Geschichte
„Die europäische Moderne ist durchzogen von Feindbildern“

Warum der 8. Mai nicht nur das Ende des Nationalsozialismus markiert – sondern der Anfang einer tiefergehenden Selbstaufklärung Europas sein muss.

Teilen

Ein Gastbeitrag von Çağıl Çayır

Der 8. Mai 1945 steht für die militärische Befreiung vom Nationalsozialismus, für das Ende eines Staates, der den industriellen Massenmord zur Staatsräson erhob. Der Tag markiert den Zusammenbruch einer Ideologie, deren Herzstück der rassistische Antisemitismus war.

Doch so wichtig das Gedenken an diesen Bruch bleibt, so notwendig ist es, den Blick über die zwölf Jahre zwischen 1933 und 1945 hinaus zu weiten – zurück auf die ideengeschichtlichen Entwicklungen, die diesen Zivilisationsbruch vorbereiteten.

Wer sich aufrichtig erinnern will, muss fragen: Welche Vorstellungen von Reinheit, Fremdheit und Überlegenheit wirkten schon lange vor Hitler? Und welche von ihnen wirken – unter neuen Namen – bis heute fort?

Die lange Geschichte des „Anderen“

Die europäische Moderne ist durchzogen von Feindbildern. Bereits im Mittelalter und der Frühen Neuzeit entstand ein ideologisches System, das Europa durch die Abgrenzung von vermeintlich kulturell Fremden stabilisierte. Der „Jude“ wurde dabei zur inneren Bedrohung erklärt – als angeblicher Feind von Religion, Ordnung und Identität.

Dieses Bild wurde über Jahrhunderte tradiert und mündete in den Antisemitismus des 19. und 20. Jahrhunderts, in dem der Jude nicht nur religiös oder sozial, sondern biologisch als „anders“ konstruiert wurde.

Doch der Antisemitismus war nicht das einzige ideologische Fundament des Nationalsozialismus. Weniger bekannt, aber ebenso tief verankert, war die Konstruktion des „östlichen Anderen“ – eines Feindbilds, das sich in Figuren wie dem „Türken“, dem „Hunnen“, dem „Mongolen“ oder dem „Magyaren“ manifestierte. Sie alle standen symbolisch für Chaos, Rückständigkeit, Bedrohung.

Diese Denkfiguren ermöglichten es Europa, sich selbst als zivilisatorisches Projekt zu begreifen – als Bollwerk von Ordnung und Kultur gegen die angebliche Wildheit und Undurchschaubarkeit des Ostens. Besonders folgenreich war dies in der Zeit nach der Eroberung Konstantinopels durch Mehmed II. im Jahr 1453, als das Osmanische Reich zum systematisch stilisierten Gegner wurde.

Der Antitürkismus: Ein übersehener Strukturbaustein

Ein oft übersehener, aber zentraler Baustein dieser europäischen Ausgrenzungsideologie war der Antitürkismus. Anders als gelegentlich angenommen, handelt es sich dabei nicht um ein Nebenprodukt historischer Kriege oder bloß religiöser Spannungen, sondern um eine strukturierte ideologische Figur.

Papst Pius II., der Humanist Enea Silvio Piccolomini, war einer ihrer frühesten Architekten. Er griff auf die „Germania“ des Tacitus zurück, deutete sie politisch um, erfand die Germanen als „wehrhaftes Urvolk“ Europas – und formte mit dem Begriff „Europa“ ein ideologisches Gegenbild zum „asiatischen Türken“. Dabei spielte er bewusst mit der Vorstellung einer gefährdeten Reinheit, einer kulturellen Grenze zwischen christlichem Westen und muslimischem Osten.

Mit dem Buchdruck wurde diese Rhetorik massenhaft verbreitet: In Kanzelreden, Pamphleten, Theaterstücken und Ritualen wie dem Türkenläuten wurde der „Türke“ zu einem kulturellen Phantom, das die Vorstellung eines gemeinsamen Erbes überlagerte – und schließlich verdrängte.

Verlorenes Wissen: Verwandtschaft statt Fremdheit

Diese neue Abgrenzungsideologie konnte nur wirken, weil sie ein anderes Wissen überlagerte: jenes von einer alten Nähe, ja sogar Verwandtschaft zwischen europäischen und östlichen Kulturen. So berichten etwa die Fredegar-Chronik (7. Jahrhundert) und die Prosa-Edda von Snorri Sturluson, dass Franken und Türken gemeinsame Ursprünge in Troja gehabt hätten.

Diese Ursprungserzählungen waren nicht marginal, sondern Teil der europäischen Gelehrtenkultur – bis sie durch die Feindbildproduktion der Neuzeit aus dem kollektiven Gedächtnis verdrängt wurden.

Ein ähnliches Schicksal erlitten die Awaren, ein turksprachiges Reitervolk, das vom 6. bis 9. Jahrhundert zentrale Teile Europas mitprägte. Ihre Nähe zu slawischen, byzantinischen und fränkischen Gruppen ist archäologisch unbestritten – doch sie passen nicht ins Narrativ von einer angeblich ungebrochenen westlichen Entwicklungsgeschichte.

Nordizismus und europäischer Imperialismus

Die Vorstellung einer „nordischen“ kulturellen und biologischen Überlegenheit, die im 19. Jahrhundert unter dem Namen Nordizismus populär wurde, ist ohne diese lange Geschichte der Abgrenzung kaum erklärbar.

Der europäische Imperialismus, der ab dem 16. Jahrhundert in Asien, Afrika und Amerika wütete, speiste sich nicht nur aus ökonomischer Gier, sondern auch aus einem Selbstbild, das sich aus den über Jahrhunderte tradierten Feindbildern des „Anderen“ speiste – ob jüdisch, osmanisch, mongolisch oder afrikanisch.

Der Nationalsozialismus war daher nicht der plötzliche Bruch mit der Moderne, sondern ihre radikalste Zuspitzung. Die Gewalt war neu in ihrer industriellen Form – nicht aber in ihren geistigen Voraussetzungen.

Befreiung als kultureller Prozess

Der 8. Mai 1945 hat Europa militärisch befreit. Doch der geistige Prozess der Selbstbefreiung von den eigenen Ausgrenzungsideologien steht noch immer aus. In den letzten Jahrzehnten ist viel erreicht worden: Der Holocaust ist erinnerungskulturell tief verankert, koloniale Gewalt wird zunehmend thematisiert.

Aber die tieferen ideologischen Linien, die hinter Begriffen wie „Leitkultur“, „Abendland“, „Überfremdung“ oder „Zivilisationsbruch“ stehen, sind längst nicht vollständig durchleuchtet. Noch immer ist das europäische Selbstverständnis in Teilen auf einer Trennungslogik gebaut – statt auf einer Erinnerung an die Verflechtung.

Erinnerung, die verbindet – und befreit

Was bedeutet das für den 8. Mai?

Es bedeutet, diesen Tag nicht nur als Gedenktag an ein Ende zu begreifen – sondern als Anlass für eine zweite Befreiung: Eine Befreiung von Bildern, die trennen. Von Erzählungen, die aus Angst gemacht wurden. Von Identitäten, die nur durch Ausschluss funktionieren.

Es bedeutet auch, die alte Nähe wieder sichtbar zu machen – nicht aus Nostalgie, sondern aus Ehrlichkeit. Europas Geschichte war nie abgeschlossen, nie rein. Sie war durchmischt, geteilt, weitergegeben.

Diese Rückbesinnung eröffnet keine Konflikte, sondern Räume. Sie schafft nicht Schwäche, sondern Zugehörigkeit jenseits der Trennung.

Und sie bringt etwas zurück, das in all der historischen Trauer oft fehlt: Freude.

Freude darüber, dass das Menschliche nicht an Grenzen endet.
Freude darüber, dass Erinnerung verbinden kann.
Freude darüber, dass Befreiung nie nur gestern war – sondern heute beginnt.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


Autor

Çağıl Çayır studierte Geschichte und Philosophie an der Universität zu Köln und ist als freier Forscher tätig. Çayır ist Autor von „Runen in Eurasien. Über die apokalyptische Spirale zum Vergleich der alttürkischen und ‚germanischen‘ Schrift‘“ und ist Gründer der Kultur-Akademie Çayır auf YouTube. Seine Arbeiten wurden international in verschiedenen Fach- und Massenmedien veröffentlich


Auch interessant

– Geschichtswissenschaft –
Historiker: Türken und Deutsche sind alte Verwandte

Entgegen der seit 1453 in Europa verbreiteten Auffassung, dass sich Türken und Deutsche ursprünglich fremd seien, berichtet die älteste Herkunftssage der Deutschen von ihrer gemeinsamen Abstammung mit den Türken aus Troja.

Historiker: Türken und Deutsche sind alte Verwandte

Auch interessant

CDU-Vize Prien: Klare Beschlusslage zu Umgang mit AfD und Linken

Berlin - Die Vize-Vorsitzende der Bundes-CDU, Familienministerin Karin Prien, hat sich nach der Wahl eines AfD-Landtagspräsidenten in Sachsen-Anhalt besorgt geäußert. Prien sagte am Mittwoch im...

Türkei beschließt Trennung von Nationaltrainer Vincenzo Montella

Istanbul - Die Zeit von Vincenzo Montella als Cheftrainer der türkischen Fußball-Nationalmannschaft steht vor dem Ende. Nach enttäuschenden Auftritten bei der Weltmeisterschaft und einer...

Nach Wahl von AfD-Politiker: SPD-Abgeordneter warnt vor großer Katastrophe

Berlin - Der SPD-Bundestagsabgeordnete Macit Karaahmetoğlu hat scharf auf die Wahl des AfD-Politikers Tobias Rausch zum Präsidenten des Landtags von Sachsen-Anhalt reagiert. Karaahmetoğlu bezeichnete...

Islamische Gemeinde Herne-Röhlinghausen für Deutschen Engagementpreis nominiert

Herne – Die Islamische Gemeinde Herne-Röhlinghausen e. V. ist für den Deutschen Engagementpreis 2026 nominiert. Die Gemeinde wurde vom Land Nordrhein-Westfalen als „Europaaktive Zivilgesellschaft“...

Israel: „Sie zwangen mich, mich auszuziehen“

Tel Aviv – Die israelische Polizei steht nach dem harten Vorgehen gegen einen hochrangigen christlichen Geistlichen unter erheblichem Druck. Nach der Festnahme von Vater...

Headlines

Mamdani: Das Leid begann nicht am 7. Oktober

New York - New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani hat sich zum dritten Jahrestag der Angriffe vom 7. Oktober 2023...

Früherer UNRWA-Chef Philippe Lazzarini verurteilt Israel und den Westen

Genf - Der ehemalige Leiter des Hilfswerks der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge (UNRWA), Philippe Lazzarini, hat in einem neuen...

Izmir-Beben: Oberbürgermeister Cemil Tugay wechselt zur Erdogan-Partei

Izmir – Der Oberbürgermeister von İzmir, Cemil Tugay, ist zur regierenden AKP von Präsident Recep Tayyip Erdoğan gewechselt. Der...

El-Sayed könnte erster Muslim im US-Senat werden – Obama unterstützt ihn

Detroit – Ex-US-Präsident Barack Obama will Ende Oktober gemeinsam mit dem demokratischen Senatskandidaten Abdul El-Sayed in Detroit auftreten. El-Sayed...

Meinung

Türkei: Neue Schnellzugverbindung Richtung EU offiziell gestartet

Edirne - In der türkischen Region Thrakien hat eine neue Schnellzugverbindung den Betrieb aufgenommen. Nach der offiziellen Eröffnung des 153 Kilometer langen Streckenabschnitts Çerkezköy–Kapıkule...

Studie: Deutsche blicken pessimistisch in die Zukunft

Berlin - Die Deutschen sehen der Zukunft einer aktuellen Umfrage zufolge mit großer Skepsis entgegen. Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung (F.A.Z.) berichtet, hat das...

Araştırma: Dini İnanç, Gençleri Kaygı Bozukluklarından Koruyan Temel Bir Faktör

Almanya - Bochum Ruhr Üniversitesi (RUB) tarafından yürütülen güncel bir araştırma, dini inancın çocukların ve gençlerin ruh sağlığı için kritik bir koruyucu faktör olduğunu...

Rapor: Afrika Gençliği Ruh Sağlığında Dünya Lideri

Londra - Maddi refah, ruh sağlığının garantisi değil. Şubat 2026 sonunda yayımlanan yeni bir küresel rapor, zihinsel esenlik haritasını temelden sarstı. İngiltere, Japonya ve Yeni...

Wall Street Journal: Türkiye’nin durdurulması gerekiyor

Konuk Yazar: Özgür Çelik Bradley Martin tarafından kaleme alınan ve 4 Mart 2026 tarihinde Wall Street Journal'da yayımlanan "Türkiye'yi Dizginlemek İçin Acil Bir İhtiyaç" (An...