Gastkommentar
Susanne Mattner: Parallelen zwischen AfD und NSDAP

Susanne Mattner über den Film „Nürnberg“, die Gefahren ideologischen Denkens und ihre Sorge über die politische Entwicklung und den Umgang mit der AfD.

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Ein Gastkommentar von Susanne Mattner

Ich habe mir gestern den Film „Nürnberg“ (2026) angeschaut. Und dieser Film bedrückt mich auf zwei ganz unterschiedliche Arten.

Zum einen wegen dieser Denkweise. Ich finde es bis heute unvorstellbar, wie sehr Menschen von einer Ideologie zerfressen sein können. Wie man sich an ein System klammert, selbst wenn längst alles zusammengebrochen ist, selbst wenn die Verbrechen unübersehbar sind und Millionen Menschen ermordet wurden.
Und dann sitzt da Göring in Nürnberg und wird gefragt, ob er Hitler – mit allem Wissen, das inzwischen über die Verbrechen bekannt war – noch einmal folgen würde.

Er sagt: Ja.
Und anschließend: „Heil Hitler.“

Diesen Satz hatte ich schon einmal gehört. Aber nachdem ich mich gestern wieder etwas intensiver mit Nürnberg und der NS-Zeit beschäftigt habe, hat er mich erneut erschreckt. Denn dieser Moment zeigt für mich etwas zutiefst Verstörendes: wie unbelehrbar ein Mensch sein kann, wenn eine Ideologie sein Denken vollständig beherrscht.

Selbst angesichts der eigenen Niederlage, angesichts der Verbrechen und angesichts dessen, was diese Ideologie über Deutschland und Europa gebracht hatte, war da offenbar keine echte Distanz.

Das zweite Thema, das mich an diesem Film extrem beschäftigt, ist die Todesstrafe. Ich möchte damit ausdrücklich nicht sagen: Diese Menschen haben das nicht verdient. Darum geht es mir überhaupt nicht.

Ich bin grundsätzlich gegen die Todesstrafe. Auch dann, wenn Menschen unfassbare Verbrechen begangen haben. Und gerade deshalb bedrücken mich die Szenen der Hinrichtungen. Ein Staat, der Menschen tötet, überschreitet für mich eine Grenze – unabhängig davon, wie schuldig der Mensch ist. Und vielleicht hat mich dieser Film gerade deshalb so stark getroffen, weil ich danach automatisch an unsere Gegenwart denken musste.

Ich war früher CDU-Mitglied und kenne deshalb noch einige Menschen aus diesem Umfeld. Im normalen Leben spricht man natürlich manchmal über Politik. Ich versuche das meistens zu vermeiden, weil Facebook für mich tatsächlich ein bisschen eine eigene Welt ist. Hier äußere ich mich politisch sehr viel stärker als in meinem Alltag.

Im wirklichen Leben versuche ich eher auf andere Weise etwas zu bewirken: durch Spenden, durch konkrete Hilfe, durch Unterstützung von Menschen, die Hilfe brauchen. Aber gerade weil ich die politischen Diskussionen hier aufmerksam verfolge, beobachte ich etwas, das mir zunehmend Angst macht.

Die Brandmauer zur AfD wird von Teilen der CDU immer offener infrage gestellt, die Linken werden fast schon dämonisiert. Und genau jetzt, nachdem ich mich wieder so intensiv mit Nürnberg, den Nationalsozialisten und der Ideologie dahinter beschäftigt habe, trifft mich das besonders.

Und ich möchte an dieser Stelle auch etwas korrigieren, was ich früher vielleicht vorsichtiger formuliert habe:

Ja, ich sehe inzwischen durchaus Parallelen zwischen bestimmten Positionen und Aussagen von AfD-Politikern und historischen Mustern, die wir aus der Zeit des Nationalsozialismus kennen. Natürlich ist die AfD nicht die NSDAP von 1933. Geschichte wiederholt sich nicht einfach eins zu eins. Ich würde sie (noch) als die kleine Schwester bezeichnen, die gerade beginnt, erwachsen zu werden.

Denn wenn Politiker dieser Partei beispielsweise rassistische, völkische oder menschenverachtende Vorstellungen äußern, wenn Menschen aufgrund ihrer Herkunft pauschal abgewertet werden, wenn von „Remigration“ gesprochen wird und wenn bestimmte Gruppen aus der Gesellschaft herausdefiniert werden sollen, dann darf man diese Aussagen auch historisch einordnen.

Das ist für mich keine hysterische Gleichsetzung. Das ist politische Wachsamkeit. Und genau davor habe ich Angst: dass wir uns an solche Aussagen gewöhnen. Dass wir irgendwann sagen: Na ja, so schlimm ist das doch nicht. Dass Dinge, die gestern noch undenkbar waren, heute diskutierbar werden. Morgen vielleicht akzeptabel sind. Und übermorgen politischer Alltag.

Der Film „Nürnberg“ hat mir gestern noch einmal sehr deutlich vor Augen geführt, wohin eine Gesellschaft gelangen kann, wenn Ideologie stärker wird als Menschlichkeit, wenn Ausgrenzung normalisiert wird und wenn Menschen irgendwann aufhören, ihre eigenen Überzeugungen kritisch zu hinterfragen.

Deshalb möchte ich heute einfach einen Appell loswerden:
Seid wachsam. Nicht hysterisch. Aber auch nicht, indem wir aus Angst vor einem historischen Vergleich aufhören, historische Parallelen überhaupt noch zu benennen. Schaut genau hin.

Auf die Sprache. Auf Menschenbilder. Auf die Bereitschaft, Minderheiten abzuwerten. Auf die Verschiebung dessen, was plötzlich wieder sagbar sein soll. Und vor allem darauf, wer bereit ist, demokratische Grenzen aus machtpolitischen Gründen aufzugeben.

Denn Demokratie lebt nicht davon, dass wir uns alle einig sind. Sie lebt davon, dass wir unsere Freiheit, unsere Menschenwürde und unsere demokratischen Grenzen verteidigen – gerade dann, wenn es unbequem wird. Und vielleicht ist genau das die wichtigste Lehre, die ich aus „Nürnberg“ mitnehme. Nie wieder ist kein Satz, den man nur an Gedenktagen sagt. Nie wieder ist eine Haltung.

 


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


Zum Autor

Susanne Mattner wurde im Ruhrgebiet geboren und studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowohl in den USA als auch an der Universität Dortmund. Nach ihren Studienstationen verbrachte sie in den 1990er-Jahren auch einige Zeit im Nahen Osten. Nach ihren längeren Auslandsaufenthalten lebt sie heute verheiratet in Hamburg. In ihren Beiträgen verfolgt sie aufmerksam das internationale Zeitgeschehen mit einem geschulten Blick für mediale Narrative. Ihre Schwerpunkte liegen auf geopolitischen Entwicklungen im Nahen Osten, gesellschaftlichen Debatten sowie der kritischen Analyse doppelter Standards in der Berichterstattung.


 

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