Anwerbeabkommen 1961
„Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen“

65 Jahre Anwerbeabkommen: Gastautor Özgür Çelik über die tiefe Geschichte der Türken in Deutschland – von den „Beutetürken“ über die Gastarbeiter bis zur echten Teilhabe heute.

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Ein Gastkommentar Özgür Çelik

Wer in diesem Land geboren wurde und trotzdem sein Leben lang gefragt wird, woher er „eigentlich“ kommt, der weiß: Geschichte beginnt nicht erst mit einem Datum im Kalender.

Am 30. Oktober 1961 unterschrieben Bonn und Ankara das Anwerbeabkommen. Dieses Jahr sind es 65 Jahre. Man wird wieder Reden halten, Fotos von Koffern zeigen und Kränze der Dankbarkeit niederlegen. Ich möchte etwas anderes tun: Ich möchte fragen, warum wir nach 65 Jahren noch immer über „die Türken“ sprechen, als seien wir gestern angekommen.

Um das zu verstehen, muss man weiter zurückgehen als bis 1961.

Der Reiter aus dem Osten

Die Begegnung beginnt noch viel früher, und sie beginnt nicht mit einem Vertrag, sondern mit Hufschlag. Im Jahr 451 standen die Reiter Attilas am Rhein, sie zogen bis tief nach Gallien und wurden erst auf den Katalaunischen Feldern gestoppt.

Ob die Hunnen ein türkisches Volk waren, ist unter Gelehrten bis heute nicht entschieden, denn ihre Sprache ist kaum überliefert, ein paar Namen, ein paar Wörter, vieles klingt vertraut in unseren Ohren. Entschieden ist etwas anderes: Das Gedächtnis der Deutschen hat nie sauber getrennt. Hunne, Tatar, Osmanen, Türke – das war ein einziges Wort für alles, was aus dem Osten kam und nicht um Erlaubnis fragte.

Wer genau hinhört, findet diese Reiter in den ältesten Geschichten des Landes. Im Nibelungenlied sitzt Kriemhild als Königin am Hof Etzels, und auch die Thidrekssaga erzählt von ihm. Etzel ist Attila, und er ist dort kein Teufel, sondern ein Herrscher, bei dem deutsche Helden Zuflucht finden.

In den Alpen und in der Steiermark erzählte man sich von weinenden Madonnen und von Schüssen, die Heiden vertrieben haben sollen, in Wien trägt eine Gasse bis heute den Namen Heidenschuss. In den Wiener Wäldern kennt man die Sagen von den Tataren und ihren Höhlen. Und jeden Mittag läutet in vielen Süddeutschen Orten die Glocke, die einst gegen die Türken läuten sollte. Wir haben das Wort „Türke“ in die Glöckchen und in die Gassen eingebaut, lange bevor irgendein Gastarbeiter einen Zug bestieg.

Das ist die erste Wahrheit dieser Geschichte: Wir waren nie fremd in der deutschen Vorstellung, wir waren immer schon darin, als Schrecken, als Held, als Spiegel. Man hat uns erfunden, bevor man uns kannte.

Die ersten Türken kamen in Ketten

Zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert kamen dann tatsächlich Türken nach Deutschland – nur fragte sie damals niemand, ob sie wollten. Die Türkenkriege hatten Gefangene hinterlassen, und diese Gefangenen wurden verteilt wie Kriegsbeute: nach Bayern, nach Franken, quer durch das ganze Reich. Man nannte sie Beutetürken. Das Wort sagt alles. Beute ist, was man nimmt, nicht, wen man einlädt.

Die Beweggründe waren ehrlich genug, um uns heute zu erschrecken: billige Arbeitskraft, Rachelust und, bei manchen, der fromme Ehrgeiz, dem Islam „Seelen zu entreißen“. Wer Muslim blieb, blieb Sklave. Er durfte nicht heiraten, keinen Beruf frei wählen, nicht aufsteigen. Der Ausweg hieß Taufe. Wer sich taufen ließ, die Sprache lernte, ein Handwerk ergriff und eine Frau aus der Umgebung heiratete, der war „drin“. So entstanden die sogenannten Türkentaufen, über die in alten Kirchenbüchern bis heute berichtet wird.

Man darf sich nichts vormachen: Das war keine Integration, das war Assimilation in Reinform, und sie war die Eintrittskarte zum Überleben. Wer als Einzelner, ohne Landsleute, ohne Gebetsraum, ohne eigene Sprache in einem fremden Dorf stand, hatte keine Wahl. Er verschwand in der Mehrheit, damit er überhaupt bleiben durfte.

Und doch ist an dieser Geschichte etwas, das ich nicht loswerde: Das Bild vom Türken war nie nur Hass. Die Leute fürchteten die Osmanen, das stimmt, schließlich standen sie vor Wien. Aber im selben Atemzug schrieb man in den damaligen Büchlein über uns, dass man vom Familienleben der Muslime lernen könne.

Und man nahm, was gut war, und machte es zu seinem eigenen: Speisen, Instrumente, Blumen, Wörter. Das Wort „Kiosk“ stammt von uns, der Joghurt, der Lack auch, und die Tulpe auf dem Fensterbrett ist eine eingewanderte Dame und so weiter. Schon damals galt: Das Exotische in kleiner Dosis reizt, erst die Menge erschreckt.

Merken Sie sich diesen Satz. Wir kommen darauf zurück.

Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen

Dann kam 1961. Dieses Mal fuhr niemand in Ketten, dieses Mal saßen die Männer im Zug, mit Pappkoffern und einer Rechnung im Kopf. Zwei, drei Jahre, so war der Plan. Ein bisschen Geld zurücklegen, ein Stück Land kaufen, eine Werkstatt eröffnen, ein Haus bauen, dann zurück ins Dorf, aufrecht und mit Ansehen.

Das Land, aus dem sie kamen, hatte ihnen wenig zu bieten: ein zerrissener Süden und Osten, Armut, Elendssiedlungen an den Rändern der Großstädte. Die neue Verfassung erlaubte plötzlich das Reisen, und Deutschland suchte händeringend Hände.

Die Deutschen planten genauso. Man sprach von einem Rotationsmodell: kommen, arbeiten, gehen, der Nächste bitte. Wer „Gast“ sagt, muss nichts versprechen. Ein Gast bekommt ein Bett im Werkswohnheim, aber keinen Schlüssel zum Haus. Dass diese Rechnung nicht aufging, merkten die Betriebe zuerst: Kein Unternehmer wollte den eingearbeiteten Mann nach zwei Jahren gegen einen Anfänger tauschen. Der Gast blieb. Aus zwei Jahren wurden zehn, aus zehn dreißig.

Ein kluger Schweizer hat das Ganze in einen Satz gepackt, den man jedem Politiker auf den Schreibtisch legen sollte: „Wir riefen Arbeitskräfte – und es kamen Menschen.“ Menschen, die Heimweh haben, Kinder bekommen, krank werden und alt.

Der Stopp, der aus Pendlern Bleiber machte

Im November 1973 zog die Bundesregierung die Reißleine: Anwerbestopp. Damals lebten bereits gut 900.000 Türken im Land. Der Gedanke dahinter war schlicht: Wenn keiner mehr kommt, gehen die, die da sind, irgendwann wieder. Das Gegenteil geschah.

Wer vorher pendelte, mit einem Bein hier und einem dort, konnte nun nicht mehr riskieren, zu gehen, denn zurück ging es nicht mehr. Also holten die Männer ihre Frauen und Kinder. Der Stopp, der die Zahl senken sollte, hat die Familien nach Deutschland gebracht.

Mit den Familien kam das, wofür niemand einen Plan hatte: Schulen ohne Konzept, Kindergärten ohne Dolmetscher, Behörden, die nicht wussten, wie man „Integration“ buchstabiert. Die Werkswohnheime wurden zu eng, die Familien suchten Wohnungen, und die fanden sie dort, wo kein Deutscher mehr wohnen wollte: in den Vierteln mit schlechter Bausubstanz. Später nannte man diese Viertel „Ghettos“ und klagte über Parallelgesellschaften. Wer sie gebaut hatte, ließ man dabei großzügig aus.

Und als sich 1983 herausstellte, dass das Land längst ein Einwanderungsland geworden war, was man weiterhin nicht zugeben wollte, bot die Regierung Geld zum Gehen an. Bis zu 10.500 Mark pro Erwachsenem, 1.500 pro Kind.

Großzügig klang das nur in den Ohren derer, die nicht wussten, dass es im Kern die eigenen eingezahlten Rentenbeiträge waren, die man den Leuten zurückgab, der Arbeitgeberanteil blieb hier, und wer ging, verzichtete auf alle weiteren Ansprüche. Hunderttausende nahmen es trotzdem an. Dass man uns zugleich nachsagte, wir seien nicht integrationsfähig in ein christlich geprägtes Land, hat mancher Vater damals auf dem Weg zum Bahnhof sehr genau gehört.

Die, die blieben, haben ein Leben lang doppelt gerechnet: Um hundert Prozent Anerkennung zu bekommen, mussten sie zweihundert Prozent leisten. Bei der Wohnungssuche, bei der Stellensuche, auf dem Amt. Der Rassismus stand nicht am Rand dieser Geschichte, er stand an jeder Tür.

Das Haus, das nie gebaut wurde

Was niemand erzählt: Das große Versprechen der Rückkehr ist nicht an mangelndem Willen gescheitert, sondern an der Wirklichkeit. Ersparnisse wurden von der Inflation gefressen. Kleine Betriebe gingen unter.

Die Arbeitnehmergesellschaften (wie in Köln), in denen Zehntausende Gastarbeiter gemeinsam Kapital sammelten, konnten ihre Ziele oft nicht erreichen. Der Traum vom Zurückkehren wurde immer weiter verschoben. Bis irgendwann der Zeitpunkt kam, an dem die Menschen merkten: Die Heimat, in die sie zurückkehren wollten, existierte nur noch in ihrer Erinnerung.

Und so haben wir uns auf Deutschland eingerichtet, Jahr für Jahr ein Stück mehr, ohne es je zu beschließen. Heute stehen die Alten vor der Frage, die man ihnen nie gestellt hat: Wo gehöre ich eigentlich hin? Die Rückkehr, auf die man sein ganzes Arbeitsleben hingelebt hat, ist eine Wunschvorstellung geworden.

Die Knochen sind kaputt, die Kinder sind hier, die Enkel sprechen die Sprache des Landes besser als die der Großeltern. Wer nach 40 Jahren Fließband zu Hause ankommt, ist dort der Fremde. Wer hierbleibt, ist es auch. Mit dem Ruhestand bricht der letzte Kontakt zu den deutschen Kollegen weg. Das ist der Lohn für ein Leben harter Arbeit, und man sollte sich nicht wundern, wenn die Kinder ihn nicht schönreden.

Wir sind geblieben, und wir haben gebaut

Und dennoch wäre es falsch, diese Geschichte als Verlustgeschichte zu erzählen. Das ist sie nicht. Aus den Männern mit den Pappkoffern ist eine Gemeinschaft von rund 2,6 Millionen Menschen geworden. Rund 1,5 Millionen davon besitzen noch den türkischen Pass, knapp 390.000 beide Pässe, der Rest ist deutsch.

Etwa 80.000 Betriebe führen Menschen mit türkischen Wurzeln, sie beschäftigen eine halbe Million Menschen und tragen rund 50 Milliarden Euro zur deutschen Wirtschaft bei. Mehr als 8.000 Firmen mit deutschem Kapital sitzen in der Türkei, die Brücke läuft also in beide Richtungen. In den Landtagen sitzen 56 Abgeordnete mit türkischen Wurzeln, im Bundestag 19. Das Kind, das Hilfsarbeiter am Band war, ist heute Meisterin, Anwältin, Ärztin, Professorin.

Alles das ist nicht zufällig geschehen. Es ist geschehen, weil Väter und Mütter, die oft nur vier Jahre zur Schule gehen durften, ihren Kindern etwas mitgegeben haben, was kein Lehrplan vermitteln kann: Du kannst hier etwas werden. Ich kenne diesen Satz. Ich habe ihn am Küchentisch gehört, und ich weiß, was er gekostet hat. Wer mit einem solchen Satz aufwächst, der trägt eine Verpflichtung, aber auch einen Stolz in sich, den man ihm nicht nehmen kann. Dieser Stolz ist das beste Integrationsprogramm, das dieses Land nie geplant hat.

Und trotzdem erleben die Erfolgreichen unter uns das Merkwürdigste: Je besser sie sind, desto häufiger werden sie bestaunt. Als sei es ein Wunder, dass das Kind eines anatolischen Bauern ein Examen besteht. Fast jeder Zweite mit guter Ausbildung berichtet von Diskriminierung, und Akademiker mit Migrationsgeschichte haben bei gleicher Qualifikation ein fast doppelt so hohes Risiko, arbeitslos zu werden. Man verlangt von uns Integration und misst uns dann an einem Maßstab, der sich bei jeder bestandenen Prüfung verschiebt.

Der Satz, an den ich erinnert habe

Sie erinnern sich: Das Exotische in kleiner Dosis wirkt anziehend, erst das Übermaß erschreckt. Die Beutetürken waren wenige, einzelne, vereinsamte Menschen, und sie waren deshalb keine Bedrohung. Man nahm sie auf, indem man sie auflöste. Ihre Nachfahren sind heute oft stolz auf diese ungewöhnliche Ahnengeschichte, auf den Weg vom Verschleppten zum Dazugehörigen.

Wir hingegen sind viele. Wir haben Moscheen, Vereine, Läden und Zeitungen. Und genau darin liegt für manche Mehrheit das Problem: Sie fühlt sich immer dann bedroht, wenn eine Minderheit zahlenmäßig stark wird und das Gewicht sich verschieben könnte.

Die Geschichte der Beutetürken zeigt, wie dieses Land mit Fremden umging, wenn sie schwach waren: Es forderte Anpassung bis zur Selbstaufgabe. Die Geschichte der Gastarbeiter zeigt, wie es mit Fremden umgeht, wenn sie nützlich sind: Es braucht sie, solange sie arbeiten, und wünscht sich, sie würden danach verschwinden. Und die Gegenwart zeigt, wie es mit Fremden umgeht, wenn sie einfach da sind, dazugehören wollen und sich nicht auflösen lassen: Es zögert.

Das Zögern hat seine Geschichte. Mölln, Solingen, Hanau und die Mordserie des NSU sind keine Betriebsunfälle, sie stehen am Ende einer langen Reihe von Sätzen, die zu lange unwidersprochen blieben. Fünf Millionen Muslime leben in diesem Land, in etwa dreitausend Moscheen.

Der Islam gehört, so die Verfassung, zur Religionsfreiheit, und doch gilt er vielen noch immer als Fremdkörper. Und gleichzeitig altert dieses Land schneller, als es sich eingestehen mag: Die Geburtenrate liegt bei rund 1,32 Kindern pro Frau, das Renteneintrittsalter wird auf 67 angehoben, und Fachleute rechnen vor, dass Deutschland jedes Jahr etwa vierhunderttausend Zuwanderer braucht, um seinen Wohlstand zu halten.

Man ruft also wieder Arbeitskräfte. Es ist, als hätte die Geschichte einen Humor.

Was ich mir zum 65. wünsche

Ich möchte keinen Dank im Festtagston, keine Fotos mit Koffern zum Gedenktag und keine Rede, die mit dem Wort „Gastarbeiter“ beginnt und mit einem Appell an uns endet. Ich wünsche mir drei Dinge.

Erstens, dass man die Geschichte ganz erzählt, auch die unbequeme: von den Verschleppten, die man taufte, bis zu den Arbeitern, die man rief und zurückschicken wollte. Wer sie kennt, wird nie wieder behaupten können, wir seien erst gestern gekommen.

Zweitens, dass man uns misst, wie man Deutsche misst: an Leistung, nicht an Herkunft. Wer die Hürde bei jedem Sprung höher legt, darf sich nicht wundern, dass manche irgendwann nicht mehr springen wollen. Integration ist keine Einbahnstraße. Ohne gleichberechtigte Teilhabe gibt es sie nicht, und ohne den Respekt vor kultureller Eigenständigkeit gibt es sie ebenso wenig. Die vollständige Selbstaufgabe, die man den Beutetürken abverlangte, ist kein Ziel, das ein freies Land sich setzen sollte.

Drittens, dass wir selbst nicht müde werden. Wir, die Kinder und Enkel, sind die Brücke. Wir sind es den Eltern schuldig, die ihr Leben am Band und unter Tage gelassen haben, und wir sind es den Kindern schuldig, die nicht mehr gefragt werden wollen, woher sie kommen.

Sechzig Jahre waren wir Gäste. Nach fünfundsechzig sollten wir Gastgeber sein dürfen, in einem Land, das auch unseres ist, denn wir haben es mitgebaut.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


 Zum Autor

Özgür Çelik studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie an der Universität Duisburg-Essen. Seine Fachgebiete sind die deutsche Sicherheits- und Verteidigungspolitik, die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei sowie zwischen der EU und der Türkei, türkische Politik, die türkische Migration und Diaspora in Deutschland.


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