Kommentar
Friedrich Merz und die zunehmende Verschmelzung von Politik und Finanzelite

Es ist ein Trend, der viel über den Zustand unserer Gesellschaft aussagt: Der immer häufiger auftretende fliegende Personalwechsel zwischen Politik und Wirtschaft, der zu einer zunehmenden Verschmelzung beider Lager geführt hat.

Teilen

Ein Kommentar von Ernst Wolff

Es ist ein Trend, der viel über den Zustand unserer Gesellschaft aussagt: Der immer häufiger auftretende fliegende Personalwechsel zwischen Politik und Wirtschaft, der zu einer zunehmenden Verschmelzung beider Lager geführt hat.

Gerhard Schröder verließ nach seiner Wahlniederlage 2005 das Kanzleramt für einen Platz im Topmanagement des russischen Gazprom-Konzerns und arbeitet heute als Vorsitzender des Aktionärsausschusses der Nordstream AG. Sein grüner Vizekanzler und Außenminister Joschka Fischer, ehemaliger Straßenkämpfer, lässt sich seit 2005 u.a. als Berater von seinen ehemaligen Feindbildern Siemens, BMW und RWE entlohnen.

Der von den Grünen zur SPD gewechselte Otto Schily sitzt in den Aufsichtsräten zweier Unternehmen für biometrische Anwendungen, für die er sich als Innenminister stark gemacht hatte. Der grüne Atomkraftgegner Rezzo Schlauch, bis 2005 parlamentarischer Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, wurde Mitglied im Beirat eines der größten Kernkraftwerksbetreiber und sitzt heute neben seiner Tätigkeit als albanischer Honorarkonsul im Aufsichtsrat eines chinesischen Zahnersatz-Unternehmens.

SPD-Mann Peer Steinbrück, als Finanzminister an der Rettung mehrerer maroder Banken beteiligt, wechselte 2016 als Berater zur Großbank ING Diba. Ex-Gesundheitsminister Daniel Bahr von der FDP bekleidet einen Posten im Vorstand des weltgrößten Versicherungskonzerns Allianz SE und sein Parteifreund Dirk Niebel, Ex-Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, bezieht sein Gehalt heute vom größten deutschen Rüstungskonzern Rheinmetall.

Dass ein solcher Frontenwechsel auch in umgekehrter Reihenfolge möglich ist, hat vor kurzem Jörg Kukies bewiesen: Der ehemalige Co-Vorsitzende von Goldman Sachs Deutschland arbeitet jetzt als Staatssekretär unter Finanzminister und Vizekanzler Olaf Scholz von der SPD. Mit Friedrich Merz ist nun ein weiterer Frontenwechsler in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt, der bei einer erfolgreichen Wahl zum CDU-Vorsitzenden sogar von sich behaupten könnte, als erster den Sprung in beide Richtungen geschafft zu haben.

Merz wurde 2002 von Angela Merkel von seinem Posten als Fraktionsvorsitzender verdrängt, verlor zunehmend an Einfluss und vollzog 2009 nach verlorenem Machtkampf gegen die Kanzlerin den Wechsel von der Politik in die Wirtschaft. Seitdem saß er in mehreren Aufsichtsräten, u.a. bei der Düsseldorfer Privatbank HSBC Trinkaus, die seit einiger Zeit im Fokus der Justiz steht, weil sie in Cum-Ex-Geschäfte verwickelt ist, mit denen sich Investoren ihnen nicht zustehende Steuerrückerstattungen aus Aktiengeschäften erschleichen.

Außerdem arbeitet Merz als Senior Counsel für die Anwaltskanzlei Mayer Brown LLP, die ihren Kunden unter anderem bei der Bewältigung juristischer Probleme im Zusammenhang mit genau solchen Cum-Ex-Geschäften hilft. Zudem ist er seit Anfang 2016 auch Aufsichtsratsvorsitzender der deutschen Tochtergesellschaft des Hedgefonds BlackRock, der es mit besonders aggressiven Geschäftsmethoden geschafft hat, innerhalb von dreißig Jahren zum größten Vermögensverwalter der Welt aufzusteigen und der durch seine Beteiligungen an allen DAX-Unternehmen erheblichen wirtschaftlichen Einfluss in Deutschland ausübt.

Sollte Merz der Sprung an die Spitze der CDU und möglicherweise ins Kanzleramt gelingen, so würde damit ein Vertreter des hemmungslosesten Sektors der Finanzindustrie die Führung von Partei und Regierung übernehmen und damit einem Trend Rechnung tragen, der sich international immer stärker durchsetzt: Der Besetzung hoher politischer Ämter durch Quereinsteiger aus der Finanzwelt.

Welche Folgen das für die arbeitende Bevölkerung hat, zeigen vier internationale Beispiele: In Italien und Griechenland leiteten zwei Goldman-Sachs-Banker, die als „Technokraten“ zu Premierministern ernannt wurden, besonders harte Formen der Austeritätspolitik ein. In den USA vertieften Baumilliardär Trump und sein Finanzminister Mnuchin, ebenfalls Goldman-Sachs-Mann, mittels Steuererleichterungen für Ultrareiche die ohnehin gewaltige Kluft zwischen Arm und Reich und in Frankreich führt der ehemalige Rothschild-Banker Macron als Premier einen Feldzug gegen die Rechte der arbeitenden Bevölkerung, um das Land für Investoren attraktiver zu machen.

Auf einer Pressekonferenz in dieser Woche sagte Merz, er werde seine beruflichen Erfahrungen auf nationaler und internationaler Ebene in seine zukünftige Tätigkeit einbringen. Aus dem Mund eines Anwalts, der Investoren in Sachen Steuervermeidung berät, für eine wegen ihrer dubiosen Praktiken ins Zwielicht geratene Privatbank arbeitet und eine mit allen Wassern gewaschene Vermögensverwaltung für Milliardäre beaufsichtigt, klingt das wie eine Drohung, die alle arbeitenden Menschen in diesem Land ernst nehmen sollten.


Dieser Kommentar gibt die Meinung des Autors wieder und stellt nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar.


Ernst Wolff

Ernst Wolff ist freier Journalist und Autor des Buches “Finanz-Tsunami: Wie das globale Finanzsystem uns alle bedroht“.

Wolff, geboren 1950, aufgewachsen in Südostasien, Schulzeit in Deutschland, Studium in den USA. Der Journalist und Spiegel-Bestseller-Autor (»Weltmacht IWF«) beschäftigt sich seit vierzig Jahren mit der Wechselbeziehung von Politik und Wirtschaft. Sein Ziel ist es, die Mechanismen aufzudecken, mit denen die internationale Finanzelite die Kontrolle über entscheidende Bereiche unseres Lebens an sich gerissen hat: »Nur wer diese Mechanismen versteht und durchschaut, kann sich erfolgreich dagegen zur Wehr setzen.«

Auch interessant

Nobelpreisträgerin Navi Pillay: „Israel begeht einen Völkermord“

Genf– Israel hat im Gazastreifen Völkermord an den Palästinensern begangen, erklärte die Unabhängige Internationale Untersuchungskommission der Vereinten Nationen für die besetzten palästinensischen Gebiete, einschließlich...

Albert Einstein lehnte einen jüdischen Staat ab

Tel Aviv - Der berühmte Physiker und Nobelpreisträger Albert Einstein wird oft mit der Gründung Israels in Verbindung gebracht – sogar die Präsidentschaft wurde...

Friedensnobelpreisträgerin Navi Pillay: Netanjahu soll vor Gericht

Genf - Die südafrikanische Juristin Navi Pillay, die 2026 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, fordert, Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wegen des Gaza-Krieges strafrechtlich zur...

Studie: Deutsche blicken pessimistisch in die Zukunft

Berlin - Die Deutschen sehen der Zukunft einer aktuellen Umfrage zufolge mit großer Skepsis entgegen. Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung (F.A.Z.) berichtet, hat das...

Iran droht mit Angriffen auf internationale Internetkabel und KI-Zentren

Teheran - Iran hat mit Angriffen auf wichtige digitale Infrastruktur in der Golfregion gedroht, falls die USA und Israel den Krieg wieder aufnehmen. Mohsen Rezaee,...

Headlines

Baku: Delegationen verlassen Saal während Rede von Israels Präsident Herzog

Baku - Beim 7. Gipfel der Konferenz über Interaktion und vertrauensbildende Maßnahmen in Asien (CICA) in der aserbaidschanischen Hauptstadt...

Albert Einstein lehnte einen jüdischen Staat ab

Tel Aviv - Der berühmte Physiker und Nobelpreisträger Albert Einstein wird oft mit der Gründung Israels in Verbindung gebracht...

Friedensnobelpreisträgerin Navi Pillay: Netanjahu soll vor Gericht

Genf - Die südafrikanische Juristin Navi Pillay, die 2026 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, fordert, Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu...

Israel: Opposition attackiert Netanyahu als „zu pro-palästinensisch“

Tel Aviv - Wenige Wochen vor den schicksalhaften Parlamentswahlen in Israel am 27. Oktober offenbart der Wahlkampf eine bemerkenswerte...

Meinung

Baku: Delegationen verlassen Saal während Rede von Israels Präsident Herzog

Baku - Beim 7. Gipfel der Konferenz über Interaktion und vertrauensbildende Maßnahmen in Asien (CICA) in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku ist es am heutigen...

Albert Einstein lehnte einen jüdischen Staat ab

Tel Aviv - Der berühmte Physiker und Nobelpreisträger Albert Einstein wird oft mit der Gründung Israels in Verbindung gebracht – sogar die Präsidentschaft wurde...

Geleceğin Cumhurbaşkanı: Hakan Fidan

Polat Karaburan Recep Tayyip Erdoğan, yarım asrı aşkın bir süredir Türkiye’nin siyasi hayatına yön veriyor. 1976 yılında merhum Necmettin Erbakan’ın siyasi hareketinde filizlenen bu yolculuk,...

Rapor: Afrika Gençliği Ruh Sağlığında Dünya Lideri

Londra - Maddi refah, ruh sağlığının garantisi değil. Şubat 2026 sonunda yayımlanan yeni bir küresel rapor, zihinsel esenlik haritasını temelden sarstı. İngiltere, Japonya ve Yeni...

Wall Street Journal: Türkiye’nin durdurulması gerekiyor

Konuk Yazar: Özgür Çelik Bradley Martin tarafından kaleme alınan ve 4 Mart 2026 tarihinde Wall Street Journal'da yayımlanan "Türkiye'yi Dizginlemek İçin Acil Bir İhtiyaç" (An...