Istanbul – Türkische Sicherheitskräfte haben nach eigenen Angaben ein mit Israel in Verbindung stehendes, betrügerisches Handelsnetzwerk aufgedeckt.
Wie Medien unter Berufung auf den türkischen Justizminister Akın Gürlek berichten, soll das Netzwerk in den vergangenen zwei Jahren Opfer in Europa, Ostasien und Afrika um mindestens 266 Millionen US-Dollar gebracht haben.
Nach Angaben des Justizministers habe sich die großangelegte Ermittlung gegen insgesamt 42 Callcenter gerichtet, die von 28 verschiedenen Firmen betrieben worden seien. Im Visier der Justiz stünden derzeit 239 Tatverdächtige.
Ein organisiertes Betrugsnetzwerk, das es auf Opfer in zahlreichen Ländern abgesehen habe, sei aufgedeckt worden, nachdem festgestellt worden sei, dass Personen mit Verbindungen nach Israel die Haupteigentümer und wirtschaftlichen Endbegünstigten der betroffenen Unternehmen gewesen seien, erklärte Gürlek laut Medienberichten.
Razzien in Istanbul und Muğla unter Einbindung von Interpol
Die Razzien seien in den frühen Morgenstunden an 236 Adressen in den Provinzen Istanbul und Muğla durchgeführt worden. Die Operation habe in enger Koordination zwischen den türkischen Polizeibehörden, dem nationalen Nachrichtendienst MIT (Milli İstihbarat Teşkilatı) sowie der internationalen Polizeiorganisation Interpol stattgefunden.
Nach Angaben türkischer Offizieller stehe der Polizeieinsatz in direktem Zusammenhang mit einem internationalen Kriminellen-Netzwerk, das in Ermittlerkreisen als „Scam Empire“ (Reich des Betrugs) bekannt sei. Dieses Syndikat habe über das vergangene Jahrzehnt hinweg von verschiedenen Ländern aus operiert.
Das Ausmaß der Machenschaften war zuvor durch Recherchen des Organized Crime and Corruption Reporting Project (OCCRP) enthüllt worden. Das Journalisten-Netzwerk hatte offengelegt, wie Tätergruppen von Israel und Europa aus hunderte Menschen durch fingierte Telefon-Investments systematisch um ihre Ersparnisse gebracht haben sollen. Die finanziellen Verluste der einzelnen Opfer hätten sich dabei auf Summen von 10.000 US-Dollar bis hin zu mehreren hunderttausend Dollar belaufen.
Gefälschte Gewinne und Verdeckung der Spuren
Das kriminelle Netzwerk habe seine Opfer gezielt über Kundendienstmitarbeiter angeworben, die eine Vielzahl unterschiedlicher Sprachen beherrscht hätten. Auf den von den Verdächtigen kontrollierten Investmentplattformen seien den Opfern frei erfundene Gewinne angezeigt worden, um sie dazu zu verleiten, immer größere Geldbeträge einzuzahlen, erläuterte der Justizminister die vermutete Masche.
Sobald die Gelder eingezahlt worden seien, habe man sie unverzüglich auf ausländische Bankkonten sowie in verdeckte Kryptowährungs-Wallets weitergeleitet, um eine Rückverfolgung durch Finanzbehörden zu erschweren. Als einen der mutmaßlichen Drahtzieher hätten die türkischen Behörden einen Mann mit den Initialen Y.A. identifiziert, bei dem es sich um einen israelischen Staatsbürger handele, der zusätzlich einen portugiesischen Pass besitze.
Die Methodik ist in der Branche nicht neu: Bereits im Jahr 2016 hatte die Nachrichtenagentur Reuters über NRGbinary berichtet, ein israelisches Handelsunternehmen für Finanzmarkt-Produkte, das Anleger in Europa um Millionen geprellt haben soll. Israel verbot das Unternehmen noch im selben Jahr.
In einer weiteren OCCRP-Recherche aus dem Jahr 2025 wurden zwei ähnliche Tätergruppen mit Callcentern in Israel, Osteuropa und Georgien untersucht. Deren Mitarbeiter sollen weltweit mindestens 32.000 Personen um insgesamt mehr als 275 Millionen US-Dollar erleichtert haben.
Verlegung der Callcenter in die Türkei zur Tarnung
Mit der Ermittlung vertraute türkische Offizielle erklärten gegenüber Journalisten, dass die Callcenter-Agenten – wie in den OCCRP-Recherchen dokumentiert – mit falschen Identitäten und gefälschten Dokumenten agiert haben sollen. Die Ermittler gehen davon aus, dass einige in Israel ansässige Netzwerke aufgrund der zunehmenden Spannungen zwischen den Regierungen in Ankara und Tel Aviv versucht haben könnten, ihre Operationsbasis in die Türkei zu verlegen, um einer Aufdeckung im Heimatland zu entgehen.
Das Schema habe dabei meist demselben Muster gefolgt: Die Hintermänner gründen im Zielland eine Tarnfirma, die im Grunde als Callcenter fungiert. Anschließend werden gezielt Mitarbeiter angeworben, die Muttersprachler oder fließend in Sprachen wie Japanisch, Hindi, Französisch oder Spanisch sind.
Die Angestellten seien unter Bezeichnungen wie „Conversion Agent“ (Anwerber) oder „Retention Agent“ (Kundenbetreuer für Folgezahlungen) eingestellt worden.
Bewerber hätten eine einwöchige Schulung durchlaufen müssen. In dieser Zeit habe jeder Mitarbeiter ein Pseudonym erhalten und sei angewiesen worden, sich eine gefälschte Vita zuzulegen, berichtete ein türkischer Offizieller. Diese erfundenen Geschichten hätten Details enthalten, die potenzielle Opfer beeindrucken und Vertrauen schaffen sollten – etwa die Behauptung, einen Abschluss der Universität Oxford zu besitzen.
Lügendetektoren und striktes Hebräisch-Verbot
Bevor neue Mitarbeiter ihre Arbeit hätten aufnehmen dürfen, hätten sie sich laut Behördenangaben sogar einem Lügendetektortest (Polygraph) unterziehen müssen. Damit habe das Syndikat sicherstellen wollen, dass keine Verbindungen zu Strafverfolgungsbehörden oder Geheimdiensten bestünden.
Innerhalb der Büroräume hätten extrem strenge Sicherheits- und Verhaltensregeln gegolten. Das Sprechen der hebräischen Sprache sei im Büro strikt untersagt gewesen. Anstatt des tatsächlichen Firmennamens hätten sich die Anrufer als Vertreter wechselnder Investmentplattformen vorgestellt, deren Namen von den israelischen Organisatoren fortlaufend ausgetauscht worden seien.
Eine der eisernsten Regeln innerhalb der Organisation habe jedoch gelautet: Israelische Staatsbürger durften unter keinen Umständen als Opfer ins Visier genommen werden.
Die türkischen Ermittler kämen zu dem Schluss, dass diese weltweit agierenden Betrugsnetzwerke eine Art Zweckbündnis eingegangen seien – ein Modell, das von den Ermittlern als Symbiose zum beiderseitigen Vorteil zwischen den israelischen Betrugsbossen und den Interessen des Raumes beschrieben werde.
NEW: Turkey busts Israel-linked ’scam empire‘ behind alleged $266m fraud
• Dawn raids coordinated with Turkish intelligence and Interpol targeted an operation accused of defrauding victims across three continentshttps://t.co/YC8EJfre1x
— Ragıp Soylu (@ragipsoylu) September 18, 2026
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