Historie
Erinnerungen des Generaladjutanten von Abdulhamid II. an den Ramadan Anno 1890

Louis von Kamphövener, Generaladjutant Sultan Abdül Hamids II. erinnert sich an den Ramazan in Stambul um 1890.

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Ein Gastbeitrag von Thomas Weiberg – Historiker

Louis von Kamphövener, Generaladjutant Sultan Abdül Hamids II. erinnert sich an den Ramazan in Stambul um 1890.

Der Ramazanmonat beginnt, wenn vom hohen Minarett aus die feine goldene Sichel des Neumondes gesichtet wird. Ein Kanonenschuss am Morgen und Paukenschläge während der Nacht künden dies dem Volk an. Zur Mitte des Fastenmonats fällt die heilige Nacht (Kadir Gecesi), in der der Prophet von Allah den Koran empfing.

Diese Nacht wurde [am osmanischen Hof] durch einen Selamlik nach Sonnenuntergang gefeiert, ein herrliches Schauspiel mit Beleuchtung und Feuerwerk. Der Ramazan schließt mit dem dreitägigen Şekerbayramı; und einundsiebzig Tage später wird dann noch Kurbanbayramı (Opferfest), zur Erinnerung an das Opfer Ismaels, mit Hammelschlachten gefeiert. Dem Sultan wurde vor der Ceremonie in Dolma Bahçe ein wohlgepflegter Hammel, der mit Blumen geschmückt war und dessen Hörner vergoldet waren, an der inneren Auffahrtsstelle [des Palastes] zu Füßen gelegt. Er verlas dann die betreffende Sure aus dem Koran und übergab das Messer zum alsbaldigen Schlachten des schönen Thieres einem seiner Müşire und Adjutanten.

Während des ganzen Tages des Ramazans dürfen also die Muselmanen nichts genießen, ja selbst in der heißesten Zeit darf der Gläubige nicht einmal einen Trunk Wasser zu sich nehmen oder eine Cigarette rauchen, wobei ihm letztes die größte Entbehrung ist. Und selbst Schwerarbeiter wie zum Beispiel der in der Gluthitze rudernde Kajkçı übertreten diese Vorschrift nicht. Nur Reisende, Krieger und Kranke brauchen nicht zu fasten, müssen aber, sobald sie können, das Versäumte nachholen.
Das Fasten setzt am frühen Morgen mit einem Kanonenschuss ein und endet mit dem gleichen Signal bei Sonnenuntergang. Hungrig und durstig sitzen dann alle um den Tisch, zum Schmausen bereit und warten auf den Ton des erlösenden Böllers.

Die Moschee Sultan Abdül Hamids II. unmittelbar vor den Mauern des Yıldız-Palastes gelegen, der dem Sultan bis 1909 als Residenz diente. (Thomas Weiberg Archiv)

Dann nehmen sie zunächst etwas Salz auf die trockene Zunge, um den Speichel für die kommenden Genüsse wieder flüssig zu machen. Drum ist der Ramazan die Zeit der nächtlichen großen Gastereien. Das Haus erwartet, wie einst das Zelt, am Abend zahlreiche Gäste zum Iftar – geladene und ungebetene, die im Selamlik [dem öffentlichen Teil des Hauses] und Haremlik [dem den Frauen vorbehaltene Teil des Hauses] getrennt bewirtet werden müssen.

Dieser Sitte oder Unsitte können sich nun Höherstehende wie Minister und wohlhabende Würdenträger nicht entziehen; sie ist mit großen Kosten verbunden, da die ärmeren Gäste auch oft noch Geschenke erwarten. So kommt denn auch manches begreifliche Klagewort über ihre Lippen. Ein mir befreundeter Großwesir, der mit mir zusammen in Yıldız beim Sultan zu solchem Iftar geladen war, sagte mir: »Ah, comme je sera content, quand ce mois du Ramazan sera fini! Pendant ce mois l’entrée dans mon harem m’ est absolument interdite.« [Ah, wie zufrieden werde ich sein, wenn der Monat des Ramazans beendet sein wird! Während dieses Monats ist mir der Zugang zu meinem Harem absolut untersagt.]

Auch der Sultan hatte jeden Abend ungezählte Gäste, namentlich aus der den Kreisen der Ulemas, die religiöse Vortrage hielten. Manches Mal wurde dem Gast dann noch zum Schluss ein rotes seidenes Beutelchen mit Goldliras überreicht. Dieses Geschenk nannte sich ›Dişkirası‹ das heißt ›Zahnmiete‹, von ›Diş‹ Zahn und ›Kira‹ Miete. Der Gastgeber drückt damit aus, daß er die Zähne seines Gastes in seinen Dienst nahm und dafür Miete zahlte. Aber nicht genug damit, befahl der Sultan auch noch nacheinander während der dreißig Tage die gesamte Garnison vom Pascha bis zum jüngsten Nefer in die Baracken von Yıldız zum Iftar. Zum Schluss zahlte dann sein Minister der Zivilliste, ein Armenier, sowohl jedem Offizier als auch jedem Soldaten ein Monatsgehalt als Dişkirası aus.

Nachdem jeder die kaiserliche Gabe als Ersatz für manches nicht erhaltene Gehalt, womit es manchmal haperte, vergnügt eingesteckt hatte, traten alle Beschenkten hinaus ins Freie, stellten sich mit dem Gesicht zum Palais gewandt auf, und der Imam sprach mit prachtvoller sonorer Stimme das Dankgebet für den Padischah in die Nacht hinein. Jede seiner Strophen brachte eine andere der vielfachen Bezeichnungen des Herrschers […]. Jeder Anruf schloß mit einem voll in die Dunkelheit hinaus schallenden und von allen wiederholten »Amin« (Amen), das dann am Ende dieser Huldigung leise und harmonisch in der Nacht erstarb. Ich habe einmal im Winter diesen Abschluß miterlebt, während ein gewaltiger Schneesturm das Dankgebet bis hinter die hohen Haremsmauern dem Kalifen zutrug.

Text (Erinnerungen von Kamphövener Pascha) Thomas Weiberg. Abbildungen aus meinem Archiv.

Momentan arbeite ich an einer kommentierten Veröffentlichung der in den 1920er Jahren aufgezeichneten Erinnerungen Louis von Kamphöver Paschas (1843-1927), der von 1882 bis 1909 deutscher Generaladjutant Sultan Abdül Hamids II. und Angehöriger des osmanischen Generalstabs war.

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