Ein Gastkommentar von Toghrul Hasanzadeh
Als EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im Juli 2026 Baku und Eriwan besuchte, ging es längst nicht mehr nur um Diplomatie. Die Europäische Union kündigte ein neues Paket zur Unterstützung des Friedens und der regionalen Vernetzung an.
Dahinter steht eine größere Veränderung. Nach Jahrzehnten des Konflikts erhält der Südkaukasus die Möglichkeit, sich von ungelösten Territorialfragen hin zu ständiger wirtschaftlicher Vernetzung zu bewegen. Für die EU ist die Region damit keine entfernte Peripherie mehr. Sie verbindet Europa mit der Türkei, dem Kaspischen Meer und Zentralasien.
Das Ende der alten Karabach-Ordnung
Der Konflikt um Bergkarabach entstand in den letzten Jahren der Sowjetunion und entwickelte sich nach deren Zerfall zu einem Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan.
Bis 1994 kontrollierten armenische Kräfte Bergkarabach und große Teile der umliegenden Gebiete Aserbaidschans. Die folgenden Jahrzehnte waren von Verhandlungen geprägt. Die wichtigste internationale Plattform blieb die OSZE-Minsk-Gruppe unter Beteiligung Russlands, der USA und Frankreichs. Eine endgültige politische Einigung wurde jedoch nicht erreicht.
Der Krieg von 2020 veränderte das Kräfteverhältnis. Aserbaidschan stellte die Kontrolle über große Teile der in den frühen 1990er Jahren verlorenen Gebiete wieder her. Anschließend wurden russische Friedenstruppen in Bergkarabach stationiert. Doch diese Ordnung erwies sich als vorübergehend.
Im September 2023 stellte Aserbaidschan die Kontrolle über Bergkarabach wieder her. Die große Mehrheit der armenischen Bevölkerung verließ die Region. 2024 zogen auch die russischen Friedenstruppen aus Aserbaidschan ab. Damit endete nicht nur die letzte militärische Phase des Karabach-Konflikts. Auch das frühere regionale Sicherheitsmodell, in dem Russland eine besondere Rolle als Vermittler und Garant einnahm, existiert in dieser Form nicht mehr.
Von Karabach zu den Beziehungen zwischen zwei Staaten
Parallel dazu veränderte sich die politische Rhetorik in Armenien. Ministerpräsident Nikol Paschinjan spricht zunehmend von der Souveränität und Entwicklung der Republik Armenien. 2026 bezeichnete er die Karabach-Bewegung als einen „fatalen Fehler“ für Armenien. Er erklärte zudem, der Sieg Armeniens in den 1990er Jahren habe nicht den erwarteten Wohlstand gebracht und die später an Aserbaidschan zurückgegebenen Gebiete hätten nie zu Armenien gehört.
Für die armenische Innenpolitik ist dies eine sensible Position. Karabach war über Jahrzehnte nicht nur ein außenpolitisches Problem, sondern auch Teil der politischen Identität des Landes. Paschinjans Aussagen stehen daher für einen politischen Kurswechsel: weg von einem Projekt, das eng mit Karabach verbunden war, hin zu einem Staat, der seine eigene Souveränität und Entwicklung in den Mittelpunkt stellt.
Am 8. August 2025 paraphierten Paschinjan und der aserbaidschanische Präsident Ilham Alijew in Washington im Beisein von US-Präsident Donald Trump den Text eines Friedens- und Beziehungsabkommens. Die EU begrüßte den Schritt und unterstützte die weitere Umsetzung. Washington gab der letzten Verhandlungsphase einen politischen Impuls und schuf einen internationalen Rahmen für das Abkommen. Doch ein diplomatisches Dokument allein schafft noch keinen dauerhaften Frieden.
Drei Modelle regionalen Einflusses
Gerade hier wird der Unterschied zwischen den Ansätzen Russlands, der USA und der EU deutlich.
Russland bot dem Südkaukasus über Jahrzehnte Stabilität durch die Abhängigkeit von seiner Vermittlerrolle. Das funktionierte, solange Moskau über ausreichende politische und militärische Ressourcen verfügte, um das regionale Gleichgewicht abzusichern. Als diese Fähigkeit schwächer wurde, geriet auch dieses Modell unter Druck.
Die USA können Verhandlungen einen diplomatischen Impuls geben, einen politischen Rahmen schaffen und internationalen Rückhalt für Vereinbarungen organisieren. Genau das zeigte sich in der letzten Phase des armenisch-aserbaidschanischen Friedensprozesses.
Die EU verfügt über andere Instrumente. Binnenmarkt, Investitionen, Verkehrsstandards und Energiekooperation schaffen wirtschaftliche Verflechtungen. Stabilität entsteht damit weniger durch die Abhängigkeit von einem einzelnen externen Akteur als durch gemeinsame Interessen. Für den Südkaukasus ist das relevant. Wenn Eisenbahnverbindungen, Energienetze und Handel ehemalige Konfliktparteien miteinander verbinden, wird eine Rückkehr zum Konflikt auch wirtschaftlich kostspieliger.
Brüssel muss dabei nicht zum neuen Schiedsrichter der Region werden. Seine Rolle kann darin liegen, Bedingungen zu schaffen, unter denen die Staaten selbst ein Interesse an der Aufrechterhaltung des Friedens haben.
Vom „Sangesur-Korridor“ zu TRIPP
Eine der schwierigsten Fragen bleibt die Verkehrsverbindung zwischen dem Kerngebiet Aserbaidschans und der Exklave Nachitschewan. Baku bezeichnete diese Verbindung lange als „Sangesur-Korridor“. Eriwan befürchtete, dass ein solcher Ansatz die eigene Souveränität über armenisches Staatsgebiet einschränken könnte. Aserbaidschan wies diese Absicht zurück und erklärte, es gehe um eine Verkehrsverbindung.
In Washington wurde versucht, die Frage in einen breiteren internationalen Rahmen zu stellen. Daraus entstand das Konzept TRIPP, Trump Route for International Peace and Prosperity.
Für Aserbaidschan bietet sich damit die Möglichkeit einer dauerhaften Verbindung nach Nachitschewan und weiter in die Türkei, einem wichtigen strategischen Partner. Für Armenien bleibt die Wahrung der eigenen Souveränität entscheidend. Für die USA eröffnet sich die Möglichkeit einer langfristigen wirtschaftlichen Präsenz in der Region.
Für Europa könnte eine solche Verbindung Teil eines größeren Verkehrssystems zwischen dem Kaspischen Meer, dem Südkaukasus, der Türkei und dem europäischen Markt werden.
Zwischen Europa und dem Kaukasus liegt die Türkei
Die Türkei ist für diese Entwicklung kaum zu umgehen. Sie ist NATO-Mitglied, EU-Beitrittskandidat und ein wichtiger Verkehrsknoten zwischen Europa, dem Kaukasus und Zentralasien. Für Aserbaidschan ist sie ein zentraler strategischer Partner. Mit der Unterzeichnung der Schuscha-Deklaration im Jahr 2021 wurde die enge sicherheitspolitische Partnerschaft zwischen beiden Staaten zusätzlich institutionalisiert.
Für europäische Verkehrsverbindungen nach Zentralasien ist ihre Infrastruktur ebenfalls von großer Bedeutung. Daraus entsteht für Brüssel eine strategische Frage. Wenn neue Verbindungen hauptsächlich über türkische Infrastruktur laufen, könnte die EU vor allem als Endmarkt auftreten, während andere Akteure die Infrastruktur und Regeln stärker bestimmen.
Europa kann jedoch selbst in Infrastruktur, technische Standards und Handelsregeln investieren. Eine wichtige Rolle spielt dabei der Mittlere Korridor, der China und Zentralasien über das Kaspische Meer, Aserbaidschan, Georgien und die Türkei mit den europäischen Märkten verbinden soll. Seit Beginn des russischen Krieges gegen die Ukraine hat seine Bedeutung zugenommen.
Das schwache Glied: Georgien
Der Mittlere Korridor führt durch Georgien. Über georgisches Gebiet gelangen die Transportströme zum Schwarzen Meer und von dort weiter nach Europa. Deshalb ist die politische Entwicklung des Landes auch für die europäische Konnektivität relevant.
Die Beziehungen zwischen Georgien und der EU haben sich in den vergangenen Jahren deutlich verschlechtert. Brüssel betrachtet den Beitrittsprozess faktisch als gestoppt und äußert Bedenken hinsichtlich des politischen Kurses der georgischen Regierung. Damit entsteht ein Problem für die gesamte regionale Vernetzung. Eine europäische Strategie für den Südkaukasus kann sich deshalb nicht auf Armenien und Aserbaidschan beschränken.
Frieden als Wirtschaftsprojekt
Die Nachhaltigkeit des Friedensprozesses wird letztlich nicht allein von Diplomatie abhängen.
Im Juli 2026 kündigte Ursula von der Leyen das Paket „Peace through Connectivity“ an. Bis zu 200 Millionen Euro sollen in Verkehrs-, Energie- und Digitalprojekte im Südkaukasus fließen.
Nach Angaben der Europäischen Kommission könnten damit bis zu zwei Milliarden Euro an öffentlichen und privaten Investitionen mobilisiert werden. Weitere 20 Millionen Euro sind für Grenzregionen Armeniens und Aserbaidschans vorgesehen, unter anderem für Entminung, Gesundheitsversorgung und die Unterstützung kleiner Unternehmen.
Im Januar 2026 begannen die EU, Aserbaidschan und die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung zudem eine Machbarkeitsstudie für eine Eisenbahnverbindung nach Nachitschewan. Damit versucht die EU, Frieden von einem politischen Abkommen in wirtschaftliche Realität zu übersetzen.
Für Armenien können neue Verkehrswege Märkte öffnen und die verkehrliche Isolation verringern. Für Aserbaidschan stärken sie die Rolle als Energie- und Verkehrsknotenpunkt. Für Georgien bleibt seine Transitfunktion ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor. Für die Türkei entstehen zusätzliche Möglichkeiten, die eigene Infrastruktur mit Zentralasien zu verbinden. Für die EU eröffnen sich diversifiziertere Handelswege zum Kaspischen Meer und nach Zentralasien.
Ein neuer Südkaukasus?
Der Südkaukasus ist noch weit von einer endgültig gefestigten Friedensordnung entfernt. Das Abkommen zwischen Armenien und Aserbaidschan muss weitere Verfahren durchlaufen. Politische und humanitäre Fragen bleiben offen. Georgiens europäische Orientierung ist unsicher. Russland wahrt seine Interessen, die Türkei baut ihren Einfluss weiter aus und die USA haben durch den Washington-Prozess eine neue Rolle gewonnen.
Doch die Logik der Region hat sich verändert. Die zentrale Frage lautet nicht mehr nur, wer welche Gebiete kontrolliert. Es geht darum, ob der Südkaukasus seine geografische Lage in wirtschaftliche Entwicklung übersetzen kann.
Wenn die EU dabei nicht nur als Geber, sondern auch als Investor, Handelspartner und Gestalter gemeinsamer Regeln auftritt, bedeutet Frieden mehr als das Ausbleiben eines neuen Krieges. Er kann zu einem Wirtschaftsprojekt werden. Und genau das könnte ihm eine langfristig tragfähigere Grundlage geben.
Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.
Zum Autor

Toghrul Hasanzade ist politischer Analyst und freier Autor mit Schwerpunkten in der europäischen Außenpolitik, internationalen Beziehungen und dem postsowjetischen Raum. Er hat Europäische Studien an der Europa-Universität Viadrina studiert und war Stipendiat des Internationalen Parlaments-Stipendiums des Deutschen Bundestages. Seine Texte erscheinen regelmäßig in aserbaidschanischen Medien. Zudem tritt er als Experte für europäische Politik in Fernsehsendungen auf.
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