Halalindustrie
Fachjournalist: „In Deutschland darf jeder ohne Prüfung Halal-Zertifikate ausstellen“

Peter Z. Ziegler beschäftigt sich als Fachjournalist und Publizist seit zehn Jahren mit der Halalindustrie, zunächst mit Islamic Finance, später mit Halal Food und dem Halal Tourismus. Sein Background war die Al Azhar Universität in Kairo. Heute sieht er sich als unabhängiger Berater an keine islamische Rechtsschule mehr gebunden.

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Dortmund (nex) – Peter Z. Ziegler beschäftigt sich als Fachjournalist und Publizist seit zehn Jahren mit der Halal-Industrie. Zuvor befasste er sich mit Islamic Finance, Halal-Food und Halal-Tourismus. Sein Background war die Al-Azhar-Universität in Kairo. Heute sieht er sich als unabhängiger Berater an keine islamische Rechtsschule mehr gebunden. Auf halal.li bietet er seine Fachberatung an. NEX24 hat den Fachautor befragt.

(Foto: nex24/ziegler)
(Foto: nex24/ziegler)

Wer ist Ihre Zielgruppe, Herr Ziegler? 

In erster Linie wende ich mich an die Produzenten von Lebensmitteln und an die Distributoren. Vor allem beim Mittelstand gibt es einen erheblichen Informationsbedarf. Zielgruppe sind aber auch alle Konsumenten, nicht nur die Muslime. Wird der Islam als Lifestyle gelebt, dann wird Halal-Food für alle Verbraucher interessant. Wir gehen einer Entwicklung wie in den USA entgegen. Dort vertraut man der Qualitätsprüfung der Juden und Muslime mehr als dem Staat. Mit NGOs wie foodwatch.de pflege ich eine gute Zusammenarbeit.

Zertifizieren Sie selbst Lebensmittel? 

Nein. Ich hätte zwar die dafür notwendige Ausbildung, doch würde ich dann meine Neutralität aufgeben und wäre als Journalist Partei. Ich vermittle zusammen mit einem internationalen virtuellen Team auf allen drei Ebenen Zertifizierungen. 1.: Oft müssen in einem Betrieb bestimmte Produkte, Verfahren, Systeme oder Leistungen nationale und internationale Verordnungen und Normen erfüllen. 2.: Darauf aufgesetzt findet die Halal-Zertifizierung durch muslimische Spezialisten, meist aus der Agrar- oder Lebensmittel-Technik, statt. 3.: Bei Bedarf kann parallel auch die Prüfung für den jüdischen Kaschrut-Label erfolgen.

Was fordern Sie vom Zertifizierer? 

Zunächst einmal fordere ich Transparenz. Wenn ich nicht genau weiss, mit wem ich es zu tun habe, kann ich dem Zertifizierer nicht vertrauen. Ich muss genau wissen, wer zu meinem Mandanten ins Haus kommt, wie das Verfahren abläuft, wieviel zeitlicher und personeller Aufwand nötig ist, was die Zertifikation kostet und welche Folgekosten entstehen können, z.B. durch jährliche Nachprüfungen oder Exportbescheinigungen.

Gibt es hier schwarze Schafe? 

Leider ja. Manche Zertifizierer berechnen z.B. für Exportpapiere Gebühren nach Gewicht, das ist eine absolut unzulässige Praxis. Ich frage meinen Mandanten, wofür er das Halal-Zertifikat braucht, für das Inland oder den Export. Fast alle möchten ins Ausland exportieren. Doch nicht jedes Zertifikat wird von jedem Land anerkannt und ich muss dann schauen, dass ich zwei oder sogar drei Zertifizierer an einen Tisch bringe, damit der Kunde nicht mehrfach bezahlen muss. Für Aussenstehende ist es fast unmöglich, den Überblick zu bekommen. Das ist dann meine Aufgabe als Berater.

Wer darf in  Deutschland  Halal-Labels aufdrucken?

Jeder, der sich dazu berufen fühlt, ohne jedes Zertifikat, ohne jede Prüfung. Leider ist dem in Deutschland so, ganz anders als in Frankreich oder Grossbritannien. Es sind viele Phantasie-Labels zu sehen. Das erinnert an die ersten Bio-Labels, die auch ohne Grundlagen aufgedruckt worden sind. Heute ist hier die Vergabe streng reglementiert. Die Politiker trauen sich nicht an eine längst überfällige Reglementierung der Halal-Zertifikate, sie können damit keine Stimmen gewinnen. Halal ist hierzulande ein Reizwort geworden und ein Schlagwort der Islamphobie.

Stellen Nicht-Muslime Halal-Zertifikate aus? 

Nein. Es wird immer wieder behauptet, ein Halal-Zertifikat der grossen Zertifizierungsunternehmen wie z.B. von der SGS sei nicht statthaft, da die SGS kein muslimisches Unternehmen sei. Das ist Unsinn. Ein Zertifikat wird stets von einzelnen Personen ausgestellt, die für ihre Arbeit mit ihrem guten Namen bürgen. Das sind immer Muslime, auch bei der SGS. Bedenken Sie: Nicht einmal 10% der Unternehmen, die global Halal-Lebensmittel herstellen, sind in muslimischem Besitz. Hier genügt es ja auch, dass der zertifizierte Betrieb einen muslimischen Halal-Beauftragten benennt.

Ist im Supermarkt ein Halal-Label nötig? 

Vorteilhaft wäre dies. Ich verstehe aber die Gründe, warum der Lebensmittelhandel derzeit darauf verzichtet. Es ist eben nicht nur die Furcht vor Protesten der Rechtspopulisten, sondern Ursache sind ebenso die nervenden Querelen der Muslime. Es ist beschämend, wenn ein Zertifizierer das Zertifikat eines Mitbewerbers nicht anerkennt und dazu fadenscheinige Argumente anführt.

Gibt es eine pragmatische Lösung? 

Ich kann nicht für die muslimische Gemeinschaft sprechen, das kann niemand. Ich habe für Produzenten und Händler eine Arbeitsgemeinschaft gegründet, um nach machbaren Lösungen zu suchen. Dort habe ich ein System vorgeschlagen, die Lebensmittel in den Handelsketten vorerst einmal zu klassifizieren statt zu zertifizieren. Das könnten sachkundige Muslime tun, dazu braucht es keine Zertifizierer.

Wie sieht dieses System aus? 

Grob gesagt könnte es 3 Klassen geben, die am Regal durch einen Code gekennzeichnet werden. Klasse I): Waren, die von anerkannten Zertifizierern ein Label erhielten, Klasse II): Waren, die für den Export einen Label bekamen, der jedoch in Deutschland nicht aufgedruckt wird undKlasse III): Waren, die auf keinen Fall gegen islamische Speisegebote verstossen, also nicht „haram“ sind. Damit wäre vielen Muslimen erst einmal geholfen.

Warum arbeitet die AG in Liechtenstein? 

Es ist wenig bekannt, dass das Fürstenhaus von Liechtenstein sehr islamfreundlich ist. Fürst Hans Adam II. sagte 2008, neben dem Christentum habe man den Islam als zweitgrößte Religionsgemeinschaft im Land. Das gelte es zu akzeptieren, auch beim Bau von Moscheen und Minaretten. Hier unterscheidet sich das Fürstentum gravierend von der Schweiz. Ich finde, das Thema ist in Liechtenstein gut aufgehoben.

Haben Sie für die Endverbraucher ebenfalls Informationen?

Auf Facebook berichte ich zusammen mit einem virtuellen Team tagesaktuell über die Halal-Industrie in Europa. Zielgruppe sind zunächst Muslime in den deutschsprachigen Ländern, aber auch Nichtmuslime, die sich für Halal-Produkte interessieren. Die meisten News gibt es in Englisch, leider können wir immer nur Teile der Artikel übersetzen.


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