Al-Ahli-Arab-Krankenhaus
Gaza: „Wer steckt hinter der Krankenhaus-Bombardierung?“

Thomas: "Waffenexperten sagen einhellig, dass keine jemals bisher von Hamas eingesetzte Rakete ein derartiges Maß an Vernichtung hätte anrichten können."

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ein Gastkommentar von Michael Thomas

Bevor man sich der Frage stellt, wer für die mindestens fünfhundert Opfer verantwortlich ist, die ihr Leben am 17. Oktober um 19 Uhr Ortszeit durch eine Explosion im christlichen al-Ahli Arab Krankenhaus verloren haben, wird man sich an das Verhalten der israelischen Führung erinnern müssen, das diese sterotyp immer wiederholt. Viele Medien haben aufgrund dieses Verhaltens längst jedes Vertrauen in Stellungnahmen der israelischen Armee verloren.

Es ist eine schier unendliche Liste von Vorfällen, die grundsätzlich immer nach dem gleichen Muster abgearbeitet werden.

Erinnern wir uns nur an zwei sehr prominente Beispiele, die möglicherweise vielen Menschen noch erinnerlich sind. Da wurde die US-palästinensische Journalisten Shireen Abu Aqleh bei einem Einsatz durch einen gezielten Kopfschuss hingerichtet. Die israelische Armee lehnte jede Verantwortung für den Mord unter dem Hinweis ab, Aqleh sei ihren Informationen nach tatsächlich von einer palästinensischen Kugel getötet worden.

Das war eine Lüge. Die von Israel der Öffentlichkeit präsentierten „Beweise“ waren keine und wurden Stück für Stück durch Untersuchungen widerlegt. Israel, mit den erhobenen Untersuchungsergebnissen konfrontiert, die zweifellos einen israelischen Scharfschützen als Täter identifiziert hatten, gab dies schlussendlich zu. Dies bewies die bewusste Täuschung, die Israel der Weltöffentlichkeit präsentiert hatte.

Vielleicht ebenfalls noch in Erinnerung ist vielleicht der Einsatz von Weißem Phosphor über Gaza-Stadt in 2009, dessen Verwendung über bewohnten und von Menschen frequentierten Gebieten als klares Kriegsverbrechen gilt. Nachdem Israel mit dem Verdacht dieses Einsatzes konfrontiert wurde, wies es diesen sofort mit der Aussage zurück, dass man diese Waffe nicht verwendet habe. Am Einsatzort erhobene Untersuchungen, gesammelte Zeugenaussagen und die ärztlichen Berichte bewiesen das Gegenteil und überführten Israel auch hier der Lüge und der versuchten Täuschung.

Unter diesem Licht muss man die offizielle Stellungnahme der israelischen Armee betrachten, die sie anlässlich der tragisch verlustreichen Zerstörung des Krankenhauses im Gaza-Streifen präsentiert hat.

Diese stützt sich auf Videoaufnahmen bzw. Kartenmaterial und einen angeblich abgehörten Funkverkehr zwischen Widerstandskämpfern. Dabei sollen die Kämpfer deutlich von einer fehlgegangenen Rakete gesprochen haben, die diese Explosion ausgelöst habe. Der britische Channel4 hat den präsentierten Funkspruch analysiert und kam zu dem Ergebnis, dass er in seiner Syntax, in seinem Akzent und Tonfall fraglich sei. (1)

Zudem wurde bereits berichtet, dass einer forensischen Analyse zurfolge dieser „Funkspruch“ auf zwei Tonkanälen bearbeitet und zu einem zusammengeführt worden sei. Es scheint sich infolgedessen herauszukristallisieren, dass es sich hierbei keinesfalls um einen „zufällig abgefangenen Funkspruch zwischen Widerstandskämpfern“ handelte – und somit schon mal gar nicht um einen Beweis für die Behauptungen Israels.

Gleich mehrere Institutionen, die sich mit dem Fall befassten, weisen die anhand von Bildmaterial erhobene Behauptung, es habe sich um eine Hamas-Rakete gehandelt, deren Motor beim Start versagt und dann zu der Katastrophe geführt habe, zurück. Es liegen verschiedene Videos von einer möglicherweise in Frage kommenden Rakete vor, die von verschiedenen Positionen aufgenommen wurden und in der Analyse klar zeigen, dass diese Rakete von „Iron Dome“ im Flug erfasst und vollständig zerstört worden war.

Sie hängt definitiv nicht mit der nur sehr kurze Zeit später erfolgten Detonation auf dem Krankenhausgelände zusammen. Sie würde auch schwerlich den typisch pfeifenden Lärm einer anfliegenden Granate verursachen, so wie er unmittelbar vor der Explosion auf einem Video festgehalten wurde. So hegt nach umgreifenden Analysen auch die bekannte „Forensic Architecture“-Organisation in London massive Zweifel an den israelischen Angaben und kommt zu dem Schluss, dass sicherlich keine Hamas-Rakete die Vernichtung angerichtet hat. (2)

Wie durch die Organisation Bellingcat nach Auswertung diverser kleinerer und größerer Krater auf dem Krankenhausgelände gemutmaßt wird, passen diese nicht zu der üblicherweise von Israel eingesetzten Artilleriemunition – was jedoch die Verwendung einer Luftdetonationsgranate durch Israel nicht ausschließt und mangels momentan vorliegender Beweise keine abschließende Beurteilung darstellen kann.

Denn viel leichter als Überreste einer Artilleriegranate müssten Raketenteile aufzufinden sein, wenn eine Rakete die Zerstörung verursacht hätte. Und diese fehlen; zudem sagen Waffenexperten einhellig, dass keine jemals bisher von Hamas eingesetzte Rakete ein derartiges Maß an Vernichtung hätte anrichten können. Zusammen mit der Beobachtung, dass diese Explosion in eine verblüffend zeitlich systematische Reihenfolge passt, da kurz zuvor im Abstand von etwa zwei Minuten weitere Artilleriegeschosse im Gaza-Streifen einschlugen, ist die Aussage von der Krankenhausdirektion interessant, nach der wenige Tage zuvor Aufforderungen zur Evakuierung und „Warnangriffe“ mit kleinen Kalibern auf das Krankenhaus erfolgt waren.

Dieser Evakuierungsbefehl in Verbindung mit den „Roof-knocking“-Warnangriffen vorher sind das regelmäßig benutzte Muster Israels vor einem schweren, massiven Vernichtungsschlag. Zudem stellte die BBC bei der Präsentation der „alternativen Fakten“ durch Israels Militärführung einen geradezu verstörenden Missgriff bei der angeblich lokalisierten Startfläche der Rakete, die angeblich auf das Krankenhaus gefallen sei. Es wurde eine Karte mit den Worten gezeigt, dass die Rakete von einem Friedhof aus gestartet worden sei, der dicht bei dem Krankenhaus läge. In der Tat befindet sich beim Krankenhaus ein Friedhof. Der von Israel markierte Punkt jedoch zeigt auf ein Gebiet, in welchem es keinen gibt.

Zusammenfassend kann man augenblicklich feststellen, dass die Rakete, die Israel als Urheber der Katastrophe identifiziert haben will, nicht in Frage kommt, da sie vollständig in der Luft zerstört wurde. Der vorgelegte „Funkspruch“ ist nach Analysen produziert.

Noch nicht einmal die Behauptung der israelischen Führung, die Armee greife keine Krankenhäuser an, hält einer Untersuchung stand. Wie „Forensic Architecture“ feststellt, hat es allein in den letzten Tagen insgesamt 59 Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen in Gaza gegeben. Auch hier muss man mit klaren Worten von einer Lüge sprechen. (3)

Das Magazin „Middle East Eye“ hat die Geschichte der aktuellen und einiger Lügen Israels der Vergangenheit in einem kurzen Abriss zusammengestellt, die ein wirklich beeindruckendes Maß an Täuschungsversuchen offenlegen und zu erheblichen, grundsätzlichen Zweifeln an allem führen müssen, was die israelische Führung der Welt mitteilen will. (4)

Wir sehen also insgesamt nach Würdigung der bisher bekannten Fakten tatsächlich nichts als das altbekannte Muster Israels. Wir sehen allerdings auch das altbekannte Muster des unkritischen Unterstützerkreises, der Israel wie eine Wagenburg umgibt und seine Medien noch immer behaupten lässt, es gäbe anscheinend Zweifel an der Urheberschaft des brutalen Angiffs. Von den weltweit längst in großen Mengen riesiger Demonstrationen gegen Israel findet sich beispielsweise in deutschen Medien höchstens eine handvoll Randnotizen, stattdessen entringt sich der deutschen Außenministerin Annalena Baerbock der unsägliche Satz: „In diesen Tagen sind wir alle Israelis!“, was sogar in Israel selbst sauer aufstößt und weltweit für beißende Kommentare sorgt.

Weder die deutsche, noch die englische, die französische oder die US-Regierung wird den Verlauf der weitergehenden Untersuchungen verfolgen, geschweige denn kommentieren. Frau Annalena Baerbock wird als selbsternannte Israelin immer einsamer, aber mit unerschütterlicher Entschiedenheit auf den bereits jetzt demontierten Zweifel bestehen, den Israel wieder einmal erfolglos säen wollte.

Und es wird weitergehen. Längst überzog das israelische Militär weitere Krankenhäuser mit einem „Evakuierungsbefehl“ und längst sind wieder Kirchen und UN-Einrichtungen mit großen Verlusten an Menschenleben vernichtet worden. Die israelische Armee braucht dank der blinden Unterstützung seiner „Freunde“ weder eine Atempause noch eine Schrecksekunde, um das Vernichtungswerk ungerührt weiterzuführen.

  1. https://www.channel4.com/news/who-was-behind-the-gaza-hospital-blast-visual-investigation
  2. https://x.com/ForensicArchi?t=y_fcttkV4sILQBNb_-OOLA&s=09
    3.https://twitter.com/ForensicArchi/status/1715422514468286507?t=hNp-Ub3wmMVvU3Gj3AViTw&s=19
    4. https://youtu.be/i9TwBqDe_I0?si=Ut_abblt1U5twusa

 Zum Autor 
Michael Thomas ist Privatier, Fotograf, leidenschaftlich an Ägyptologie und Literatur interessiert, mit der er vor vielen Jahren als Autor regional einige Beachtung fand. Er verfolgt interessiert das Weltgeschehen durch Beobachtung internationaler Presse. Seinen Fokus legt er insbesondere auf die Palästinafrage und auf die islamische Welt.

Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


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