Kolonialverbrechen
Opfer-Nachfahren fordern Entschuldigung von Deutschland

Nach DNA-Abgleich: Angehörige am Kilimanjaro fordern baldige Rückkehr ihrer identifizierten Ahnen und Entschuldigung von Deutschland 

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Nach DNA-Abgleich: Angehörige am Kilimanjaro fordern baldige Rückkehr ihrer identifizierten Ahnen und Entschuldigung von Deutschland 

Nach einem von der Recherche-Ausstellung „Marejesho“ initiierten Abgleich sind erstmals menschliche Gebeine von Opfern der deutschen Kolonialherrschaft per DNA identifiziert worden. Die Nachfahren in Tansania fordern nun eine zeitnahe Rückführung, eine Entschuldigung Deutschlands für Kolonialverbrechen und Verhandlungen über Reparationen. Auch persönliche Gegenstände sollen zurückkehren. Die Ausstellung „Marejesho“ ist ab 12. Oktober 2023 im TA T in Berlin zu sehen.

Nachfahren wurden über Ergebnisse informiert 

Am 09. September 2023 fand in Moshi, Kilimanjaro, Tansania, ein Treffen von Nachfahren von Anführen der Chagga und Meru Communities mit den zivilgesellschaftlichen Organisationen Flinn Works, Berlin Postkolonial und Old Moshi Cultural Tourism (OMCT) statt. Das Treffen wurde vom European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) organisiert.

Die Nachfahren Zablon Kiwelu (links) und Isaria Meli (rechts) am Denkmal für die gehängten Führer in Old Moshi – Bild: Konradin Kunze

Die Organisationen aus Deutschland waren per Video zugeschaltet. Dabei stellte Konradin Kunze (Flinn Works) die Ergebnisse eines Abgleichs der DNA von Nachfahren mit Ancestral Remains (menschlichen Schädeln) vor, die sich im Depot der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) in Berlin befinden: Bei zwei Familien konnte eine direkte  Verwandtschaft mit insgesamt drei Individuen festgestellt werden, deren Häupter nach Berlin verschleppt wurden. Dabei handelt es sich mutmaßlich um die in der deutschen Kolonialzeit hingerichteten Chagga-Anführer Mangi Molelia von Kibosho und dessen Bruder sowie um den Akida (Minister) Sindato Kiutesha Kiwelu aus Moshi.

Familie Molelia erhält DNA-Bericht in Moshi – Bild: Adam Graphics

Projekt „Marejesho“ ermöglichte Abgleich 

Der DNA-Abgleich erfolgte auf Wunsch der Nachfahren im Rahmen der tansanisch-deutschen Recherche-Ausstellung „Marejesho“, die im August/September 2022 in sechs Dörfern am Kilimanjaro und Meru gezeigt wurde. Ziel von „Marejesho“ ist ein Wissensaustausch zu in der deutschen Kolonialzeit verschleppten menschlichen Gebeinen und geraubtem Kulturgut aus der Region, das sich in deutschen Museumsdepots befindet.

„Provenienzforschungsprojekte – auch das der SPK – werden oft ohne die betroffenen Communities durchgeführt. Dabei werden Wünsche und Wissen potenzieller Nachfahren ignoriert.“, sagte Projektleiter Konradin Kunze.

„Mit ‘Marejesho‘ versuchen wir, die Lücke zwischen Institutionen und Communities zu schließen. Wir haben aktiv den Austausch mit möglichen Nachfahren gesucht.“ Die vor Ort gesammelten Speichelproben der Nachfahren wurden anschließend an die SPK übergeben, die den DNA-Abgleich an der Universität Göttingen durchführen ließ. Im Rahmen von Marejesho gelang es Kunze bereits vor einem Jahr, die Gebeine von Mangi Lobulu Kaaya von Meru im American Museum of Natural History (AMNH) in New York ausfindig zu machen.

Suche nach hingerichteten Anführern 

Insgesamt 19 Mangis (Chiefs) und Akidas (Minister) waren am 2. März 1900 in Old Moshi von Kolonialoffizieren wegen ihres Widerstands gegen die Besatzer öffentlich gehängt worden. Auf Anfrage des Völkerkundemuseums Berlin wurden anschließend Teile ihrer Körper für rassistische Forschung nach Berlin geschickt. Seit über 50 Jahren fordern deren Familien deren Rückgabe. Insbesondere die Suche nach dem Haupt von Mangi Meli von Moshi erlangte in den letzten Jahren internationale Aufmerksamkeit.

Der Verbleib von dessen Haupt konnte noch immer nicht geklärt werden. Lange reagierten Institutionen mit sog. Schädelsammlungen nicht auf Anfragen von Tansanier*innen. Erst durch den Druck zivilgesellschaftlicher Initiativen zeigte sich z.B. die SPK bereit für Provenienzforschung und Repatriierungen von Ancestral Remains. Nach Tansania erfolgte bis heute außer einer privaten Rückgabe eines Zahns des Chief Mkwawa an dessen Nachkommen noch keine Repatriierung.

Forderungen der Nachfahren 

Die Nachfahren forderten bei dem Treffen eine zügige Repatriierung der identifizierten Gebeine der Vorfahren an die jeweiligen Familien. Die bisher nicht identifizierten Ahnen, die den Communities der Chagga oder Meru zugeordnet werden konnten, sollen ebenfalls zurückkehren.

Die Nachfahren sollen in den Prozess der Repatriierung einbezogen und ihre Wünsche respektiert werden. Die Kosten der Rückführung und der Bestattung sollen von der Bundesregierung getragen werden. Die Angehörigen verlangten außerdem eine offizielle Entschuldigung der Bundesrepublik Deutschland für die kolonialen Verbrechen und die Verschleppung der Ahnen bei den betroffenen Familien und Communities. Dies wird ebenfalls von den daran beteiligten Museen und Universitäten erwartet.

Außerdem sollen persönliche Gegenstände der Mangis, die sich in deutschen Museen befinden, zurückgeben werden. Im Anschluss an die Repatriierung verlangten die Nachfahren Gespräche mit der Bundesregierung um Reparationen.

In einer gemeinsamen Erklärung der Familien heißt es:

 „Wir, die Familien der Nachkommen, haben die DNA-Ergebnisse unserer Vorfahren erhalten. Wir sind sehr froh, etwas über das Schicksal unserer Vorfahren zu erfahren, die vor mehr als 100 Jahren gestorben sind. Wir sprechen allen Institutionen und Personen, die für diesen wichtigen Fortschritt verantwortlich sind, unsere Anerkennung aus. Wir fordern die tansanische Regierung auf, den Kommunikationsprozess mit der deutschen Regierung zu beschleunigen, damit das formelle Verfahren für die Rückgabe der menschlichen Überreste unserer Vorfahren schneller ablaufen können. Unsere Familien sind bereit, sie zu empfangen, und wir haben bereits Orte für ihr Begräbnis gefunden.“

Deutschland hält menschenrechtliche Standards nicht ein 

Die deutsche Bundesregierung muss nun beweisen, dass sie sich den Rechten der Ahnen und ihrer Nachfahren verpflichtet fühlt, den Weg einer Grund- und Menschenrechts-basierten Repatriierung wählt und die betroffenen Nachfahren ausreichend in ihren Wünschen und Forderungen von Anfang an in die entsprechenden Prozesse einbezieht.

„Denn Deutschlands bisherige Praxis genügt menschenrechtlichen Standards nicht. Es besteht dringender Handlungsbedarf, sowohl im praktischen, forschungs- als auch im legislativen Bereich.“, sagte Sarah Imani (ECCHR). Dies argumentieren die zeichnenden Organisationen auch u.a. vor dem Ausschuss zur Antirassismus-Konvention der Vereinten Nationen.

Marejesho in Berlin 

Die Ausstellung „Marejesho“ wird ab dem 12. Oktober 2023 im TA T der Humboldt-Universität in Berlin gezeigt. Dabei werden die Reaktionen, Forderungen und Fragen der Communities im Fokus stehen. „Marejesho“ ist ein Projekt von Flinn Works, Berlin Postkolonial und Old Moshi Cultural Tourism, gefördert im Fonds TURN2 der Kulturstiftung des Bundes. Im Rahmen der Ausstellung wird es im November eine Veranstaltung mit Vertretern der Nachfahren geben.

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