Kommentar
Kreditvergabe der Banken: Geldschöpfung aus dem Nichts

"Dieser Prozess der Geldschöpfung per Kreditvergabe ist, wie man sieht, nicht besonders schwer zu verstehen. Warum aber halten Wissenschaft und Medien so hartnäckig an der historisch überkommenen Version vom Verleihen von Einlagen unter Beachtung des Mindestreserveprinzips fest? Vermutlich deswegen, weil die Geldschöpfung per Mausklick sehr deutlich belegt, welches Privileg die Banken in unserer Gesellschaft genießen und wie sie uns alle mit ihrer Hilfe beherrschen." Ein Kommentar.

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Ein Kommentar von Ernst Wolff

Stellt man an Schulen, Universitäten oder auch auf einschlägigen Seiten im Internet die Frage „Wie wird Geld geschaffen?, so erhält man fast immer folgende Antwort:

„Die Banken nehmen das Geld von Einlegern und Sparern und vergeben es in der Form von Krediten an andere Kunden. Da man irgendwann festgestellt hat, dass ja nicht alle Sparer und Einleger ihr Geld gleichzeitig zurückfordern werden, dürfen die Banken sogar mehr verleihen als sie haben, also neues Geld schöpfen, müssen allerdings einen bestimmten Prozentsatz ihres Geldes als sogenannte Mindestreserve zurückbehalten.“

Dass diese Erklärung heute noch durch zahlreiche Lehrbücher geistert, ändert nichts an der Tatsache, dass sie nur für einen bestimmten historischen Zeitraum – die Anfangszeit des Bankwesens – galt, heute aber falsch ist und die Dinge sogar auf den Kopf stellt. In unserer Zeit dienen nämlich nicht mehr die Einlagen, also das bei einer Bank hinterlegte Geld, als Grundlage für die von ihr vergebenen Kredite. Heute schaffen die Kredite die Grundlagen für die Einlagen.

Wie das…?

Nehmen wir ein Beispiel: Frau Müller möchte sich ein neues Auto kaufen und braucht zusätzlich zu ihrem ersparten Geld 5.000 Euro. Sie geht zu ihrer Bank, um einen Kredit aufzunehmen. Zuerst muss sie eine Sicherheit nachweisen. Da sie fest angestellt ist und eine kleine Eigentumswohnung besitzt, bereitet ihr das keine Probleme. Dann werden für ihren Kredit eine Laufzeit, sagen wir 2 Jahre, und ein Zinssatz, sagen wir 5 Prozent, vereinbart.

Sobald Frau Müller den Kreditvertrag unterschrieben hat, geht der Bankangestellte an seinen Computer und überweist auf ihr Konto 5.000 Euro, indem er die Zahl in die Tastatur eingibt. Diese 5.000 Euro waren vorher nicht vorhanden, sind also – ganz legal – per Mausklick erzeugt worden.

Da die EZB einen Mindestreservesatz von 1 Prozent verlangt, muss der Angestellte am Ende des Monats dann noch 50 Euro auf das hauseigene Konto bei der EZB überweisen – ein mehr oder weniger symbolischer Akt, der in Ländern wie Großbritannien, Kanada, Australien und Schweden bereits abgeschafft wurde.

Wie geht es nun weiter? Wenn alles gut verläuft, zahlt Frau Müller den Betrag von 5.000 Euro zuzüglich 250 Euro Zinsen zwei Jahre später zurück. Für die Bank bedeutet das: Die aus dem Nichts erzeugten 5.000 Euro werden gelöscht, verschwinden also wieder und sind damit aus der Welt. Nicht aus der Welt sind allerdings die 250 Euro Zinsen, die ja bereits vor der Vergabe des Kredits vorhanden waren, nach seiner Rückzahlung aber den Eigentümer gewechselt haben und nun der Bank gehören.

Was aber, wenn es für Frau Müller nicht so gut verläuft, sie zum Beispiel ihren Job verliert und nach zwei Jahren nicht in der Lage ist, den Kredit zurückzuzahlen? Dann greift die Bank auf die Sicherheiten, die Frau Müller bei Vertragsabschluss angegeben hat, zurück und verschafft sich auf diese Weise das ausstehende Geld, notfalls mit Hilfe eines Gerichtsvollziehers.

Dieser Prozess der Geldschöpfung per Kreditvergabe ist, wie man sieht, nicht besonders schwer zu verstehen. Warum aber halten Wissenschaft und Medien so hartnäckig an der historisch überkommenen Version vom Verleihen von Einlagen unter Beachtung des Mindestreserveprinzips fest?

Vermutlich deswegen, weil die Geldschöpfung per Mausklick sehr deutlich belegt, welches Privileg die Banken in unserer Gesellschaft genießen und wie sie uns alle mit ihrer Hilfe beherrschen.

Um sich über die Bedeutung dieses Mechanismus klar zu werden, muss man sich nur einmal vorstellen, was passieren würde, wenn Frau Müller auf die Idee käme, selber Geld aus dem Nichts zu schöpfen, indem sie einen Geldschein kopiert und damit zu bezahlen oder ihn gar gegen Zinsen zu verleihen versucht. Sie würde als Verbrecherin vor Gericht gestellt und zu einer Freiheitsstrafe verurteilt – obwohl sie ja im Prinzip nichts anderes getan hätte als die Bank.

Anders ausgedrückt: Das Recht der Kreditvergabe und der damit verbundenen Geldschöpfung aus dem Nichts verleiht den Banken in unserer Gesellschaft einen einmaligen Sonderstatus, der es ihnen ermöglicht, sich über die Bevölkerung zu erheben, sie finanziell von sich abhängig zu machen und sich einseitig und in ständig zunehmender Weise an ihr zu bereichern.

Da alle drei Vorgänge dem vermeintlichen Prinzip der parlamentarischen Demokratie, dass wir nämlich vor dem Gesetz alle gleich sind, in so eklatanter Weise widersprechen, ist es kein Wunder, dass uns die Geldschöpfung per Mausklick bis heute nicht als das dargestellt wird, was sie in Wirklichkeit ist – eine der Grundlagen, auf der das Finanzgewerbe uns alle beherrscht.


Dieser Kommentar gibt die Meinung des Autors wieder und stellt nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar.


Ernst Wolff

Ernst Wolff ist freier Journalist und Autor des Buches Finanz-Tsunami: Wie das globale Finanzsystem uns alle bedroht“.

Wolff, geboren 1950, aufgewachsen in Südostasien, Schulzeit in Deutschland, Studium in den USA. Der Journalist und Spiegel-Bestseller-Autor (»Weltmacht IWF«) beschäftigt sich seit vierzig Jahren mit der Wechselbeziehung von Politik und Wirtschaft. Sein Ziel ist es, die Mechanismen aufzudecken, mit denen die internationale Finanzelite die Kontrolle über entscheidende Bereiche unseres Lebens an sich gerissen hat: »Nur wer diese Mechanismen versteht und durchschaut, kann sich erfolgreich dagegen zur Wehr setzen.«


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