London – Nach einer Rekord-Standing-Ovation von 25 Minuten beim Filmfestival in Venedig, Morddrohungen und dem Vorstoß der israelischen Regierung, den Machern die Staatsbürgerschaft zu entziehen, kündigen die Regisseure eine beispiellose Veröffentlichungsstrategie an.
Um der Zensur entgegenzuwirken, wird der Film nach dem Kinostart in über 50 Ländern gratis im Internet zugänglich gemacht.
Der preisgekrönte Dokumentarfilm „NAZA“ der israelischen Regisseure Yuval Abraham und Rachel Szor sorgt international weiterhin für Aufsehen. Nachdem das Werk beim 83. Internationalen Filmfestival in Venedig mit einer beispiellosen, 25-minütigen Rekord-Standing-Ovation gefeiert und mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet wurde, folgten heftige politische Reaktionen in Israel.
Führende Politiker, darunter Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, griffen die Filmemacher scharf an und drohten unter anderem mit rechtlichen Schritten sowie der Entziehung der israelischen Staatsbürgerschaft – wozu allerdings die gesetzliche Grundlage fehlt.
Auch Morddrohungen aus dem rechtsextremen Spektrum begleiteten die Veröffentlichung. Als direkte Antwort auf den politischen Druck und das weltweite Interesse gaben der britische Guardian und der internationale Verleiher mk2 films nun die Veröffentlichungspläne bekannt: Der Film startet ab Ende September in den Kinos von 56 Territorien und wird im Anschluss ab November für ein weltweites Publikum komplett kostenlos und zeitlich unbegrenzt auf der Website des Guardian gestreamt.
Die Regisseure begründeten ihren Schritt in einer gemeinsamen Erklärung unmissverständlich:„We made this film out of a sense of obligation to use our position as Israelis to examine the systems behind the mass killing of Palestinian civilians for which our country is responsible.“(„Wir haben diesen Film aus dem Gefühl der Verpflichtung heraus gemacht, unsere Position als Israelis zu nutzen, um die Systeme hinter der Massentötung palästinensischer Zivilisten zu untersuchen, für die unser Land verantwortlich ist.“)
Sie betonten weiter, dass sie sich von den Repressalien nicht beugen werden: „Die Drohungen der israelischen Regierung, uns die Staatsbürgerschaft zu entziehen, und die Todesdrohungen ändern daran nichts und werden den Film nicht stoppen.“

Weltweiter Kinostart und kostenloses Angebot in Israel
Der Film feierte nach Venedig weitere Erfolge auf Festivals in Bologna und San Sebastián und steht vor seiner Nordamerika-Premiere beim New York Film Festival.
Der reguläre Kinostart in den USA beginnt am 30. September im IFC Center in New York City, bevor er ab Oktober landesweit ausgeweitet wird. Zu den 56 Ländern, in denen Verträge für die Kinowahl unterzeichnet wurden, gehören unter anderem Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien, Italien, Japan, Brasilien, Kanada sowie mehrere Staaten im Nahen Osten.
Besonders bemerkenswert ist das Vorgehen der Filmemacher in Israel selbst. Wie Verleiher und Regisseure mitteilten, wurde die Dokumentation israelischen Kinos und Kulturinstitutionen völlig kostenlos angeboten. Man hoffe, dass das Werk trotz des massiven politischen Drucks auch vor Ort auf den Leinwänden zu sehen sein wird, um eine gesellschaftliche Debatte anzustoßen.
Drei Jahre investigative Recherchen und Zeugnisse von Soldaten
„NAZA“ basiert auf dreijährigen verdeckten Ermittlungen und Recherchen, die in Kooperation zwischen dem Guardian, dem israelisch-palästinensischen Magazin +972 und dem hebräischsprachigen Medium Local Call entstanden sind. Der Film stützt sich auf die Aussagen von 24 aktiven und ehemaligen israelischen Soldaten sowie Geheimdienstoffizieren.
Diese berichten vor der Kamera ausführlich über die internen Kriterien bei der Zielauswahl, die Handhabung zulässiger ziviler Opferquoten bei Luftangriffen sowie den Einsatz künstlicher Intelligenz zur Erstellung von Target-Listen im Gaza-Streifen.
Wie Abraham gegenüber dem Branchenmagazin Deadline betonte, liege eine der eindrücklichsten Enthüllungen des Films in der Systematik der Angriffe:
„Our film is showing that the basic targeting unit of the Israeli targeting systems is a family home in Gaza. That’s how it operates. Every building in Gaza, every home in Gaza has a number. The system is designed to locate targets when they are in civilian spaces, when they go back home.“
„Unser Film zeigt, dass die grundlegende Zieleinheit der israelischen Zielsysteme ein Familienhaus in Gaza ist. So funktioniert es. Jedes Gebäude in Gaza, jedes Haus in Gaza hat eine Nummer. Das System ist darauf ausgelegt, Ziele zu lokalisieren, wenn sie sich in zivilen Räumen befinden, wenn sie nach Hause zurückkehren.“
Dass diese Abläufe nun von Insidern aus dem Militär- und Geheimdienstapparat bestätigt werden, verleihe den Schilderungen der palästinensischen Zivilbevölkerung ein zusätzliches Gewicht.
In einer ausführlichen persönlichen Stellungnahme auf der Plattform X (ehemals Twitter) wandte sich Regisseur Yuval Abraham direkt an die israelische Öffentlichkeit und die Streitkräfte. Er wies Vorwürfe des Verrats entschieden zurück:
„Journalismus ist kein Verrat. Kritik ist kein Verrat. Es ist die Pflicht jedes Bürgers, dessen Regierung Verbrechen begeht, es zu wissen, und die Pflicht jedes Soldaten, der Zeuge davon war, davon zu berichten.“
Abraham stellte klar, dass die Aufarbeitung der militärischen Aktionen in Gaza das Massaker der Hamas vom 7. Oktober in keiner Weise relativiere:
„Die Anerkennung der Gräueltaten in Gaza mindert für keinen Moment das verbrecherische Massaker vom 7. Oktober, für das die Hamas verantwortlich ist und für das es keinerlei Rechtfertigung gibt. Im Gegenteil. Die Ignoranz gegenüber dem, was in Gaza geschieht, ist einer der Faktoren, die den Weg dafür geebnet haben.“
Festhalten an Rückkehr trotz hoher persönlicher Risiken
Das Regie-Duo, das bereits für die Dokumentation „No Other Land“ über die Vertreibung im Westjordanland internationalen Zuspruch erhielt, betont, trotz der angespannten Sicherheitslage nach Israel zurückkehren zu wollen. Die Drohungen hätten sie zwar belastet, aber keineswegs abgeschreckt.
Harry Davies, Investigativkorrespondent des Guardian und Produzent des Films, bezeichnete das Werk als „kraftvolles Stück Kino, das auf gründlichster journalistischer Arbeit basiert“.
Durch die Entscheidung, den Film nach der Kinotournee kostenfrei ins Netz zu stellen, wollen die Produzenten sicherstellen, dass die ethischen und politischen Fragen, die das Werk aufwirft, ungehindert von Zensurversuchen einer globalen Öffentlichkeit zugänglich bleiben.
Yuval Abraham and Rachel Szor, the directors of NAZA, a documentary about Israeli soldiers’ killings of civilians in Gaza say that the film will be available to view online for free „so that every person can watch it.“
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— Al Jazeera English (@AJEnglish) September 24, 2026

