Bosnien
Das Foto, das Clinton zum Handeln zwang: Die vergessene Tragödie der Ferida Osmanović

Das vergessene Schicksal der Ferida Osmanović: Wie ein einziges, schockierendes Foto aus Srebrenica im Juli 1995 die US-Regierung zum Eingreifen zwang.

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Während die Weltöffentlichkeit am jüngsten Jahrestag des Genozids von Srebrenica vor allem der über 8.000 systematisch ermordeten muslimischen Männer und Jungen gedenkt, bleibt das Schicksal der Frauen und Mütter oft im Schatten der Geschichte.

Doch im Juli 1995 ging ein einziges, schockierendes Schwarz-Weiß-Foto um den Globus, das zum ultimativen Symbol für die Verzweiflung der bosnischen Muslime und das Totalversagen der Vereinten Nationen wurde. Es zeigt eine junge Frau, die sich in einem Waldstück erhängt hat.

Die Mehrheit der Menschen hat die Hintergründe zu diesem Bild heute vergessen oder noch nie etwas darüber gehört – doch damals zwang genau diese Aufnahme die US-Regierung unter Bill Clinton zum militärischen Umdenken

Der Moment der Verzweiflung im Wald von Tuzla

Als die ultranationalistischen bosnisch-serbischen Truppen unter General Ratko Mladić im Juli 1995 die UN-Schutzzone Srebrenica kampflos überrannten, flüchteten zehntausende Zivilisten in das UN-Lager Potočari.

Dort spielten sich apokalyptische Szenen ab: Die serbischen Soldaten trennten systematisch alle Männer von den Frauen und Kindern. Unter den Deportierten befand sich auch die 31-jährige bosnische Muslimin Ferida Osmanović zusammen mit ihren beiden Kindern Damir (13) und Fatima (10).

Augenzeugen berichteten später, dass Ferida mit ansehen musste, wie ihr 37-jähriger Ehemann Selman von den serbischen Einheiten brutal weggezerrt und auf Lastwagen abtransportiert wurde. In dem Moment, als ihr bewusst wurde, dass sie ihren Mann niemals wiedersehen würde, zerbrach sie an der psychischen Last und der totalen Hoffnungslosigkeit.

Nachdem sie mit den anderen Frauen in ein Flüchtlingslager am Flughafen von Tuzla evakuiert worden war, schlich sie sich in der darauffolgenden Nacht unbemerkt in ein nahegelegenes Waldstück. Dort nahm sie sich mit einem improvisierten Strick aus Kleidungsstücken das Leben.Am nächsten Morgen entdeckte der kroatische Kriegsfotograf Darko Bandić, der für die Nachrichtenagentur Associated Press (AP) berichtete, die Verstorbene. Er drückte auf den Auslöser.

Das Bild einer anonymen Frau in weißem Rock und roter Strickjacke, die leblos von einem Baum hängt, ging unter dem Titel „The Hanging Woman“ (Die erhängte Frau) auf den Titelseiten der Weltpresse viral.„Was soll ich ihr sagen?“ 

Wie Al Gore Druck ausübte

Während das Bild weltweit Entsetzen auslöste, blieb die Identität der Frau monatelang ungeklärt; auf ihrem provisorischen Grab in Tuzla stand anfangs lediglich das Holzschild „Anonym: Srebrenica“.

Doch die politische Sprengkraft des Fotos im Westen war monumental.Die Washington Post druckte das Foto groß auf ihrer Titelseite ab. Am selben Tag kam es im Oval Office des Weißen Hauses zu einem folgenschweren Treffen. Der damalige US-Vizepräsident Al Gore trat aufgebracht vor Präsident Bill Clinton, legte ihm die Zeitung auf den Tisch und konfrontierte ihn direkt mit der Aufnahme.

Gore sagte laut Protokollberichten wörtlich:

„Meine 21-jährige Tochter hat mich heute nach diesem Bild gefragt. Was um alles in der Welt soll ich ihr sagen? Warum passiert so etwas und wir tun absolut nichts dagegen? Meine Tochter ist schockiert, dass die Welt das zulässt. Und ich bin es auch.“

Clinton, dessen bisherige Statements zum Fall von Srebrenica von Kritikern oft als rein juristisch und zögerlich kritisiert worden waren, geriet durch diese emotionale Intervention seines Vizepräsidenten und die Welle der öffentlichen Empörung massiv unter Zugzwang.

Das Bild von Ferida Osmanović entlarvte die moralische Bankrotterklärung der westlichen Beschwichtigungspolitik und beschleunigte im Pentagon die Planungen für die darauffolgenden NATO-Luftangriffe, die den Bosnienkrieg schließlich beendeten.

Das bittere Erbe einer Tragödie

Erst im April 1996, fast ein Jahr nach der Tat, gelang es Investigativjournalisten der britischen Zeitung The Guardian, die verwaisten Kinder ausfindig zu machen und der namenlosen Toten ihr Gesicht und ihre Geschichte zurückzugeben.

Ihr Ehemann Selman wurde, wie von ihr befürchtet, in den Feldern um Srebrenica exekutiert; seine sterblichen Überreste wurden Jahre später in einem der zahlreichen Massengräber identifiziert.

Das Foto von Ferida Osmanović bleibt bis heute eines der schmerzhaftesten Dokumente der jüngeren europäischen Geschichte. Es beweist auf tragische Weise, dass die Opfer eines Genozids nicht nur diejenigen sind, die durch Kugeln sterben, sondern auch jene, die an dem unerträglichen Schmerz über den Verlust ihrer Liebsten und dem Gefühl des totalen Verlassenseins durch die Weltgemeinschaft zerbrechen.

 

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