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Istanbul: Ein riesengroßes Herz für alle und jeden

Meine Familie zog vor einigen Jahren aus beruflichen Gründen in eine andere Region der Türkei, aber jedes Mal wenn wir wieder hier sind, fühlt man sich, als ob man niemals weggewesen wäre. 15 Millionen Menschen und trotzdem eine sehr hohe Lebensqualität? Aber sicher; schauen Sie doch einfach einmal vorbei, Sie sind herzlich willkommen!

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(Symbolfoto: pixa)

Von Klaus Jurgens

Istanbul – 15 Millionen Einwohner, trotzdem sehr hohe Lebensqualität

Oder gerade deswegen! So könnte man diesen Artikel auch betiteln, denn genau die Tatsache, dass hier so viele Menschen vereint unter einem Großstadt-Dach leben, macht die Perle am Bosporus zu einer der interessantesten, und wenn ich bereits zu Anfang einen persönlichen Kommentar einfügen darf, lebenswertesten Metropolen dieser Erde.

Aber habe ich da nicht etwas übersehen? Verkehrsstaus und Schneckentempo, überfüllte U-Bahnen und Busse, überteuerte Restaurants in den Tourismusecken, immer viel Lärm? Na, sind wir doch einmal ehrlich zu uns selbst: Wer jemals auf dem Pariser Champs Elysées zur Stoßzeit mit dem Auto unterwegs war oder zur falschen Zeit auf der M25 versuchte, rasch London zu umfahren, weiß, wovon ich spreche.

Bleiben wir noch etwas in der britischen Hauptstadt: Haben Sie schon einmal an der Station Holborn so etwa gegen 17.30 Uhr Ortszeit versucht, die erste Tube zu erwischen? Pech gehabt, lange Schlangen und Gedränge überall. Und erinnern Sie sich noch an das Top-Restaurant in Venedig, wo von einem Hundert-Euro-Schein nur ein wenig Wechselgeld übrig blieb, nachdem man die Rechnung für zwei Portionen Spaghetti und zwei Glas Hauswein bezahlt hatte? Und leise ist es eigentlich nirgendwo, es sei denn, Sie erklimmen steile Berge oder bevorzugen Wattwandern.

Ich möchte mich nicht lustig machen, sondern wollte nur zu meinem eigentlichen Thema hinleiten: Istanbul hat genau wie alle anderen Metropolen dieser Welt seine Schattenseiten, aber um im selben Bild zu verweilen, insgesamt betrachtet gibt es hier in der Tat weitaus mehr Licht als anderswo. Denn hier wird alles so viel leichter ertragbar! Wie komme ich zu diesem Schluss? Istanbul ist einfach bezaubernd, ist atemberaubend schön. Und mit ein wenig Übung verzichtet man eben diskret auf die wenigen Touristenfallen oder die ärgste Rush Hour und Bingo – jetzt lebt man wie ein Einheimischer, und dann wird Istanbul eben noch lebenswerter (und liebenswerter!).

Lassen Sie mich deshalb drei Themen ansprechen, die Neuankömmlingen oder Kurzzeitbesuchern kaum auffallen mögen; alle drei sind aber extrem bedeutsam, um Istanbul Stück für Stück besser zu verstehen.

Erstens, die Stadt ist zweigeteilt. Nein, nicht nur durch den Bosporus, das natürlich auch. Worauf ich hinaus möchte, ist, dass man hier entweder auf der einen oder eben auf der anderen Seite wohnt. Mit dem Bosporus in der Mitte. Unter ihren Miteinwohnern wird man selten das Wort ‚asiatische Seite‘ vernehmen, das ist ein westliches Cliché. Hier sagt man ganz einfach ich lebe auf der europäischen, oder der anatolischen Seite. Beide Seiten haben ihre Vorzüge, sei es Wohnraum-Preis-Leistungs-Verhältnis oder die Entfernung zu ihrer Arbeitsstelle, Schule oder Universität.

Manche leben aus Tradition immer im selben Stadtteil, jüngere Generationen bevorzugen modernere Nachbarschaften. Mir persönlich gefielen die ‚Alte Elite‘-Nachbarschaften auf der anatolischen Seite nahe dem Bosporus weniger, da meine politische Meinung eher zukunftsorientiert, in Richtung moderne und heutige Türkei ausgelegt war und ist. Das rührt ja automatisch von meinem Beruf her, dass man eben auch abends oder am Wochenende über Politik nachdenkt oder zwischen den Zeilen seiner Mitmenschen liest sozusagen.

Aber für alle, die hoffentlich ‚normale‘ Berufe ausüben, spielt das alles gar keine Rolle und egal auf welcher Seite Sie leben – überall ist es lebenswert und die Wohnqualität ist beispielhaft: 3-Zimmer-Standard, alles sauber und einladend, möbliert oder nicht, mindestens ein Balkon oder eine Terrasse, Hausmeister oder Sicherheitsfirma, eventuell Garage oder Stellplatz, öffentliche Verkehrsmittel meistens nur ein paar Minuten entfernt… und das alles auch noch bezahlbar!

Zweitens braucht man in Istanbul eigentlich kein Auto. Das schont die Umwelt und verringert die Staus ebenso. Und was viele einem kaum glauben: Man kann die Innenstadt perfekt zu Fuß kennen und lieben lernen. Man muss halt nur die öffentlichen Verkehrsmittel (oder privaten Minibusse oder Fähren) geschickt in seinen Laufplan mit einbauen. Mit der immer wieder aufladbaren Istanbulkart ist das darüber hinaus sehr einfach.

Von der anatolischen Seite per Unterwasser-Bahn Marmaray zuerst nach Sirkeci und dann zu Fuß nach Eminönü, dann über die Galata Brücke und später hoch hinaus auf den Galata Turm – ganz Istanbul liegt Ihnen vor den Füssen. Unbeschreiblich faszinierend, und sie tauchen ein, sie atmen so richtig Istanbul, die Weltmetropole. Fast sollte man Frank Sinatra‘s Hymne an New York ein wenig modifizieren und sagen ‚if you can make it here…‘

Und drittens, es ist hier absolut multikulturell. Sie bevorzugen ein stilles Plätzchen unter Einheimischen, wo kein einziger Tourist zu sehen ist? Oder Sie sind ein Anhänger der Expat-Szene? Sie wollen sich voll integrieren, ohne assimilieren zu müssen? Sie akzeptieren die Türkei und Istanbul, so wie sie eben ist? Dann werden Ihre neuen Nachbarn und Mitbürger Sie mit offenen Armen willkommen heißen. Ob aus Augsburg oder Atlanta, ob aus Zell am See oder Zürich; egal ob jung oder alt, alleine oder verheiratet, mit oder ohne Kinder; egal welche Religion oder Hautfarbe. Istanbul ist riesengroß, aber hat auch ein riesengroßes Herz für alle und für jeden.

Es kann solidarisch auftreten oder etwas versnobt wie jede andere Weltstadt, aber was einen immer wieder beeindruckt, ist diese ansteckende Lebensfreude, diese Motivation, immer weiter zu gehen, dieser Ehrgeiz, dieser Elan, dieses Flair.

Meine Familie zog vor einigen Jahren aus beruflichen Gründen in eine andere Region der Türkei, aber jedes Mal wenn wir wieder hier sind, fühlt man sich, als ob man niemals weggewesen wäre. 15 Millionen Menschen und trotzdem eine sehr hohe Lebensqualität? Aber sicher; schauen Sie doch einfach einmal vorbei, Sie sind herzlich willkommen!

 

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Klaus Jurgens

Klaus Jurgens – London School of Economics Postgraduate Degree Government. Vormals Uni-Dozent Ankara, Schwerpunkt BWL und KMU. Über zehn Jahre vor Ort Erfahrung Türkei. Zur Zeit wohnhaft in Wien. Politischer Analyst und freiberuflicher Journalist.

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