Washington/Doha – Die US-Journalistin und Politikwissenschaftlerin Belén Fernández beschäftigt sich in einem auf Al Jazeera veröffentlichten Meinungsbeitrag mit der Frage, ob Spanien wegen seiner zunehmend israelkritischen Haltung unter Druck gesetzt wird.
Unter der Überschrift „Is Spain being punished?“ analysiert die promovierte Politikwissenschaftlerin die jüngste Migrationskrise in der spanischen Exklave Ceuta und verweist auf Äußerungen israelischer Politiker sowie pro-israelischer Kommentatoren, die ihrer Ansicht nach Spekulationen über mögliche Zusammenhänge befeuert hätten.
Ausgangspunkt ihres Kommentars ist die jüngste Migrationskrise in der spanischen Exklave Ceuta. Dort kamen bei dem Versuch, die Grenze von Marokko aus zu überqueren, mindestens 57 Menschen ums Leben.
Innerhalb von 24 Stunden gelangten zudem Zehntausende Migranten nach Ceuta. Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez bezeichnete die Ereignisse als Verletzung der territorialen Integrität Spaniens. Zahlreiche Migranten erklärten gegenüber Medien, sie seien durch Beiträge in sozialen Netzwerken zu der Überquerung ermutigt worden.
Spaniens Kurs gegenüber Israel
Die Autorin schreibt dass die spanische Regierung ihre Kritik an Israel in den vergangenen Monaten deutlich verschärft habe. Madrid hatte Israel als „genozidalen Staat“ bezeichnet, größere Rüstungsgeschäfte gestoppt und bereits 2024 den Staat Palästina anerkannt.
Vor diesem Hintergrund hebt Fernández die Reaktion des israelischen UN-Botschafters Danny Danon hervor. Dieser erklärte auf X, Spanien nutze jede Gelegenheit, Israel zu belehren, habe nun aber selbst wegen seiner Migrationspolitik in Ceuta den Notstand ausgerufen.
Danon fragte außerdem, warum Spanien weiterhin koloniale Enklaven auf dem afrikanischen Kontinent unterhalte, wenn es Israel kritisiere.
Spekulationen über mögliche Zusammenhänge
Fernández geht zudem auf eine Reaktion des spanischen Verkehrsministers Óscar Puente ein. Dieser antwortete auf Danons Beitrag mit den Worten: „Nun wird alles ziemlich klar.“ Nach Auffassung der Journalistin spielte Puente damit auf Spekulationen an, Israel könnte an der massenhaften Migration nach Ceuta beteiligt gewesen sein, um Spanien für dessen Haltung gegenüber Israel und seiner Kritik am Vorgehen im Gazastreifen zu bestrafen.
Diese Spekulationen seien nach Ansicht der Autorin auch durch öffentliche Äußerungen israelischer Politiker und pro-israelischer Kommentatoren genährt worden.
Als Beispiel nennt Fernández einen im März veröffentlichten Beitrag des früheren Pentagon-Mitarbeiters Michael Rubin. Darin hatte dieser vorgeschlagen, Marokkaner sollten sich an der Grenze versammeln, mit Bulldozern die Grenzanlagen beseitigen und anschließend unbewaffnet nach Ceuta und Melilla einziehen, um dort die marokkanische Flagge zu hissen.
Außerdem verweist sie auf einen Beitrag des Politikanalysten Amine Ayoub auf der israelischen Nachrichtenseite Ynet News. Darin schlug Ayoub vor, Israel solle Marokko dabei helfen, Ceuta und Melilla zurückzuerobern. Als günstigen Zeitpunkt bezeichnete er die angespannten Beziehungen zwischen Spanien und den USA.
Geopolitische Interessen
Fernández erinnert daran, dass Spanien während des US-israelischen Krieges gegen den Iran den Vereinigten Staaten die Nutzung seiner Militärstützpunkte verweigerte. Einen Monat später erschienen Berichte, wonach in den USA sogar über eine Aussetzung der spanischen NATO-Mitgliedschaft diskutiert worden sei.
Ayoub hatte argumentiert, die Abraham-Abkommen hätten neue Bündnisse im Nahen Osten und Nordafrika geschaffen, die gleichzeitig amerikanischen und israelischen Interessen dienten. Nach seiner Auffassung würde eine Unterstützung Marokkos bei der Rückgewinnung Ceutas und Melillas sowohl diesem strategischen Rahmen dienen als auch ein NATO-Mitglied bestrafen, das sich aus seiner Sicht den Interessen des Bündnisses widersetzt habe.
Fernández hebt hervor, dass Ayoub den strategischen Wert Marokkos am Ende seines Beitrags selbst benannt habe. Marokko kontrolliere gegenüber der Straße von Gibraltar einen der wichtigsten maritimen Engpässe der Welt.
„Ob Israel beteiligt war, bleibt abzuwarten“
Gleichzeitig betont Fernández ausdrücklich, dass sich derzeit nicht sagen lasse, ob Israel tatsächlich in die jüngsten Ereignisse in Ceuta verwickelt gewesen sei.
Wörtlich schreibt sie, ob Israel tatsächlich beteiligt gewesen sei, „bleibe abzuwarten“. Zugleich erinnert sie daran, dass Israel ihrer Ansicht nach in der Vergangenheit nicht davor zurückgeschreckt sei, sich verdeckt in Angelegenheiten anderer Staaten einzumischen.
Auch Trump äußerte sich
Zum Schluss ihres Kommentars verweist Fernández auf US-Präsident Donald Trump. Dieser hatte die Ereignisse in Ceuta als Beleg für die angebliche Unfähigkeit der spanischen Regierung bezeichnet und erklärt, ein ähnliches Szenario drohe auch den Vereinigten Staaten, sollten die Demokraten wieder an die Macht kommen.
Fernández merkt abschließend an, Israel hätte sich von Trump möglicherweise eine andere Botschaft gewünscht – etwa eine Unterstützung marokkanischer Ansprüche auf Ceuta. Stattdessen habe der US-Präsident den Vorfall vor allem genutzt, um vor Migration zu warnen.
I wrote about Ceuta for Al Jazeera: „Is Spain being punished?“ https://t.co/K8e4h5c9EO @aje
— Belén Fernández (@MariaBelen_Fdez) August 1, 2026

Belén Fernández wurde 1982 in Washington geboren und promovierte in Politikwissenschaft an der Harvard University. Sie arbeitet als Journalistin und Autorin und veröffentlicht unter anderem für Jacobin, die London Review of Books, Current Affairs, Middle East Eye sowie Al Jazeera. Sie veröffentlichte mehrere Bücher, darunter The Imperial Messenger: Thomas Friedman at Work. Ihr Werk Exil in der Welt erschien auch in deutscher Übersetzung.
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