Studie
Beratungsarbeit: Wege aus dem salafistischen Extremismus

Was bringt Menschen dazu, sich aus einer salafistischen Ideologie zu lösen? Wo und wie kann Beratung besser ansetzen, um Betroffene auf dem Weg ihrer Loslösung vom Salafismus zu unterstützen?

Teilen

Nürnberg – Was bringt Menschen dazu, sich aus einer salafistischen Ideologie zu lösen? Wo und wie kann Beratung besser ansetzen, um Betroffene auf dem Weg ihrer Loslösung vom Salafismus zu unterstützen? Drei Jahre lang haben sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit diesem Thema beschäftigt. Die nun veröffentlichte Verbundstudie „Praxisorientierte Analyse von Deradikalisierungsverläufen“ („PrADera“) zeigt die Vielfalt der Wege in und aus dem salafistischen Extremismus.

Besonders für junge Menschen in schwierigen Lebenslagen ist der Salafismus attraktiv, weil er eine scheinbar klare Orientierung anbietet. Die erstmals mit Betroffenen geführten Interviews ergaben in der wissenschaftlichen Analyse, dass professionelle Unterstützung durch ein Beratungsangebot eine wichtige und notwendige Hilfe gerade für jene Personen darstellt, die nicht in der Lage sind, sich selbstständig von der Ideologie und der „Szene“ zu distanzieren. Über die Frage, wie sich die verschiedenen Wege der Distanzierung unterscheiden und welche Faktoren wirksam werden, konnte eine Typologie erstellt werden.

„Menschen wenden sich aus unterschiedlichen Gründen zum Salafismus hin, ein typisches Profil gibt es nicht. Im Verlauf der Deradikalisierung ist Unterstützung durch Familie, Partnerin oder Partner eine wichtige Stütze. Auch Beratungsangebote haben durchweg positive Effekte und sind in einigen Fällen für eine Distanzierung unbedingt notwendig“, sagt Corinna Emser, Studien-Mitautorin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungszentrum des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF).

Für das Verbundforschungsprojekt „PrADera“ arbeitete das BAMF-Forschungszentrum mit dem Kompetenzzentrum für Deradikalisierung und Risikoanalyse des Bayerischen Landeskriminalamts und dem Zentrum Technik und Gesellschaft der Technischen Universität Berlin zusammen. „Das Projekt ist ein sehr gutes Beispiel für die gelingende Zusammenarbeit von universitärer Forschung und Forschungseinrichtungen in Behörden, die gemeinsam nach höchsten wissenschaftlichen und ethischen Standards zusammengearbeitet haben“, so das Resümee von Dr. Robert Pelzer, Projektleiter am Zentrum Technik und Gesellschaft.

Deradikalisierung in und nach der Haft

Besonderen Bedingungen unterliegen Menschen, die straffällig und inhaftiert wurden, wie die Analyse der Deradikalisierungsverläufe weiter ergab. Für diese Interviewten war die Haft ein einschneidender Moment in ihrer Biografie: Denn in der Haft besteht einerseits die Chance, sich von Ideologie und salafistischer Praxis zu lösen, da das entsprechende salafistische Umfeld fehlt. Andererseits gibt es auch ein gewisses Risiko, dass Menschen ihre Überzeugungen und salafistische Praxis an die neuen Gegebenheiten anpassen und gegebenenfalls intensivieren. Daher sollte die Inhaftierung nach Möglichkeit stets mit einem Beratungsangebot einhergehen, empfehlen die Studienautorinnen und -autoren. Insbesondere nach der Haftentlassung ist eine fortlaufende Unterstützung durch Beratungsarbeit sehr wichtig. Dazu zählen in erster Linie lebenspraktische Maßnahmen, um den Distanzierungsprozess von der Szene weiter zu unterstützen.

Beratung und Unterstützung in der Deradikalisierungsarbeit erfordern mitunter einen langen Atem, lautet eine der Erkenntnisse des Projekts. Die Interviewten berichteten, dass sie Themen der Ideologie meist erst nach einem längeren Prozess des Vertrauensaufbaus mit den Beratenden besprochen hätten. Daher ist es besonders wichtig, die Unterstützungsangebote stets individuell und an den Grad der Ideologisierung der betroffenen Person anzupassen, so der Rat der Forschenden im Hinblick auf Ausbau und Weiterentwicklung vorhandener Beratungsarbeit.

Um die ausschlaggebenden Gründe für eine Loslösung vom Salafismus zu ermitteln, hatten die Forschenden Kontakt mit Szenemitgliedern aufgenommen. Daraus entstanden 16 narrative Interviews mit sechs Frauen und zehn Männern, die sich von salafistischen Bewegungen abwenden oder schon abgewandt hatten; sieben Personen davon waren zum Zeitpunkt der Hinwendung zum Salafismus noch minderjährig. Gefragt wurde nach positiven und negativen Erfahrungen in Bezug auf eventuell erlebte behördliche Maßnahmen oder im gesellschaftlichen Umgang und wie sich dadurch persönliche Ziele und Vorstellungen verändert haben.

Auch interessant

– Benjamin Idriz –
Kommentar: Wie sollen wir mit „Muhammed-Karikaturen“ umgehen

Ibn Salul und Muhammed-Karikaturisten: Wie sollen wir mit Beleidigung umgehen? Was sagt der Koran und was sagt der Prophet selbst dazu? Was müssen wir tun, um dem entgegenzutreten? Eine Antwort.

Kommentar: Wie sollen wir mit „Muhammed-Karikaturen“ umgehen

Auch interessant

Türkei senkt Zuschussgrenze beim Strom auf 3.000 Kilowattstunden

Ankara - Neue Regelung ab Januar 2027: Millionen Haushalte könnten künftig höhere Stromkosten haben. Besonders Haushalte mit Klimaanlagen und elektrischer Warmwasserbereitung stehen vor zusätzlichen...

Mattner: Die meisten Opfer des islamistischen Terrors sind Muslime

Ein Gastkommentar von Susanne Mattner Die Opfer des islamistischen Terrors? Sehr häufig Muslime. Eine Tatsache, die in der öffentlichen Diskussion erstaunlich oft untergeht. Eine internationale Untersuchung...

Von Württemberg in den Kaukasus. Ein deutsches Kapitel in der Geschichte Aserbaidschans

Von Toghrul Hasanzade Als Mammad Amin Rasulzade und andere Gründerväter am 28. Mai 1918 die Gründung der Ersten Aserbaidschanischen Republik verkündeten, gab es in diesen...

Klasse-B-Autoklaven als Rückgrat moderner Instrumentenaufbereitung

Sterilisation ist in vielen Bereichen längst nicht mehr nur ein Thema für große Kliniken. Ob Zahnarztpraxis, ambulantes OP-Zentrum, Podologie, Dermatologie oder Tattoo- und Piercingstudio:...

Stevens stützt Republikaner Rogers: El-Sayed sammelt 1,2 Mio. Dollar

Detroit - Zwei Tage vor der Wahl in Michigan spricht die Demokratin Haley Stevens, die im August die Vorwahl gegen den israelkritischen Abdul El-Sayed...

Headlines

Historischer Meilenstein in New Mexico: Deb Haaland wird erste indigene Gouverneurin der USA

Santa Fe / Washington – Bei den US-Gouverneurswahlen hat die Demokratin Deb Haaland Geschichte geschrieben. Die ehemalige US-Innenministerin setzte...

Midterms markieren Beginn der nächsten großen Positionierungsrunde

Von Martin Lück Der deutliche Sieg der Demokraten bei den Wahlen zum Repräsentantenhaus und zum Senat ist vor allem ein...

USA: El-Sayed wird erster muslimischer Senator in der Geschichte

Detroit - Der Demokrat Abdul El-Sayed wird das Rennen um den Senatssitz in Michigan voraussichtlich gewinnen. Laut Decision Desk...

Stevens stützt Republikaner Rogers: El-Sayed sammelt 1,2 Mio. Dollar

Detroit - Zwei Tage vor der Wahl in Michigan spricht die Demokratin Haley Stevens, die im August die Vorwahl...

Meinung

Urlaub genießen, ohne jeden Tag Sehenswürdigkeiten abzuhaken

Wer aus dem Urlaub müder zurückkehrt, als er losgefahren ist, hat meist zu viel geplant, getrieben vom Gedanken, man sei ja nur einmal hier...

Historischer Meilenstein in New Mexico: Deb Haaland wird erste indigene Gouverneurin der USA

Santa Fe / Washington – Bei den US-Gouverneurswahlen hat die Demokratin Deb Haaland Geschichte geschrieben. Die ehemalige US-Innenministerin setzte sich in New Mexico gegen...

Rapor: Afrika Gençliği Ruh Sağlığında Dünya Lideri

Londra - Maddi refah, ruh sağlığının garantisi değil. Şubat 2026 sonunda yayımlanan yeni bir küresel rapor, zihinsel esenlik haritasını temelden sarstı. İngiltere, Japonya ve Yeni...

Wall Street Journal: Türkiye’nin durdurulması gerekiyor

Konuk Yazar: Özgür Çelik Bradley Martin tarafından kaleme alınan ve 4 Mart 2026 tarihinde Wall Street Journal'da yayımlanan "Türkiye'yi Dizginlemek İçin Acil Bir İhtiyaç" (An...

Araştırma: Dini İnanç, Gençleri Kaygı Bozukluklarından Koruyan Temel Bir Faktör

Almanya - Bochum Ruhr Üniversitesi (RUB) tarafından yürütülen güncel bir araştırma, dini inancın çocukların ve gençlerin ruh sağlığı için kritik bir koruyucu faktör olduğunu...