Kommentar
Fussball-EM: Türkei-Spiele waren eine Offenbarung

Als Underdog und zweitjüngste Mannschaft in die Fussball-Europameisterschaft 2024 gestartet, legten die Türken eine sagenhafte Leistung an den Tag und eroberten blitzartig die Herzen der Zuschauer. Weltweit sprechen die Kommentatoren von Wunder, Traum, Magie, Mythos, Rausch und Ekstase.

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Ein Gastkommentar von Çağıl Çayır

Als Underdog und zweitjüngste Mannschaft in die Fussball-Europameisterschaft 2024 gestartet, legten die Türken eine sagenhafte Leistung an den Tag und eroberten blitzartig die Herzen der Zuschauer. Weltweit sprechen die Kommentatoren von Wunder, Traum, Magie, Mythos, Rausch und Ekstase.

Gleich das erste Tor der Türkei wurde als schönster Treffer der ersten Spielrunde ausgezeichnet. Die UEFA-Trophäe geht an Mert Müldür, dessen Name übersetzt so viel wie „Der Held ist klar“ heißt.

Auch das allseits gefeierte Wunderkind Arda Güler wurde seinem Namen gerecht. Sein EM-Debüt-Tor wurde zum drittschönsten Treffer der ersten Spielrunde gewählt. Damit brach der 19-Jährige zugleich den Rekord von Cristiano Ronaldo als jüngster EM-Debüt-Schütze.

Den Rekord für das schnellste Tor in einem EM-K.-o.-Spiel holte der Verteidigungsspieler Merih Demiral, der in 57. Sekunde das 1:0 gegen Österreich erzielte. Für seine überragende Leistung im eigenen und gegnerischen 16-Meter-Raum wurde Demiral zudem als Spieler des Spiels ausgezeichnet.

Auch der türkische Torhüter Mert Günok avancierte nach einer epischen Parade zum Helden, für den selbst seine Gegner schwärmen. Der Trainer der österreichischen Nationalmannschaft Ralf Rangnick vergleicht Günok mit der englischen Torhüterlegende Gordon Banks.

Indem sie ihre Mannschaft von Anfang bis Schluss lautstark unterstützten, entfachten auch die türkischen Fans eine sagenhafte Kulisse für die Europa-Meisterschaft. Dabei konnte sich wohl niemand der strahlenden Energie der türkischen Nationalmannschaft entziehen.

Durch ihre brennende Leidenschaft, Disziplin und Freundlichkeit sorgten die türkischen Spieler weltweit für eine Sensation. Sie begeisterten alle Menschen, unabhängig von Alter, Herkunft, Religion und politischer Anschauung oder Überzeugung. Selbst Skeptiker und Gegner der türkischen Nationalmannschaft wurden zur tiefsten Bewunderung bewegt. Die Spieler der Niederlande sehnten sich sogar danach in den türkischen „Hexenkessel“ zu steigen. Der niederländische Angreifer Donyell Malen sagte gegenüber EURO2024.com:

„Sie sind kein leichter Gegner. Sie spielen mit viel Leidenschaft, ihre Fans sind ebenfalls leidenschaftlich. In Berlin werden viele dabei sein, das ist fantastisch. Das ist einer der Gründe, aus denen du Fußballer wirst, um in solchen Spielen zu spielen.“

Trotz ihrer plötzlichen Niederlage gegen die Niederlande bescherten die Türken dem Turnier insgesamt ein gemeinschaftliches Erlebnis, das wie eine Offenbarung wirkte und zur gegenseitigen Achtung, Anerkennung und Wertschätzung wie auch zu Bewunderung und Neugier inspirierte. Dies ist auch der eigentliche Sinn der Europameisterschaft. Nämlich die Förderung der Völkerverständigung. Hierzu trugen die Türken für alle spürbar bei.

Gekrönt wurde die engelhafte Leistung der Türken mit einem archaischen Jubel, den die meisten Zuschauer vorher noch nicht kannten. Denn Demiral, der exzessive Verteidiger und Doppeltürschütze, der selbst zum Spieler des Spiels gegen Österreich gekrönte wurde, feierte seinen spektakulären Erfolg mit zwei unscheinbaren Handzeichen, die jetzt Epoche machen.

Sein Jubel war in Europa bisher nur als parteipolitisches Symbol bekannt. Dabei machen in der Türkei selbst oppositionelle Parteien und Politiker das Handzeichen. Darüber hinaus ist das Motiv nicht nur in der türkischen Politik, sondern seither in der türkischen Popkultur und bei allen Turkvölkern beliebt. Dabei geht es um die Ursprungslegende der Türken, die demnach ähnlich wie Romulus und Remus von einer himmlischen Wölfin gerettet wurden.

Die römische Wölfin auf dem Emblem der Olympischen Spiele von 1960 in Italien. Quelle: Internationales Olympisches Komitee

Tatsächlich wurde die römische Wölfin einst vom italienischen Diktator Benito Mussolini politisch vereinnahmt, doch schmückte sie noch das Emblem der Olympischen Spiele in Italien im Jahr 1960 und ist sie immer noch ein beliebtes Motiv in der Popkultur. Indessen wurde die türkische Wölfin berühmter als die römische. Dabei haben beide Legenden wohl denselben Ursprung? Die Diskussion ist wichtig, um Vorurteile und Irrtümer aufzuklären und die Völkerverständigung zu fördern.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


Autor

Çağıl Çayır studierte Geschichte und Philosophie an der Universität zu Köln und ist als freier Forscher tätig. Çayır ist Autor von „Runen in Eurasien. Über die apokalyptische Spirale zum Vergleich der alttürkischen und ‚germanischen‘ Schrift‘“ und ist Gründer der Kultur-Akademie Çayır auf YouTube. Seine Arbeiten wurden international in verschiedenen Fach- und Massenmedien veröffentlicht.

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