Gastkommentar
„Elif Eralp, bitte mach es anders“: Herkunft ist kein politisches Mandat

Herkunft ist kein Mandat: Ein offener Brief an Elif Eralp und türkischstämmige Politiker, sich auf deutsche Politik statt die Türkei zu fokussieren.

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Ein Gastkommentar von Aras Karasun

Wir gratulieren Elif Eralp und sagen gleichzeitig sehr deutlich, was wir befürchten: Es ist ein offener Brief an alle türkischstämmigen und als „türkisch gelesen“ Politiker in Deutschland. Liebe türkischstämmige Politikerinnen und Politiker, zunächst einmal herzlichen Glückwunsch an Elif Eralp.

Aber gerade bei diesem Anlass möchte ich etwas sehr deutlich sagen, was viele Menschen mit türkischem Hintergrund in Deutschland seit Jahren beschäftigt. Bitte macht nicht denselben Fehler wie diejenigen vor euch.

Der Reflex der erzwungenen Zuständigkeit

Es gibt einen politischen Reflex, der viele Menschen mit türkischem Hintergrund inzwischen regelrecht nervt. Sobald ein Politiker einen türkischen Namen trägt oder türkische Wurzeln hat, wird von ihm offenbar erwartet, dass er sich besonders intensiv mit der Türkei beschäftigt.

Manche Politiker wie Cem Özdemir haben diese Rolle nicht nur angenommen, sondern geradezu über Jahre chronisch weiterkultiviert. Plötzlich wurden alle türkisch klingenden Politiker zu zwanghaften Türkei-Erklärern, zu moralischen Schiedsrichtern innerhalb der türkischstämmigen Bevölkerung und zu vermeintlichen politischen Vertretern einer gesamten Community.

Genau das sollte aufhören, denn der türkischstämmige Bürger braucht keinen politischen Aufpasser und vor allem keine Tippgeber für das Herkunftsland. Die türkischstämmige Bevölkerung in Deutschland ist keine politische Grundschulklasse, die von irgendeinem selbsternannten Türkei-Beauftragten in die vermeintlich richtige Richtung geführt werden muss.

Das sage ich keineswegs, weil diese Politiker türkische Wurzeln haben. Im Gegenteil: Gerade weil sie türkische Namen und einen entsprechenden familiären Hintergrund besitzen, sollten sie bitte komplett und in jeder Form vermeiden, daraus einen politischen Vertretungsanspruch abzuleiten.

Ein türkischstämmiger deutscher Politiker ist zunächst einmal ein deutscher Politiker, der dieselben politischen Aufgaben wie jeder andere Abgeordnete hat. Er muss sich nicht künstlich und zusätzlich zum Türkei-Beauftragten erklären, nur weil seine Eltern oder Großeltern aus der Türkei stammen, denn Herkunft ist kein politisches Mandat. Ein türkischer Name ist schon gar keine Ernennungsurkunde zum Sprecher von Millionen Menschen in fremden Ländern.

Vielfalt statt rassistischer Vereinfachung

Genau hier wurde in der Vergangenheit etwas falsch gemacht. Es war falsch, die türkischstämmige Bevölkerung in Deutschland immer wieder auf politische Konflikte in der Türkei zu reduzieren und aus deutschen Wahlkämpfen eine Art Stellvertreterdebatte über die türkische Innenpolitik zu machen. Ebenso falsch war es, so zu tun, als müsse man Menschen mit türkischem Hintergrund politisch erst belehren, welche Haltung sie zu den Vorgängen in der Türkei einzunehmen hätten.

Damit wurde eine vielfältige Bevölkerung in Deutschland über Jahre nur auf einen einzigen Türkei-Themenkomplex reduziert, was eine absurde, bizarre und rassistische Vereinfachung darstellt. Ein türkischstämmiger Familienvater kann sich um seine Miete sorgen, um seinen Arbeitsplatz, die Schule seiner Kinder, seine Rente oder die Sicherheit in seiner Stadt.

Vielleicht interessiert er sich für die türkische Innenpolitik, vielleicht interessiert sie ihn überhaupt nicht. Vielleicht verfolgt er die politischen Entwicklungen in der Türkei jeden Tag, oder er schaut nicht einmal die Nachrichten. Das ist seine freie Entscheidung, und genau diese sollten Politiker respektieren.

Ein türkischer Name verpflichtet zu gar nichts. Ein Politiker mit türkischen Wurzeln bekommt durch seine Herkunft kein zusätzliches Mandat für die türkische Innenpolitik. Genauso wenig wird ein Politiker mit indischen Wurzeln automatisch zum Indien-Beauftragten, ein Politiker mit mexikanischer Familiengeschichte zum Ansprechpartner für die mexikanische Innenpolitik oder ein Politiker mit griechischen Wurzeln zum politischen Vertreter Griechenlands in Deutschland.

Warum sollte das bei der Türkei anders sein? Mit einem türkischen Namen entsteht kein Anspruch auf politische Deutungshoheit innerhalb der türkischstämmigen Bevölkerung, denn wir sind nicht eure persönliche politische Klientel. Eure türkisch klingenden Namen machen euch nicht zu politischen Vertretern einer gesamten türkischen Community oder bestimmter Strömungen in der Türkei.

Die Chance auf einen Neuanfang

Diese Grenze wurde und wird in der politischen Kommunikation immer wieder verwischt. Wenn die Türkei plötzlich zum festen Bestandteil deutscher Wahlkampfkommunikation wird, wenn die eigene türkische Herkunft zum politischen Markenzeichen gemacht wird und wenn daraus der Eindruck entsteht, man müsse als türkischstämmiger Bürger zu diesen Themen Stellung beziehen, dann ist das die falsche Richtung. Das sollte sich nicht wiederholen – nicht bei Elif Eralp und nicht bei irgendeinem anderen Politiker.

Deshalb geht dieser Brief ausdrücklich auch an Elif Eralp. Nicht als Angriff, sondern als Erwartung. Du hast die Möglichkeit, es anders zu machen. Du musst nicht die Türkeipolitik und die türkische Community erklären, nicht entscheiden, welche Haltung Türkeistämmige zu politischen Entwicklungen in der Türkei haben sollten, und du musst weder zur politischen Schiedsrichterin zwischen verschiedenen türkischen Gruppen werden noch beweisen, dass du eine bestimmte politische Haltung zur Türkei hast, nur weil dein Name türkisch klingt.

Mach Politik für Deutschland: Kümmere dich um Berlin, um Mieten, Schulen, Arbeitsplätze, Sicherheit, Infrastruktur, Familien und die ganz normalen Probleme der Menschen, die hier leben.

Ein Appell an das gesamte politische Spektrum

Die türkischstämmige Bevölkerung in Deutschland besteht keineswegs aus einer homogenen politischen Masse. Wir sind Millionen Menschen mit unterschiedlichen Ansichten, Lebensgeschichten, Vorstellungen, unterschiedlichen Beziehungen zur Türkei und vor allem mit unterschiedlichen Interessen in Deutschland.

Wir bitten daher eindringlich: Keine Politik mehr auf unsere Kosten, aufgrund unserer Herkunft oder unseres Herkunftslandes. Die türkische Community soll bitte nicht mehr über politische Fragen des Herkunftslandes definiert werden, und für sie muss es keineswegs eine bestimmte politische Richtung geben. Damit muss Schluss sein, denn wir brauchen keine politischen Klassensprecher unserer Herkunft, sondern Abgeordnete. Das ist zugleich ein Appell an alle Parteien, der keineswegs nur für die Grünen gilt, sondern ebenso für CDU, SPD, Linke, FDP, AfD und alle anderen.

Hört auf, Menschen mit türkischem Hintergrund ständig über die Türkei anzusprechen, sie aufgrund ihres Namens oder ihrer Familiengeschichte automatisch bestimmten politischen Positionen zuzuordnen und aus einem türkischen Namen eine politische Zuständigkeit abzuleiten. Und hört vor allem auf, euch einzureden, dass ihr für uns sprechen müsst, nur weil eure oder unsere Eltern aus demselben Land stammen. Ihr seid nicht unsere Türkei-Beauftragten und wir brauchen auch keine.

Herkunft ist Herkunft und Politik ist Politik – nämlich hier in Deutschland für die Menschen, die euch gewählt haben. Türkische Wurzeln sind eine Herkunft, kein politisches Mandat. Ein türkischer Name ist keine politische Vollmacht und schon gar keine Ernennungsurkunde zum Türkei-Beauftragten.

Deshalb mein Appell an die nächste Generation türkischstämmiger Politiker in Deutschland: Macht nicht den Fehler, den andere vor euch gemacht haben und immer noch machen. Macht deutsche Politik und vertretet eure Wähler, aber vertretet nicht automatisch eine imaginäre türkische Community. Wir können selbst denken, selbst wählen und selbst entscheiden, was uns wichtig ist, und wir brauchen niemanden, der uns erklärt, welche Position wir zu den politischen Fragen der Türkei einzunehmen haben.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


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