Kommentar
Türkei: Das Trauma des Putschversuchs vom 15. Juli 2016

Der Schock des Putschversuchs ist in den Köpfen der türkischen Bevölkerung noch allgegenwärtig. Es war am Abend des 15. Juli 2016, als Panzer der türkischen Armee strategisch wichtige Punkte in Istanbul besetzt hatten.

Teilen

ein Gastbeitrag von Kemal Bölge

Der Schock des Putschversuchs ist in den Köpfen der türkischen Bevölkerung noch allgegenwärtig. Es war am Abend des 15. Juli 2016, als Panzer der türkischen Armee strategisch wichtige Punkte in Istanbul besetzt hatten. Mitglieder des terroristischen Gülen-Netzwerks, auch bekannt als Fetullahistische Terrororganisation (Fetö), hatten in der Armee geputscht. Die Bevölkerung war aufgebracht und ging auf die Straße. Einer dieser tapferen Helden, die sich für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Freiheit in der Türkei einsetzten, war Birol Mınık. Er befand sich am 15. Juli 2016 in Istanbul und hat seine Erlebnisse für uns zusammengefasst.

Mınık:

„Der 15. Juli 2016, der Tag des Putschversuchs, war für mich ein sehr prägendes Ereignis. An jenem Tag befand ich mich mit meinem Sohn, meiner Schwester und meiner Mutter in Istanbul.  Wir waren gerade in der Wohnung meiner Schwester, in der 34. Etage, als Kampfflugzeuge an unserem Hochhaus vorbeidonnerten. Nachdem wir die Lage begriffen hatten, sind wir dann mit unseren türkischen Fahnen auf die Straße gegangen und liefen in Richtung des Stadtzentrums des Stadtteils Kadıköy. In dieser Nacht hatte es mich besonders beeindruckt, dass um manche Gebäude sich sehr viele (einige hundert) Menschen versammelten und dort verharrten, bis der Putschversuch  vorbei war. Es kamen immer mehr vollbeladene, schwere Betonmischer hinzu, die die Straßen zu diesen Objekten blockierten.

Ich fragte die Leute was das für Bauten waren.  Es handelte sich um Ämter und staatliche Verwaltungsgebäude. Die Bevölkerung stemmte sich gegen die mögliche Machtübernahme durch Fremde. Auf der Straße befanden sich Menschen aller politischen Richtungen. Auch sehr viele Kemalisten, die dagegen kämpften, dass eine gewählte Regierung mit Gewalt abgeschafft werden sollte.

Die Autobahn (E5) Richtung Kadıköy war sehr leer. Es fuhren, wenn überhaupt, kleine hupende Konvois, in dem fahnenschwingende Menschen Richtung der Bosporus-Brücke fuhren. Da wir (meine Schwester, mein Sohn und ich) kein Auto hatten und auch ins Zentrum wollten, gingen wir mit unseren Fahnen auf die Autobahn E5 und winkten, damit man uns mitnahm. So fuhren wir ins Zentrum.

Auf der Autobahn E5 sahen wir fahrende Panzer, die von der Bevölkerung  angehalten wurden. Männer kletterten auf die Panzer. Wir hielten kurz an, weil ich losbrüllte, sie dürfen nichts gegen unsere „Asker“ [Anm. d. Red. Soldaten] tun. Ich schrie, was ich konnte. Hitzköpfe wurden von Anderen vor der Anwendung von Gewalt zurückgehalten. Als ich noch dazu ein Polizeiauto sah und wie die Polizisten sich zur Beruhigung der Lage einsetzten und weitere Polizeiautos mit Blaulicht  kamen, fuhren wir weiter. Es war schon weit nach Mitternacht, ich schätze 2 Uhr.

Wir erfuhren vom Putsch, als wir zu Hause gerade unser gemeinsames Abendessen einnahmen. Mein Onkel rief uns an. Er, der den Militärputsch von 1980 miterlebte, riet uns eindringlich, Lebensmittel auf Vorrat zu kaufen. Es war zwischen 21 und 22 Uhr. Er schlug vor im Fernsehen CNN-Türk einzuschalten. Kurz nach ihm riefen uns Freundinnen meiner Schwester aus Deutschland an. Sie sagten, die türkischen Medien würden lügen. Laut deutschen Medien und Spiegel-Online sei der Putsch durch. Die Regierung abgesetzt. Erdoğan sei auf der Flucht nach Deutschland, wo er um Asyl bitten wolle.

Auch Yildirim (Ministerpräsident) wäre auf der Flucht. Die Islamisten wären weg! Nach 1-2 Stunden erwiesen sich diese deutschen Nachrichten, woher auch immer sie so früh ihre Informationen hatten, als falsch! Meine Familienangehörigen sind keine AKP-Anhänger. Aber wir weigerten uns, dass unsere Demokratie von irgendwelchen Verschwörern gestürzt wird. Meinem Sohn, der damals 20 Jahre alt war, sagte ich, dass heute Geschichte geschrieben wird. Heute werden wir um unsere Demokratie kämpfen.

So gingen wir also nach Mitternacht, als wir einigermaßen kapierten was vonstatten ging, auf die Straße. Zwischenzeitlich flogen Kampfjets im Tiefflug und durchbrachen die Schallmauer und das Knallen ließ alle zusammenzucken sowie viele Fenster bersten. Nach meiner Meinung war das ein Anzeichen für Angst vor der Bevölkerung. Also waren wir umso motivierter, auf die Straße zu gehen und unseren Beitrag für unseren Staat zu leisten. Je mehr von uns auf die Straße gingen, umso mehr wurden andere ermutigt, keine Angst zu haben und ebenfalls auf die Straße zu gehen. Als wir gegen 6 Uhr morgens nach Hause kamen, war der Spuk weitestgehend vorbei. Wir versuchten noch ein paar Stunden zu schlafen, da um 16 Uhr die Trauung meiner Nichte anstand.“


Dieser Kommentar gibt die Meinung des Autors wieder und stellt nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar.


Auch interessant

– Fakenews –
WikiLeaks-Gründer Assange verurteilt Falschmeldungen über Putschversuch in der Türkei

WikiLeaks-Gründer Julian Assange hat am gestrigen Donnerstag darauf hingewiesen, dass die Falschmeldung über den vereitelten Putschversuch in der Türkei in den selbsternannten „Fake News Awards“ von US-Präsident Donald Trump hätten erwähnt werden sollen.

WikiLeaks-Gründer Assange verurteilt Falschmeldungen über Putschversuch in der Türkei

Auch interessant

SPD-Parteichef Lars Klingbeil: AfD-Verbotsverfahren endlich prüfen

Berlin - SPD-Chef und Vizekanzler Lars Klingbeil hat erneut die ernsthafte Prüfung eines Verbotsverfahrens gegen die AfD gefordert. "Es ist die richtige Zeit. Das...

Erdoğans UN-Rede: Kritik am Sicherheitsrat trifft den Nerv der Zeit

Ein Gastkommentar von Nabi Yücel US-Präsident Donald Trump drohte vor der UN mit der Vernichtung Irans. Das ist die Art von Diplomatie, bei der selbst...

„Zionisten unerwünscht“: Israelin droht griechischer Bar mit Klage

Athen - Ein Schild mit der Aufschrift „Zionists Not Welcome“ („Zionisten nicht willkommen“) in einer Bar auf der griechischen Insel Lesbos sorgt für rechtliche...

„Jüdische Stimme“ darf extremistisch genannt werden

Berlin – Das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg (OVG) hat am 21. September 2026 eine wegweisende Entscheidung im Eilverfahren getroffen: Das Bundesministerium des Innern darf den propalästinensischen Verein...

Paukenschlag in der Türkei: Erdoğan-Herausforderer Yavaş verlässt die CHP

Ankara – Paukenschlag in der türkischen Politik: Ankara-Oberbürgermeister Mansur Yavaş hat am heutigen Mittwoch seinen Austritt aus der Republikanischen Volkspartei (CHP) erklärt. Yavaş will...

Headlines

Anti-Netanjahu-Proteste: Oscar-Gewinnerin Susan Sarandon festgenommen

New York - Die US-Schauspielerin und Oscar-Preisträgerin Susan Sarandon ist am vergangenen Donnerstag in New York vorübergehend festgenommen worden. Die...

Wenn die Welt den Saal verlässt: Netanjahus Realitätsverlust vor der UN

Ein Gastkommentar von Susanne Mattner Wann fängt die Welt eigentlich an, Benjamin Netanjahu beim Namen zu nennen? Was muss dieser...

Palästina-Streit: Javier Bardem will P!nk bei UNICEF absetzen

Madrid - Der spanische Oscar-Preisträger Javier Bardem fordert gemeinsam mit über 170.000 Unterzeichnern die Absetzung der US-Sängerin P!nk als...

London: Israelkritische Doku NAZA wird gratis gestreamt

London - Nach einer Rekord-Standing-Ovation von 25 Minuten beim Filmfestival in Venedig, Morddrohungen und dem Vorstoß der israelischen Regierung,...

Meinung

Aus der Türkei nach Toronto: Şenay Didem Kuzu mit renommierter Hemingway-Auszeichnung geehrt

Von Klaus Jürgens Die junge türkische Akademikerin Şenay Didem Kuzu wurde nun mit dem weltweit beachteten Lewis-Reynolds-Smith Founders Fellowship der Hemingway Society - die ihren...

Hakan Gördü zu Selmanoğlus Äußerungen über Elif Eralp

Ein Gastkommentar von Hakan Gördü Die Berliner Landtagswahl ist entschieden: Die Linke wurde mit 25,7 Prozent stärkste Kraft. An ihrer Spitze stand Elif Eralp, eine...

Wall Street Journal: Türkiye’nin durdurulması gerekiyor

Konuk Yazar: Özgür Çelik Bradley Martin tarafından kaleme alınan ve 4 Mart 2026 tarihinde Wall Street Journal'da yayımlanan "Türkiye'yi Dizginlemek İçin Acil Bir İhtiyaç" (An...

Odadaki Son Yetişkin Olarak Türkiye

Konuk Yazar Nabi Yücel Mevcut durumda Türkiye, Orta Doğu'nun – ve çok daha ötesinin – jeopolitik manzarasında neredeyse nesli tükenmekte olan diplomatik bir tür; yani...

The Economist: Erdoğan, Müslüman dünyasının en popüler politikacısı

Londra - Neredeyse iki milyar insandan oluşan devasa ve çeşitlilik arz eden bir topluluk olan küresel Müslüman topluluğu Umma/Ümmet içinde, birleştirici bir temsilci arayışı...