Von Toghrul Hasanzade
Als Mammad Amin Rasulzade und andere Gründerväter am 28. Mai 1918 die Gründung der Ersten Aserbaidschanischen Republik verkündeten, gab es in diesen Gegenden bereits seit langem deutsche Siedlungen. Steinhäuser, Weingärten und die Türme lutherischer Kirchen prägten das Landschaftsbild. Wie gelangten die Auswanderer aus Württemberg an den Fuß des Kaukasus und welche Rolle spielten sie in der Geschichte der Region?
Das Jahr ohne Sommer
Die napoleonischen Kriege hinterließen Europa, insbesondere Württemberg, in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage. Im Jahr 1816, dem „Jahr ohne Sommer“, fiel die Ernte aus, und es kam zu einer Hungersnot. Am schwersten hatten es die Pietisten, tiefgläubige Protestanten, die mit der offiziellen Kirche nicht zurechtkamen und auf das baldige Ende der Welt warteten. Viele von ihnen beschlossen, ihr Heil im Osten zu suchen, näher am Ararat (türkisch Ağrı Dağı, heute in der Türkei) und an den heiligen Stätten Jerusalems. Sie wandten sich an Kaiser Alexander I. mit der Bitte, die Auswanderung ins Russische Reich zu genehmigen, und bald darauf setzte sie ein.
Der Weg in den Kaukasus
Der Weg der zukünftigen Siedler war lang und schwer. In zwei Zügen sogenannter Auswanderungsharmonien ging es auf Lastkähnen die Donau hinunter, dann folgte die Überwinterung in Bessarabien und bei Odessa. In den Jahren 1817 und 1818 erreichten sie Tiflis.
Für viele Siedler war dies die erste Station in Südkaukasien; von dort aus erfolgte die Gründung von „Mutterkolonien“. Neben Neu-Tiflis als Handwerkerkolonie entstanden die Siedlungen Marienfeld, Alexandersdorf, Elisabethtal, Neu-Katharinenfeld im heutigen Georgien und weiter im Osten Annenfeld, Katharinenfeld (aufgegeben) und Helenendorf im heutigen Aserbaidschan.
Russland, das die Umsiedlung genehmigt hatte, verfolgte damit eigene Interessen. Im Frieden von Gülistan (1813), der den ersten Russisch-Persischen Krieg (1804–1813) beendete, fiel ein Teil Südkaukasiens, in dem zuvor zahlreiche kleine Khanate bestanden hatten, an Russland.
Industrie gab es in der Region kaum, die Verkehrsinfrastruktur war schwach, und die Wirtschaft stützte sich hauptsächlich auf Ackerbau und Viehzucht. Die Behörden mussten ihre Position in den neuen Gebieten festigen, und dabei sollten ihnen unter anderem auch die deutschen Siedler helfen, denen Land, Steuererleichterungen für einen bestimmten Zeitraum, Befreiung vom Wehrdienst und das Recht auf Selbstverwaltung versprochen wurden. Für die Kolonisten war dies eine Chance, ein neues Leben zu beginnen, und für das Reich eine Möglichkeit, sich in den kürzlich annektierten Gebieten zu etablieren.
Helenendorf und andere Kolonien
Zu Ostern 1819 gründeten 127 Familien Helenendorf. Während die 84 Annenfelder Familien mehrfach den Siedlungsort wechseln mussten, zogen die ursprünglich 135 Familien der Katharinenfelder schon bald aufgrund hoher Sterblichkeit in die Gegend südwestlich von Tiflis (heute Bolnisi).
Später entstanden im heutigen Aserbaidschan die Tochterkolonien Georgsfeld, Grünfeld, Traubenfeld, Eigenfeld, Alexejewka und Elisawetinka. In Todan siedelten sich Schweizerdeutsche an, und in weiteren Orten insbesondere des Gouvernements Elisawetpol (heute Gändschä) lebten deutsche Nachfahren der Kolonisten.
Das neue Land empfing sie nicht gerade freundlich. Hitze, Malaria und ungewohntes Essen führten in den ersten Jahren zu einer hohen Sterblichkeit, ganze Familien kamen ums Leben. Zudem blieb die Region unruhig. Im Jahr 1826 brach der zweite Russisch-Persische Krieg (1826–1828) aus, und die Kolonien standen fast an der Frontlinie. Zum Schutz der Siedler mussten Kosaken hinzugezogen werden.
Trotz dieser Schwierigkeiten überlebten die meisten Familien. Die Menschen arbeiteten, bauten Häuser und erschlossen den ihnen unbekannten Boden. Sie tauschten Erfahrungen mit der lokalen Bevölkerung aus – mit Aserbaidschanern, Armeniern und Georgiern. Für diese Region war eine solche gemischte Nachbarschaft nichts Ungewöhnliches.

Wein und Öl
Bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Helenendorf zu einem wohlhabenden Dorf geworden. Die Kolonisten setzten ihre Erfahrungen im Weinbau und in der Weinherstellung ein, und die natürlichen Bedingungen erwiesen sich dafür als hervorragend. Wein und Cognac aus den deutschen Kolonien wurden im gesamten Reich bekannt. Eine besondere Rolle spielten die Familien Hummel und Vohrer.
Ihre Handelshäuser, die in den 1860er Jahren entstanden, unterhielten Niederlassungen von Baku und Tiflis bis Moskau und Sankt Petersburg. Über diese Kolonisten und Unternehmer berichtet u. a. das Buch „Öl und Wein am Kaukasus“ (2001) der Historikerin und Professorin Eva-Maria Auch, die sich seit rund 40 Jahren mit der Geschichte der Region beschäftigt.
Auch die Region selbst veränderte sich. Mitte des 19. Jahrhunderts begann auf der Halbinsel Abscheron die industrielle Ölförderung, und es kam zu einem Ölboom. Dies wirkte sich auf das Leben und die Wirtschaft des Gouvernements Elisawetpol aus. Die Deutschen beteiligten sich am Bau von Eisenbahnstrecken und arbeiteten in Bergbauunternehmen. Besonders sichtbar war die Spur der Firma Siemens durch den Telegraphenbau und die Elektrifizierung der Region.
Die Gebrüder Siemens eröffneten als Familienunternehmen in Kedabek eines der größten Kupferbergwerke des Russischen Reiches samt Kupferhütte und setzten die damals modernsten Technologien ein. So entstand auch eine erste Pipeline mit nahtlosen Mannesmannröhren zum Transport von flüssigem Brennstoff. Zugleich entwickelten sich die Kolonien weiter.
Es wurden Häuser, Schulen und Kirchen gebaut, unter anderem in Helenendorf, Annenfeld und Georgsfeld. Diese Bauten prägten das unverwechselbare Erscheinungsbild der Siedlungen, die heute zum kulturellen Erbe Aserbaidschans gehören. In einer Region, in der Kirchen verschiedener Konfessionen, Synagogen und Moscheen nebeneinanderstanden, fügten sich die lutherischen Kirchen ganz natürlich ins Gesamtbild ein.

Krieg, Revolution und die Erste Republik
Die Schüsse von Sarajevo im Sommer 1914 veränderten die Geschichte Europas und damit auch das Leben der Deutschen in Russland. Auch in Südkaukasien traf dies die Siedler hart.
Hatten sie bis dahin als vorbildliche Untertanen gegolten, so sah man in ihnen nun potenzielle Feinde. Misstrauen und Druck seitens der Behörden sowie Gesetze gegen den deutschen Landbesitz waren ein schwerer Schlag für Menschen, die hier fast hundert Jahre lang gelebt hatten.
Dann kamen die beiden russischen Revolutionen von 1917, auf die der Bürgerkrieg folgte. In Südkaukasien herrschten Chaos und ein Machtvakuum. Doch bereits im Frühjahr 1918 wurden drei unabhängige Republiken ausgerufen – Georgien, Armenien und Aserbaidschan.
Die Gründerväter der Republik Aserbaidschan orientierten sich an fortschrittlichen europäischen politischen Vorbildern und bauten einen modernen, demokratischen Staat auf. Das Parlament wurde zum Zentrum des staatlichen Lebens, und allen Einwohnern wurden Bürgerrechte unabhängig von ihrer ethnischen und religiösen Zugehörigkeit zugesichert
. Im Parlament waren verschiedene Parteien, Volksgruppen und Konfessionen vertreten. Die deutsche Minderheit wurde durch Lorenz Kuhn aus Helenendorf repräsentiert. Darin zeigt sich, dass es der jungen Republik nicht nur um staatliche Unabhängigkeit ging, sondern auch darum, nationale Minderheiten in das politische Leben einzubeziehen.
Die Sowjetjahre und die Deportation
Doch die Erste Republik bestand nur knapp zwei Jahre. Im April 1920 wurde sie von Sowjetrussland besetzt, und bis 1922 war ganz Südkaukasien sowjetisiert und Teil der neu gegründeten UdSSR geworden.
Die deutschen Kolonisten mussten sich, wie viele andere Völker auch, erneut anpassen. Die Selbstverwaltung der Kolonien wurde aufgehoben, große Betriebe wurden verstaatlicht, und das religiöse Leben geriet unter starken Druck.
In den Jahren der Neuen Ökonomischen Politik (1921–1928) erlebte die Gemeinschaft dennoch einen kurzen Aufschwung. Die bereits im Juni 1920 als „Produktionsverbund der Arbeiterwinzer“ gegründete Weinbaugenossenschaft „Konkordia“ der deutschen Siedlungen, in die auch die früheren Familiengroßbetriebe eingingen, unterhielt ein Handelsnetz in der ganzen Sowjetunion. Kollektivierung und neue Repressionen beendeten diese Phase ab Ende der 1920er Jahre.
Die 1930er Jahre wurden zu einer weiteren Bewährungsprobe. Stalins Repressionen gingen auch an den Siedlern nicht spurlos vorüber. Zu den Verhafteten und Verurteilten gehörte Lorenz Kuhn, der 1942 in Uchta starb, weit entfernt von seinem Heimatort Helenendorf.
Das Jahr 1941 wurde zum endgültigen Wendepunkt. Nach dem Angriff des nationalsozialistischen Deutschlands auf die UdSSR wurde die deutsche Herkunft zum Anlass für kollektiven Verdacht und kollektive Verfolgung. Im Oktober 1941 ordneten die sowjetischen Behörden die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus den südkaukasischen Republiken an.
Ein Bleiberecht hatten lediglich Frauen, die mit Männern anderer Nationalität verheiratet waren. Von der Deportation waren in Aserbaidschan rund 23.560 Menschen betroffen. Sie wurden über das Kaspische Meer nach Zentralasien und insbesondere nach Kasachstan zwangsumgesiedelt. Die mehr als 120 Jahre währende Geschichte der deutschen Kolonisten in Südkaukasien wurde damit innerhalb weniger Tage gewaltsam beendet.
Die Bedingungen in der Verbannung waren sehr hart. Männer und Frauen wurden in die Arbeitsarmee eingezogen, Kinder über drei Jahre blieben oftmals ohne Eltern zurück. Selbst nach der Aufhebung des Sondersiedlungsregimes ab 1956 und einer Teilrehabilitierung 1964 war eine Rückkehr an die früheren Wohnorte unmöglich.
Das formelle Rückkehrverbot für die sowjetischen Deutschen wurde erst 1972 aufgehoben, doch da war das Gemeinschaftsleben in den Kolonien längst zerstört. In ihren Häusern wohnten andere Menschen, ihr Besitz war verloren, vieles gehörte der Vergangenheit an. Auch Perestrojka und Glasnost in den 1980er Jahren änderten daran wenig; zu einer massenhaften Rückkehr in die ehemaligen Siedlungen kam es nicht. Dieses Kapitel war für sie abgeschlossen.
Spätestens nach dem Zusammenbruch der UdSSR wanderten viele Nachkommen nach Deutschland aus, wo sie sich bessere Lebensbedingungen und Perspektiven erhofften. Dort wurden sie als Russlanddeutsche bezeichnet – eine Sammelbezeichnung für die Nachkommen verschiedener deutscher Gruppen, die im Russischen Reich und in der UdSSR gelebt hatten. Unter ihnen befanden sich auch Familien, deren Vorfahren einst in Helenendorf, Annenfeld, Traubenfeld und anderen deutschen Kolonien in Aserbaidschan gelebt hatten.
Deutsche Spuren heute
Auch wenn unter der Sowjetherrschaft offiziell über die Zeit des Terrors geschwiegen wurde und der Konflikt um Berg-Karabach mit Flüchtlingen und Zwangsvertriebenen völlig neue Probleme in die früheren deutschen Siedlungen brachte, lebte das deutsche Erbe weiter. Die frühere Lehrerin Valentina Oranskaja und Viktor Klein galten als „lebendes Gedächtnis“ der deutschen Gemeinde von Helenendorf. Mit ihrem Tod endete die gelebte Geschichte an ihrem ursprünglichen Ort. Seitdem ist es zutreffender, von deutschen Spuren zu sprechen.
Zwar sind die Namen Helenendorf, Annenfeld, Georgsfeld, Grünfeld und Traubenfeld längst von den Landkarten verschwunden – die Orte wurden mehrfach umbenannt: Helenendorf heißt heute Göygöl, Annenfeld gehört zu Schämkir, Traubenfeld zu Tovuz –, doch in diesem nordwestlichen Teil Aserbaidschans stehen noch immer die Häuser der Kolonisten, und Friedhöfe sowie Produktionsstätten mit riesigen Weinkellern und Fässern sind erhalten geblieben.
Auch wenn die Friedhöfe und die Grabsteine mit ihren bemerkenswerten Inschriften ständiger Pflege bedürfen und Gebäude oder Kellerräume restauriert werden müssen – was sowohl Geld als auch Engagement erfordert – wurde bereits viel erreicht. Umfangreiche Forschungsarbeiten liegen vor, zahlreiche Projekte – wie die Restaurierung der Kirche von Göygöl mit Hilfe der GIZ und des Vereins EuroKaukAsia e. V. – wurden realisiert.
Im Jahr 2016 beging Aserbaidschan offiziell das 200-jährige Jubiläum der deutschen Siedlungen in Südkaukasien, und 2017 wurde es in das Programm der Gedenkdaten der UNESCO aufgenommen. Das gemeinsame Erbe bleibt für alle Seiten eine Herausforderung: Es bedarf dauerhafter Pflege und einer gemeinsamen Erinnerungskultur.
Die Frage des Gedenkens
Die Geschichte der Deutschen in Aserbaidschan ist nicht nur die Geschichte des Weinbaus, der lutherischen Kirchen oder der Industrie. In erster Linie geht es um die Geschichte der Menschen, die mehr als 120 Jahre lang auf diesem Boden gelebt haben. Sie bauten Häuser, gründeten Unternehmen und beteiligten sich aktiv am Leben Aserbaidschans. Ihre Gemeinschaft wurde durch die grausame und ungerechte Deportation von 1941 zerstört, doch ihr materielles Erbe hat sie überdauert und ist bis heute sichtbar.
Häuser, Friedhöfe und Weinkeller in Göygöl, Schämkir und anderen kleinen Ortschaften erinnern daran, dass sich die Geschichte Aserbaidschans nicht nur aus den Schicksalen eines einzigen Volkes zusammensetzt. Zu ihr gehören auch jene, die von weit her kamen, hier mehrere Generationen lang lebten und zu einem untrennbaren Teil der Geschichte des Landes wurden.
Dieses Erbe zu bewahren bedeutet nicht nur, an die deutschen Siedler zu erinnern. Es geht um den Umgang mit der eigenen Geschichte. Manchmal reicht es schon aus, ein altes Gebäude zu restaurieren, eine Inschrift auf einem Grabstein zu erhalten oder einen historischen Namen wiederherzustellen, damit die Vergangenheit nicht mehr fern und fremd erscheint.
Zum Autor

Toghrul Hasanzade ist politischer Analyst und freier Autor mit Schwerpunkten in der europäischen Außenpolitik, internationalen Beziehungen und dem postsowjetischen Raum. Er hat Europäische Studien an der Europa-Universität Viadrina studiert und war Stipendiat des Internationalen Parlaments-Stipendiums des Deutschen Bundestages. Seine Texte erscheinen regelmäßig in aserbaidschanischen Medien. Zudem tritt er als Experte für europäische Politik in Fernsehsendungen auf.
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