Geschichte
27. Juni 1944: Der Genozid an den Chameria-Albanern

79 Jahre nach dem Völkermord an den Chameria-Albanern warten Überlebende und die Nachkommen der Opfer auf eine Anerkennung des Gewaltverbrechens

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von Kemal Bölge

Der Massenmord an albanischen Zivilisten war minutiös geplant, als am 27. Juni 1944 gegen Sonnenaufgang Einheiten des griechischen Generals Napoleon Zervas in der Stadt Paramythia anrückten. Von Juni 1944 bis März 1945 führten griechische Streitkräfte und Partisanen ethnische Säuberungen an den Chameria-Albanern durch, bei dem 2.900 Männer, 214 Frauen, 96 Kinder getötet und 745 Frauen Opfer von Vergewaltigungen wurden. Um die Einwohner aus ihren Besitzungen zu vertreiben, setzten Soldaten in insgesamt 68 Ortschaften 5800 Häuser systematisch in Brand.

Die Vertriebenen litten an Hunger und Epidemien und auf der Flucht vor dem griechischen Militär starben über 2000 Zivilisten. Aufgrund der gewaltsamen Vertreibung mussten zirka 35.000 Chameria-Albaner ihre Heimat für immer verlassen. Bis heute weigert sich Griechenland den begangenen Genozid an den Chameria-Albanern anzuerkennen und lehnt es strikt ab, die zwangsenteigneten Albaner zu entschädigen.  Griechenland beschuldigt die Chameria-Albaner der Kollaboration mit der deutschen Wehrmacht.

Albanisches Parlament stufte die Massaker an den Chameria-Albanern 1994 als Genozid ein

1994 verabschiedete das albanische Parlament in Tirana ein Gesetz, das den 27. Juni 1944 als Völkermord einstuft. Im Andenken an die Opfer des Genozids finden in Albanien alljährlich Ausstellungen, Märsche und Gedenkveranstaltungen statt. Bei der Region Chameria handelt es sich um ein Gebiet, das sich im heutigen Südalbanien und Nordwestgriechenland befindet. Historische Quellen datieren die albanische Besiedlung des Küstenstreifens auf das 13. Jahrhundert. Nach einer Volkszählung aus dem Jahr 1910 lebten in der Chameria-Region 83.000 Albaner. Bei den Chameria-Albanern handelt es sich mehrheitlich um Muslime, aber es gibt auch eine kleine Minderheit christlich-orthodoxen Glaubens.

Chameria-Albaner fordern Anerkennung des Völkermords

Nach dem zweiten Balkankrieg und der anschließenden Konferenz von London 1913 wurde der südliche Teil der Chameria-Region Griechenland zugeschlagen. Interessenverbände der Chameria-Albaner verlangen von Griechenland die Anerkennung des Verbrechens als Völkermord, die Erlaubnis zum Besuch der früheren Heimat und die Rückgabe des früheren Eigentums. In der türkischen und aserbaidschanischen Geschichtswissenschaft hat sich der Terminus technicus Mezalim für massenhafte Gewaltverbrechen an der muslimischen Zivilbevölkerung etabliert.

Zeitzeugenbefragung von Überlebenden der Chameria-Massaker

Dem Schriftsteller und Kulturforscher Enver Kushi, der ursprünglich aus der Region Chameria entstammt, gelang es durch Zeitzeugenbefragungen (Oral-History) neue Erkenntnisse von Überlebenden der Massaker während des Zweiten Weltkriegs zu gewinnen. Die Ergebnisse seiner Zeitzeugenbefragung hatte der Kulturforscher Kushi zum Jahrestag der Massaker am 27. Juni 2021 („Chameria-Woche“) in Tirana der Öffentlichkeit vorgestellt.

Mezalim ist der Fachterminus für massenhafte Gewaltverbrechen an Muslimen

In Bezug auf die an der türkisch-muslimischen Zivilbevölkerung in Anatolien begangenen massenhaften Gewaltverbrechen und Massakern an Muslimen insgesamt hat sich in der
türkischen und aserbaidschanischen Geschichtswissenschaft der Fachterminus Mezalim durchgesetzt. Zur Erläuterung: Der Begriff Mezalim ist aus dem Arabischen entlehnt und steht für Gräueltaten, Ungerechtigkeiten und Massaker.

Erschienen auf Mezalim 

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