruf und eine moralische Verpflichtung“, ihnen zu helfen.

In einem separaten Schreiben an Außenminister Antony Blinken und Finanzministerin Janet Yellen appellierten im Dezember fast 40 überparteiliche Kongressmitglieder, darunter die demokratischen Vorsitzenden der wichtigsten nationalen Sicherheitsausschüsse im Repräsentantenhaus, an die Regierung, neue Schritte in Betracht zu ziehen.

„Wir wollen den Taliban nicht helfen, aber wir wollen auch nicht, dass die Afghanen im Winter verhungern“, sagte der Abgeordnete Tom Malinowski, D-N.J., der die Initiative mit angestoßen hat. „Wir wollen, dass die Millionen von Afghanen, die das Land nicht verlassen werden, sondern versuchen, die Errungenschaften der letzten 20 Jahre zu verteidigen, wissen, dass die Vereinigten Staaten immer noch hinter ihnen stehen“.

„Wenn man den Menschen helfen will, den Winter zu überleben“, sagte Malinowski in einem Interview, „kann man nicht bis zum Frühling warten.“

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