Ein Gastkommentar von Susanne Mattner
Ahmad Mansour veröffentlicht ein Interview auf seiner Facebook-Timeline, in dem er sich darüber beklagt, dass Angela Merkel vor elf Jahren gesagt habe: „Wir schaffen das.“ Aber nicht erklärt habe, wie wir das schaffen sollen.
Als Beispiel führt er Schulklassen an, in denen junge Menschen sitzen, die die Sprache nicht beherrschen, andere Werte und eine andere Prägung mitbringen. Natürlich gibt es Integrationsprobleme. Natürlich muss man darüber reden. Und selbstverständlich braucht Integration Konzepte, Geld, Sprachkurse, Bildung und Menschen, die sich dieser Aufgabe ernsthaft widmen.
Aber ausgerechnet Ahmad Mansour hält uns vor, dass wir nicht erklärt bekommen hätten, wie Integration funktionieren soll?
Da hätte ich ein paar Fragen.
Mansours eigener Weg nach Deutschland
Mansour kam 2004 aus Israel nach Deutschland. Er ist arabischer Israeli palästinensischer Herkunft, studierte in Tel Aviv und brachte selbstverständlich seine eigene kulturelle und gesellschaftliche Prägung mit. Und was erzählt er selbst über seine ersten Jahre in Deutschland?
In einer Rede, die 2017 von der Stadt Frankfurt veröffentlicht wurde, schildert er seine erheblichen Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache. Er berichtet, dass er anfangs nicht einmal problemlos Käse einkaufen konnte. Die ersten Monate und vielleicht sogar Jahre seien für ihn eine Art Trauma gewesen. An der Universität habe er einmal vor seinen Mitstudenten gestanden und kein einziges Wort herausgebracht.
Und jetzt frage ich mich: Ist das nicht genau die Erfahrung, über die er heute spricht, wenn er junge Menschen beschreibt, die nach Deutschland kommen und die Sprache zunächst nicht beherrschen?
Mansour hat selbst erlebt, wie es ist, in einem fremden Land sprachlich nicht zurechtzukommen. Er weiß, dass Integration ein Prozess ist und nicht mit dem Grenzübertritt abgeschlossen ist.
Warum beschreibt er diese Erfahrung bei sich selbst als persönliche Herausforderung, bei anderen aber vor allem als gesellschaftliches Problem? Und was ist eigentlich mit den unterschiedlichen kulturellen Prägungen? War Mansour, als er nach Deutschland kam, etwa ein kulturell unbeschriebenes Blatt? Natürlich nicht. Auch er brachte Erfahrungen, Vorstellungen und Wertvorstellungen mit, die nicht in jeder Hinsicht mit denen der deutschen Mehrheitsgesellschaft übereinstimmten.
Der Unterschied ist doch nicht, ob jemand eine andere Prägung mitbringt. Der Unterschied liegt darin, ob jemand bereit ist, sich mit der neuen Gesellschaft auseinanderzusetzen, ihre Sprache zu lernen und ihre Rechtsordnung anzuerkennen.
Mansour hat diesen Weg selbst beschrieben. Er hat Deutsch gelernt, studiert und sich eine berufliche Existenz aufgebaut. Das verdient Anerkennung.
Aber weshalb sollte das, was ihm möglich war, grundsätzlich anderen Menschen nicht möglich sein?
Der Weg zum deutschen Pass
Und dann wäre da noch die Sache mit der deutschen Staatsangehörigkeit.
Mansour kam 2004 nach Deutschland. Laut einem Bericht der Berliner B.Z. beantragte er die deutsche Staatsangehörigkeit erst 2014. Er erhielt sie 2017.
Zehn Jahre zwischen Zuzug und Antrag, anschließend noch einmal rund drei Jahre bis zur Einbürgerung.
Ich will daraus ausdrücklich keinen Vorwurf konstruieren. Wir kennen seine persönlichen Beweggründe für den Zeitpunkt des Antrags nicht. Aber wenn man anderen Menschen mangelnde Integration vorhält, sollte man vielleicht auch erklären können, warum der eigene Weg zur deutschen Staatsangehörigkeit nicht schneller verlief.
Mein Mann hat die Voraussetzungen für seine Einbürgerung in etwas mehr als drei Jahren erfüllt. Unterschiedliche Lebensläufe sind kein Beweis für mangelnde Integrationsbereitschaft. Genau deshalb sollte man mit pauschalen Urteilen über andere vorsichtig sein.
Was Merkel mit „Wir schaffen das“ meinte
Und jetzt kommen wir zum eigentlichen Punkt:
Was hat Angela Merkel mit „Wir schaffen das“ denn gesagt?
Sie hat nicht versprochen, dass Integration von allein funktioniert. Sie hat auch nicht behauptet, dass jeder Mensch, der nach Deutschland kommt, sofort Deutsch spricht, unsere gesellschaftlichen Regeln kennt und sich problemlos zurechtfindet.
Sie hat gesagt: Wir schaffen das. Das Wort „wir“ war dabei entscheidend.
Nicht: Die Regierung erledigt das für euch.
Nicht: Die Geflüchteten müssen das allein schaffen.
Sondern: Wir als Gesellschaft können diese Herausforderung gemeinsam bewältigen.
Merkel hat diesen Gedanken später ausdrücklich erläutert. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 31. August 2016 sagte sie, sie habe bewusst „Wir schaffen das“ und nicht „Ihr schafft das“ gesagt. Dieses Wir umfasse die Politik, die deutsche Bevölkerung, die dauerhaft hier lebenden Menschen anderer Nationalitäten und die Flüchtlinge selbst.
Das ist der Solidaritätsgedanke, der in diesem Satz steckt: Wir übernehmen gemeinsam Verantwortung. Der Staat muss Rahmenbedingungen schaffen. Die Gesellschaft muss sich auf Menschen einlassen. Und diejenigen, die zu uns kommen, müssen ihrerseits bereit sein, sich einzubringen.
Das ist kein naiver Wunschtraum. Es ist ein gesellschaftlicher Auftrag.
Fehler, Probleme und die Bilanz
Natürlich wurden Fehler gemacht. Natürlich waren Behörden überfordert. Natürlich gab und gibt es Schulen, Kommunen und Einrichtungen, die mehr Unterstützung brauchen. Man kann über die Migrationspolitik von Angela Merkel streiten, ihre Entscheidungen kritisieren und bessere Konzepte fordern.
Aber aus diesen Problemen abzuleiten, wir hätten es insgesamt nicht geschafft, ist eine politische Bewertung und keine objektive Bestandsaufnahme.
Und was genau haben wir denn nicht geschafft?
Menschen sind in Arbeit gekommen, haben Unternehmen gegründet, Ausbildungen absolviert, Familien gegründet und sich in unsere Gesellschaft eingebracht. Andere haben große Schwierigkeiten, manche scheitern an der Integration, und manche verweigern sie. Das alles gehört zur Realität. Wer ernsthaft diskutieren will, muss die Unterschiede benennen, statt Millionen Menschen über einen Kamm zu scheren.
Integration ist kein Zaubertrick
Was ich an dieser Debatte besonders bemerkenswert finde: Ein Mann, der selbst erfahren hat, wie schwierig das Ankommen in Deutschland sein kann, erklärt uns heute, dass wir nicht gewusst hätten, wie wir es schaffen sollen.
Vielleicht sollten wir uns daran erinnern, dass Integration kein Zaubertrick ist, den eine Kanzlerin auf einer Pressekonferenz vorführt. Sie ist ein Prozess, an dem Menschen, Institutionen und die Gesellschaft beteiligt sind.
Und vielleicht sollten wir auch nicht vergessen, dass wir Menschen nicht nur daran messen sollten, wie reibungslos ihr erster Tag in Deutschland verläuft, sondern daran, was sie aus den Möglichkeiten machen, die sie hier bekommen.
Das entscheidende Wort
„Wir schaffen das“ war kein detaillierter Maßnahmenkatalog. Es war eine Aufforderung, eine Herausforderung nicht von vornherein für unlösbar zu erklären.
Man kann darüber streiten, ob die Politik diesem Anspruch gerecht geworden ist.
Aber wer den Satz heute auf die Frage reduziert, wie wir das denn schaffen sollten, sollte sich vielleicht auch fragen, ob er das entscheidende Wort überhört hat:
Wir.
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
Zum Autor

Susanne Mattner wurde im Ruhrgebiet geboren und studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowohl in den USA als auch an der Universität Dortmund. Nach ihren Studienstationen verbrachte sie in den 1990er-Jahren auch einige Zeit im Nahen Osten. Nach ihren längeren Auslandsaufenthalten lebt sie heute verheiratet in Hamburg. In ihren Beiträgen verfolgt sie aufmerksam das internationale Zeitgeschehen mit einem geschulten Blick für mediale Narrative. Ihre Schwerpunkte liegen auf geopolitischen Entwicklungen im Nahen Osten, gesellschaftlichen Debatten sowie der kritischen Analyse doppelter Standards in der Berichterstattung.
AUCH INTERESSANT
Fauda und die Macht der Narrative: Mattner über die Frage der Deutungshoheit

