Ein Gastbeitrag von Çağıl Çayır
„Die Stimme des Volkes ist die Stimme Gottes“, sagte Mustafa Kemal 1923. Der Satz verbindet die politische Mitsprache mit der Achtung vor dem Menschen. Er lässt sich auch im Licht der Sufi-Tradition verstehen: Wer Gott achtet, darf am Mitmenschen nicht achtlos vorbeigehen.
Am 29. Oktober feiert die Türkei die Gründung ihrer Republik. „Yaşasın Cumhuriyet!“ – „Es lebe die Republik!“ – ist ein Ruf der Freude und der Dankbarkeit. Er erinnert an die Unabhängigkeit des Landes und an Mustafa Kemal Atatürk. Zugleich stellt er eine Frage an die Gegenwart: Wie muss eine Gesellschaft miteinander umgehen, damit die Republik im Alltag lebendig bleibt?
Eine Antwort führt zum Zuhören. Denn das Volk besteht aus Menschen mit eigenen Erfahrungen, Sorgen und Gedanken. Ihre Mitwirkung gibt der Republik ihren Sinn. Das zeigt sich schon im Wort Cumhuriyet: Das arabische cumhur bezeichnet die Allgemeinheit oder die große Menge. Wer von der Republik spricht, spricht also auch von den Menschen, die sie tragen.
„Halkın sesi, Hakk’ın sesidir“
Noch vor der Ausrufung der Republik sprach Mustafa Kemal am 17. Februar 1923 auf dem Wirtschaftskongress von İzmir. Dort kamen Vertreter von Bauern, Arbeitern, Handel und Industrie zusammen. Es ging darum, wie das Land nach dem Krieg wirtschaftlich auf die Beine kommen sollte. In diesem Zusammenhang erklärte er:
„Halkın sesi, Hakk’ın sesidir.“ „Die Stimme des Volkes ist die Stimme Gottes.“ [1]
Die Menschen, die das Land ernährten, arbeiteten und seinen Wohlstand schaffen sollten, mussten an seiner Zukunft mitwirken. Ihre Erfahrungen hatten Gewicht.
Das Wort Hakk öffnet darüber hinaus einen religiösen und philosophischen Bedeutungsraum.
Als Gottesname bezeichnet es Gott als die Wahrheit und die eigentliche Wirklichkeit. Zugleich gehören Wahrheit und Recht zum Bedeutungsfeld von hak. Die hier gewählte Schreibung Hakk’ın verdeutlicht den Gottesbezug. In dieser Lesart steht hinter dem Satz eine ernste Verpflichtung: Die Stimme des anderen verdient Achtung.
Die Sufi-Tradition: Gott suchen, den Menschen achten
Besonders verständlich wird dieser Gedanke im Licht des Sufismus, auf Türkisch tasavvuf. Diese mystische Tradition des Islam fragt danach, wie der Mensch Gott näherkommen und sich von Selbstsucht, Hochmut und Lieblosigkeit lösen kann. In ihrer Sprache begegnen sich Hak, Gott, und halk, die Schöpfung und die Menschen. Die Hinwendung zu Gott soll sich auch im Umgang mit seinen Geschöpfen bewähren. [2]
Eine anschauliche Stimme dieser Tradition ist der türkische Dichter Yunus Emre. In seinen Versen hat das gönül, das menschliche Herz und innere Empfinden, einen besonderen Rang: „Gönül Çalab’ın tahtı“ – „Das Herz ist Gottes Thron.“ [3]
Wer einen Menschen demütigt oder sein Herz verletzt, berührt nach diesem Verständnis etwas, das Achtung verdient. Frömmigkeit zeigt sich deshalb auch darin, ob jemand mit anderen barmherzig umgeht. Gott zu lieben und Menschen geringzuschätzen, gerät hier in einen tiefen Widerspruch.
Von dort aus lässt sich auch „Halkın sesi, Hakk’ın sesidir“ verstehen: Durch die Bitte, die Erfahrung oder die berechtigte Kritik eines Menschen kann uns etwas begegnen, das über unsere eigenen Wünsche hinausweist. Ein anderer kann uns auf Unrecht aufmerksam machen. Er kann etwas wissen, das wir nicht wissen. Ihm zuzuhören kann daher zugleich ein Akt der Menschlichkeit und der religiösen Verantwortung sein.
Das ist eine Deutung des Satzes aus der Sufi-Tradition heraus, kein Nachweis für Atatürks persönliche Absicht. Sie macht aber verständlich, weshalb religiöse Sprache und die Achtung politischer Mitsprache einander berühren können.
Zur islamischen Überlieferung gehört außerdem die şûra, die gemeinsame Beratung. Der Koran würdigt Menschen, die ihre Angelegenheiten miteinander beraten (Sure 42, Vers 38). [4] Auch hier liegt eine praktische Einsicht: Wer gemeinsam leben will, muss andere zu Wort kommen lassen.
Warum das auch eine philosophische Frage ist
Die Achtung vor dem anderen lässt sich ebenso philosophisch begründen. Jeder Mensch kann nachdenken, urteilen und Gründe vorbringen. Daraus entsteht der Anspruch, ihn als selbständiges Gegenüber ernst zu nehmen. Freiheit und Verantwortung gehören zusammen: Wer selbst denken soll, braucht auch die Möglichkeit, seine Gedanken auszusprechen und prüfen zu lassen.
Bei Immanuel Kant erhält das Recht der Menschen einen besonders starken Ausdruck.
In Zum ewigen Frieden schreibt er:
„Das Recht der Menschen muß heilig gehalten werden“. [5]
„Heilig“ bezeichnet hier einen Anspruch, den politische Macht nicht nach Belieben beiseiteschieben darf. Auch Kants Verständnis von Religion ist eng mit moralischer Verantwortung verbunden: Pflichten gegenüber Menschen lassen sich zugleich als göttliche Gebote verstehen. Religiöse Verehrung kann die Vernachlässigung dieser Pflichten nicht ausgleichen. [6]
Sufi-Tradition und Kant haben unterschiedliche Voraussetzungen. Für die hier gestellte Frage berühren sie sich jedoch in einem Gedanken: Die Achtung vor etwas Höherem bewährt sich im verantwortlichen Handeln gegenüber Menschen.
Meinungsfreiheit, gegenseitiger Respekt und Beratung sind deshalb mehr als freundliche Zugaben zum öffentlichen Leben.
Sie ermöglichen, dass Menschen ihre Vernunft gebrauchen und Verantwortung übernehmen. Wer diese Freiheit als „heilig“ bezeichnet, meint damit ihre Unverfügbarkeit. Keine einzelne Meinung wird dadurch unfehlbar. Gerade weil Menschen irren, brauchen sie das Gespräch und die Möglichkeit zum Widerspruch.
Verantwortung vor Gott und den Menschen
Auch in Deutschland stehen Gottesbezug und politische Selbstbestimmung nebeneinander. Das Grundgesetz beginnt mit den Worten:
„Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen“. [7]
Im selben Satz heißt es, dass sich das Deutsche Volk das Grundgesetz kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt gegeben hat. Die Menschen gestalten ihre politische Ordnung und bekennen sich zugleich zu einer Verantwortung.
Der Vergleich zeigt: Religiöse Sprache kann an die Grenzen menschlicher Macht erinnern. Der Staat und seine Vertreter dürfen sich nicht für die letzte Instanz über den Wert eines Menschen halten. Eine gemeinsame politische Ordnung muss dabei auch denen Raum geben, die diese Verantwortung ohne religiösen Glauben begründen.
Die Republik im Alltag
Was folgt daraus für den Republikfeiertag? Dankbarkeit gegenüber Atatürk gewinnt ihren Sinn auch durch das eigene Handeln. Dazu gehört, Wissen zu erwerben, sorgfältig zu urteilen und anderen dieselbe Freiheit zuzugestehen, die man selbst beansprucht.
Das beginnt im Kleinen: Schüler müssen Fragen stellen dürfen. Beschäftigte brauchen Gehör für ihre Erfahrungen. Wissenschaftler müssen Ergebnisse prüfen und Fehler berichtigen können. Bürger müssen Missstände ansprechen dürfen. Wer widerspricht, kann dem gemeinsamen Leben einen Dienst erweisen.
Die Liebe zum eigenen Land kann eine solche Haltung stärken. Wer Frieden für die eigene Familie wünscht, kann verstehen, warum andere ihn ebenfalls brauchen. Atatürks „Yurtta sulh, cihanda sulh“ – „Frieden im Land, Frieden in der Welt“ – gibt dieser Verantwortung eine klare Richtung.
So wird aus dem Festtag eine tägliche Aufgabe. Die Republik lebt davon, dass Menschen miteinander sprechen, voneinander lernen und die Würde des anderen achten. In der Sprache der Sufi-Tradition heißt das auch: das Herz des anderen ernst nehmen. In der Sprache der Philosophie: seine Freiheit und Vernunft anerkennen.
Wer die Stimme des Volkes achten will, muss dem einzelnen Menschen zuhören.
Es lebe die Republik. Frieden im Land, Frieden in der Welt.
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
Zum Autor
Çağıl Çayır studierte Geschichte und Philosophie an der Universität zu Köln und ist als freier Forscher tätig. Çayır ist Autor von „Runen in Eurasien. Über die apokalyptische Spirale zum Vergleich der alttürkischen und ‚germanischen‘ Schrift‘“ und ist Gründer der Kultur-Akademie Çayır auf YouTube. Seine Arbeiten wurden international in verschiedenen Fach- und Massenmedien veröffentlicht.
Quellenhinweise
Atatürk Araştırma Merkezi: „Ekonomi ve Kalkınma“, Aussage im Zusammenhang des Wirtschaftskongresses von İzmir. Die dortige Wiedergabe schreibt „halkın sesi, hakkın sesidir“. Die Schreibung „Hakk’ın“ im Artikel kennzeichnet die religiöse Lesart.
TDV İslâm Ansiklopedisi: „Hak“, Abschnitt Tasavvuf, sowie „Hak“ als Gottesname.
Duygu Tanıdı: „Yunus Emre’nin Gönül Anlayışı“, Yunus Emre Araştırma Merkezi, Eskişehir Osmangazi Üniversitesi. Deutsches Versfragment: eigene Übersetzung.
Koran, Sure 42, Vers 38; Diyanet Kur’an Platformu, Sure Şûrâ.
Immanuel Kant: Zum ewigen Frieden (1795), AA VIII, S. 380.
Immanuel Kant: Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft (1793), AA VI, S. 153, einschließlich Anmerkung. Die Ausführungen im Artikel sind eine Zusammenfassung, kein wörtliches Zitat.
Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland: Präambel.
Redaktioneller Hinweis: Die Verbindungen zwischen Atatürks Aussage, Sufi-Tradition, Kant und Grundgesetz sind die vergleichende Deutung des Autors. Daraus wird keine historische Abhängigkeit dieser Positionen voneinander abgeleitet.
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