Gideon Saar in Berlin
Jüdische Aktivistin: Deutschlands Israel-Politik ist Verrat

Eine in Deutschland lebende Jüdin aus Israel rechnet mit Wadephul ab und wirft Deutschland vor, erneut auf der falschen Seite der Geschichte zu stehen.

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München – Eine in Israel geborene und in Deutschland aufgewachsene jüdische Aktivistin hat in einem öffentlichen Brief auf Facebook Bundesaußenminister Johann Wadephul scharf angegriffen.

Shelly Steinberg, Mitglied der Jüdisch-Palästinensischen Dialoggruppe München, reagierte damit auf Wadephuls jüngste Äußerungen zur deutsch-israelischen Sicherheitspartnerschaft.

Auslöser war ein Treffen des Bundesaußenministers mit dem israelischen Außenminister Gideon Saar in Berlin, bei dem Wadephul erklärt hatte, Deutschland und Israel stünden sich „näher als je zuvor“ und hätten eine „ganz neue Sicherheitspartnerschaft“ begründet. Das Einstehen „für die Existenz und für die Sicherheit des Staates Israels“ gehöre zum „Wesenskern“ der Beziehungen beider Länder, so Wadephul. Der Erwerb des israelischen Raketenabwehrsystems Arrow 3 erfülle ihn „mit Demut“.

„Ich bin geschockt und traumatisiert“

Steinberg beginnt ihren Brief mit einem persönlichen Bekenntnis. Seit Jahrzehnten beobachte sie als Jüdin mit deutscher Staatsbürgerschaft Deutschlands Haltung zu Israel und Palästina. Die übliche politische Formulierung — „Ich bin besorgt“ — reiche ihr nicht mehr. „Nein, ich bin geschockt und traumatisiert“, schreibt sie.

Ihre Großeltern hätten 1935 aus Deutschland fliehen müssen. Der Großteil der restlichen Familie sei in Auschwitz und anderen Vernichtungslagern ermordet worden. Ihre Großeltern hätten ihr erzählt, wie sie die Deutschen damals erlebt hätten — empathielos, gefühllos, brutal und schier unmenschlich. Das habe sie stets theoretisch nachvollziehen können. „Doch die heutige deutsche Politik lässt es mich auch praktisch sehr gut nachvollziehen.“

Obwohl sie als Jüdin mit dieser Familiengeschichte in Deutschland aufgewachsen sei, habe sie nie eine verurteilende Haltung gegenüber den Deutschen gehabt. „Das hat sich in den letzten Jahren geändert — dank Ihrer Politik.“ Die Gefühle ihrer Großeltern könne sie heute extrem nachvollziehen: „Denn alles, was sie mir erzählt haben, sehe ich jetzt live.“

„Deutschland steht wieder auf der falschen Seite der Geschichte“

Steinberg wirft der deutschen Politik vor, nie eine echte Aufarbeitung der eigenen Geschichte geleistet zu haben. „Wieder stellt sich Deutschland auf die Seite eines Völkermordes und macht sich aktiv daran mitschuldig.“ Ein Trauma, das bei ihr nie vorhanden gewesen sei, sei nun aktiviert worden.

Die Welt — und im Grunde auch sie selbst — habe Deutschland den Holocaust verziehen. Doch was werde aus diesem Vertrauensvorschuss gemacht? „Sie verraten ihn und die Verantwortung, die aus dem Holocaust hätte resultieren müssen.“ Politiker wie Wadephul suggerierten, ihre Haltung entspringe der historischen Verantwortung gegenüber den Juden.

Steinberg sieht das genau umgekehrt:

„Ihre Loyalität zu einem faschistischen, rassistischen, genozidalen Staat entspringt nicht einer historischen Verantwortung aus dem Holocaust — im Gegenteil: Sie fahren mit der Geschichte fort.“

Unter dem Deckmantel der Verantwortung gegenüber Juden würden die größten Verbrechen der Menschheit unterstützt. Das sei, so Steinberg, „perfide und in höchstem Maße antisemitisch“. Und weiter: „Wenn Sie schon nicht Unrecht von Recht unterscheiden können, dann missbrauchen Sie zumindest nicht die Juden und Jüdinnen als Schutzschild.“

Verrat am deutschen Volk

Steinberg richtet ihren Vorwurf nicht nur an die internationale Öffentlichkeit, sondern auch an die deutsche Bevölkerung selbst. Wadephul habe einen Amtseid geleistet, sämtlichen Schaden vom deutschen Volk abzuwehren.

„Nun steht Deutschland wieder einmal wegen Beihilfe zum Völkermord vor dem Internationalen Gerichtshof“, so Steinberg weiter.  „Sie begehen Verrat an der eigenen Bevölkerung — wenn Ihnen schon die Palästinenser und alle anderen Menschen, die unter Israel zu leiden haben, egal sind, dann zeigen Sie wenigstens Loyalität zur deutschen Bevölkerung.“

Täglich würden Bürger wegen ihrer kritischen Haltung zu Israel von Politikern kriminalisiert, diffamiert und drangsaliert — obwohl das Grundgesetz genau wegen eines solchen Verhaltens der politischen Führung so verfasst worden sei: als Schutz der Bürger vor willkürlichen Übergriffen.

„Das, verehrter Herr Dr. Wadephul, ist Ihr Vermächtnis — eine Beschädigung Deutschlands innen und außen.“

Den Schlusssatz des Briefes widmet Steinberg den Opfern des Konflikts: „Dennoch ist das nichts im Vergleich zu dem Preis, den die Palästinenser für Ihre Politik und Ihr menschliches Versagen bezahlen müssen. Ich hoffe, Ihnen ist klar, wie viele Menschenleben auf Ihr Konto gehen.“

Zutritt verweigert — bei einer Anti-Rechts-Veranstaltung

Steinbergs Brief ist nicht ihr erster öffentlicher Konflikt in Deutschland. Im Oktober 2025 meldete sie sich gemeinsam mit der jüdischen Künstlerin Suzanna Treumann zu einer Veranstaltung von „München ist bunt“ und „Aufstehen gegen Rassismus“ an — eine Anti-Rechts-Veranstaltung im Münchner Fat Cat.

Am Einlass wurde beiden der Zutritt verweigert. Als Begründung nannte der Veranstalter den Punkt „antisemitisch“ aus dem eigenen Vorbehaltskatalog.
Steinberg berichtete gegenüber der jungen Welt:

„Ich fragte mehrfach, ob sie mir — einer Jüdin aus Israel — ernsthaft Antisemitismus unterstellen würden.“

Nach kurzem Rückzug ins Innere der Veranstaltung blieb das Zutrittsverbot bestehen. Der angegebene Grund: Steinberg habe auf einer „Palästina spricht“-Demo gesprochen.

„Dabei habe ich nie auf so einer Demo gesprochen“, so Steinberg. Suzanna Treumann wurde der Einlass aufgrund einer sogenannten „Kontaktschuld“ verweigert. Steinberg suchte daraufhin anwaltliche Hilfe. Der Vorfall erregte bundesweit Aufmerksamkeit.

Wer ist Shelly Steinberg?

Shelly Steinberg wurde in Israel geboren und ist in Deutschland aufgewachsen — sie besitzt beide Staatsbürgerschaften. In München ist sie Mitglied der Jüdisch-Palästinensischen Dialoggruppe und tritt regelmäßig auf Demonstrationen auf.

Sie ist Unterzeichnerin eines offenen Briefes jüdischer Künstler, Schriftsteller und Wissenschaftler in Deutschland, der sich gegen den Bundestag-Beschluss zum Schutz jüdischen Lebens richtet — mit der Begründung, dieser gefährde die Vielfalt jüdischen Lebens, schränke die Meinungsfreiheit ein und stelle alle Juden unter Generalverdacht.

Von sich selbst sagt sie: „Ich habe beide Staatsbürgerschaften, auf die ich nie stolz war — aber noch nie habe ich mich so geschämt wie jetzt.“

 


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