Putschversuch 2016
Kommentar: „Westliche TV-Sender berichteten, Erdogan ersuche in Europa um Asyl“

Am 15. Juli jährt sich der gescheiterte Putschversuch in der Türkei zum dritten Mal. 249 Menschen sind gestorben, darunter Zivilisten und Sicherheitskräfte, die sich den Putschisten in den Weg gestellt haben. Mehr als 2.000 Menschen wurden dabei verletzt.

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15. Juli: Der Unabhängigkeitskampf der Türken Von Nabi Yücel Am 15. Juli jährt sich der gescheiterte Putschversuch in der Türkei zum dritten Mal. 249 Menschen sind gestorben, darunter Zivilisten und Sicherheitskräfte, die sich den Putschisten in den Weg gestellt haben. Mehr als 2.000 Menschen wurden dabei verletzt. Ich werde nicht näher darauf eingehen, wie diese Menschen gestorben sind oder verletzt wurden. Manche wurden überrascht, andere waren sich nicht bewusst darüber, dass die „eigenen Soldaten“ auf sie schießen oder sie mit Panzern überrollen. Wiederum andere waren sich sehr schnell darüber bewusst, dass die Putschisten und ihre Befehlsempfänger es ernst meinten und dennoch setzten sie ihren Widerstand fort. Es gibt unzählige Live-Aufnahmen und Bilder, die die Ereignisse sehr gut widerspiegeln – diese werden während des Gedenktages in zahlreichen TV-Kanälen erneut ausgestrahlt, darunter auch neu entdeckte Aufnahmen. Es gab sehr viele und politisch gegensätzliche Menschen, die in Ankara oder Istanbul ihr Leben aufs Spiel setzten, um eine gewählte Regierung im Amt zu behalten und damit die demokratische Ordnung aufrechtzuerhalten. Es gab aber auch andere, die sich in ihren Häusern verschanzten, am Bankautomaten noch hastig Bargeld abhoben oder sogar hofften, dass die amtierende Regierung abgesetzt und deren Mitglieder vor einem Militärtribunal zu Tode verurteilt würden. 

Es gab ausländische TV-Sender, die den amtierenden Regierungschef während der ersten Stunden in der Flucht wähnten oder den Eindruck erweckten, er ersuche um Asyl in europäischen Staaten.

Es gab ausländische TV-Sender, die den amtierenden Regierungschef während der ersten Stunden in der Flucht wähnten oder den Eindruck erweckten, er ersuche um Asyl in europäischen Staaten. Wie etwa das Erste Deutsche Fernsehen, das unter Berufung auf eine angebliche Meldung des US-Senders NBC genau dies berichtete.

(Screenshot/Youtube)

Europäische Länder hielten sich lange Zeit bedeckt – wohl deshalb, weil man dann mit der nachfolgenden Putschregierung besser zurechtgekommen wäre. Das hat bei den Türken einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen, bis heute. Ich habe in den ersten zwei Jahren viele Stimmen gehört, die diesen Putschversuch von ihrer Warte aus erzählt haben. Auch aus meiner Heimatstadt gab es einstimmig die Überzeugung, dass mit dem Putsch selbst, das Töten nicht aufgehört hätte.

Es gab viele überzeugende Aussagen, die ein noch viel größeres „Reinemachen“ skizzierten. Wäre der Putsch nicht gescheitert, wären womöglich Abertausende in Gefängnissen gelandet, viele weitere extralegal hingerichtet oder ermordet worden. Sehr viele wären ihres Lebens nicht mehr sicher gewesen – und vor allem, wie würde die Zeit danach aussehen? Es gibt doch tatsächlich manche, die von einem „kontrollierten“ Putschversuch reden, noch immer. Dieses Hirngespinst hatte die Opposition in die Welt gesetzt.

Mittlerweile distanziert sich die CHP-Führung von dieser Aussage und verurteilt diese Ansichten. Viel zu spät, denn die Gerüchteküche brodelt seit drei Jahren ungebrochen weiter, auch weil die europäische Medienlandschaft eine Zeit lang diese Ansichten aufgriff. Mich interessiert es nicht, ob die türkische Regierung etwas geahnt haben könnte und dennoch nicht vorging, um die Putschisten im Nachhinein zu ergreifen und gegen sie massiv vorzugehen, quasi laut dieser Überzeugung – anders kann man es nicht nennen – sich der „Mitwisser“ zu entledigen.

Denn, mir ist auch bewusst, dass so eine Machenschaft in der Planungsphase oder kurz vor der Umsetzung rechtlich und juristisch kaum fassbar ist und juristisch zum Erfolg führt. Die Tat muss sozusagen begangen werden, um auch alle Täter und Mitwisser zu überführen. Das bringt auch die Frage mit sich, weshalb die damals amtierende Regierung bislang nicht wegen Nichtanzeige einer geplanten Straftat zur Rechenschaft gezogen wurde, schließlich wäre damit die Regierung sehr wohl demokratisch zu „stürzen“, und zwar juristisch – nicht wahr?

Zudem, so ein Gegenplan wie ein „kontrollierter Putsch“ kann nicht einfach mal geheim gehalten und dann auch umgesetzt werden. Wie viele Menschen müssen darin involviert sein, um so einen Gegenplan auszuhecken und umzusetzen? Wie viele von denen halten denn dann noch die Klappe oder verplappern sich nicht? Einen perfekten Plan gibt es nicht! Das bedeutet im Kern, dass die Qualität dieser aufgeworfenen Theorie ziemlich miserabel, wenn nicht gar lächerlich ist.

In der Theorie kann man zum Beispiel ausschließen, dass Menschen auf einer Brücke zwischen den Kontinenten nicht auf ihre „eigenen Soldaten“ losgehen, aber in der Praxis? Wenn Menschen stundenlang beschossen werden, neben sich Leichen türmen oder diese andere Extremsituationen durchmachen, was wäre dann? Man darf nicht von sich auf andere schließen, schon gar nicht, wenn man nicht dabei war. Moralische Standpauken sind daher nicht angebracht. Manche werfen ja diesen Menschen, die z.B. am Tag darauf immer noch auf der Brücke in Istanbul waren und die Aufgabe der Putschisten miterlebten, anhand von Momentaufnahmen in Form von Bildern vor, „Soldaten“ misshandelt oder gar die Kehlen durchgeschnitten zu haben. Es gibt etliche konkrete ungeschnittene Aufnahmen, die diese Bilder in Teilen in Abrede stellen.

Gab es Misshandlungen? Wahrscheinlich! Gab es Tötungen? Wahrscheinlich! Aber, das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Menschen stundenlang unter Extrembedingungen ausgeharrt haben und bei vereinzelten die aufgestaute Wut und Empörung dann ihren Lauf nahm, auch dann, als die Putschisten sich zur Aufgabe entschieden. In besonderen Situationen müssen Bürger und ein Land besondere Herausforderungen auf sich nehmen, besondere Opfer erbringen. Und ja, auch solche Taten, wenn sie denn passiert sind.

Ein Putsch ist aber per Definition ein undemokratischer Mechanismus, und zwar unabhängig des jeweils vorliegenden politischen Rahmens oder der Perspektive. Ihrer Opfer muss gedacht werden, weil die Demokratie von ihnen vor einer bewaffneten Gruppe geschützt wurde, die beabsichtigten, diese gewaltsam aufzuheben. Diesen Menschen, die nach wie vor der Überzeugung sind, dass das ein „kontrollierter Putsch“ oder „Theater“ war, rate ich dringend, sich dessen bewusst zu werden. Wer sich dem nicht bewusst ist, läuft Gefahr, das Andenken an diese „Gefallenen der Demokratie“ zu untergraben, wie z.B. deutsche Medien, die von einer Straffreiheit für den „Anti-Putsch-Mob“ sprachen, die per Dekret vom Regierungschef gewährt wurde.


Dieser Kommentar gibt die Meinung des Autors wieder und stellt nicht zwingenderweise den Standpunkt von nex24 dar.


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