Kommentar
Türkische Fachkräfte für ein alterndes Europa

Im Rahmen einer Veranstaltung bei der Wirtschaftskammer Österreich WKÖ sprach er am vorigen Montag ‚on the record‘ zur Frage ‚Migration nach Europa, Mobilität in Europa‘. Eine seiner brisanten Überlegungen war ob - und wenn ja warum - ‚Europa ergraut‘.

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Von Klaus Jurgens

Europa ergraut, Türkei verjüngt sich: Fakt oder Fiktion?

Der erste Teil meines heutigen Titels stammt von Dr. Rainer Münz vom European Political Strategy Centre (EPSC) der Europäischen Kommission in Brüssel. Der einflussreiche Vertreter dieser hausinternen EU-Denkfabrik besuchte kürzlich die österreichische Hauptstadt Wien.

Im Rahmen einer Veranstaltung bei der Wirtschaftskammer Österreich WKÖ sprach er am vorigen Montag ‚on the record‘ zur Frage ‚Migration nach Europa, Mobilität in Europa‘. Eine seiner brisanten Überlegungen war ob – und wenn ja warum – ‚Europa ergraut‘. Der andere Teil der Überschrift stammt aus meiner kommentierenden Feder, um sein hoch interessantes Thema im zweiten Teil meines Artikels in einen Bezug zur Türkei zu stellen, denn solche Stellungnahmen hört man ja des Öfteren, aber stimmen sie wirklich? Stimmt es also, dass die Türkei sich verjüngt, während Europa älter wird, bevölkerungstechnisch gesprochen?

Aus der Sicht Europas waren das natürlich quasi die schlechten Nachrichten, nicht die Verjüngung der Türkei natürlich, falls dieser Begriff zutrifft, sondern die Lage in der EU selber. Nun kommt die gute Meldung: die EU-Kommission ist dabei, sich um diese Situation zu kümmern. Aber das Thema Bevölkerungswachstum ist ja nur eine Seite dieser Medaille. Sollten heutige Trends anhalten, würde ein verknüpfter Tagesordnungspunkt wohl noch viel bedeutender: wie kann Europa seinen offensichtlichen Fachkräftemangel beheben und zugleich die Jugendarbeitslosigkeit erfolgreich bekämpfen?

Also mittelfristig weniger Arbeitssuchende bedingt durch die abnehmenden Bevölkerungszahlen, aber in vielen EU Staaten eine ansteigende Jugendarbeitslosigkeit, sowie ein Mangel an Fachkräften? Ein Dreifach-Paradoxon!

Oder eventuell doch kein Paradoxon? Denn wie ein weiterer Redner in derselben Diskussion darlegte, gibt es eine klare Relation zwischen Fach- und Führungskräftemangel und anhaltender Arbeitslosigkeit. Dr. Klaus Zimmermann, Präsident der Global Labor Organisation GLO, sagte dass ohne Fachkräfte und Management auch keine neuen Arbeitsplätze geschaffen würden. Also Investitionen in neue Fachkräfte zuerst, dann die (Jugend-)Arbeitslosigkeit, die in einigen EU-Staaten bei 50 Prozent (!) liegt, drastisch reduzieren?

Interessante Diskussionspunkte, um es vorsichtig auszudrücken. Mit etwas mehr journalistischem Elan gesagt, scheinen bei der EU die Alarmglocken zu läuten, da die Geburtenraten weiter zurückgehen und die Babyboomer-Generation allmählich aber sicher bald in Rente geht. Und es gab eben niemals einen zweiten Babyboom in Westeuropa!

Was mich besonders positiv berührte beim Thema Arbeit und Arbeitslosigkeit war die Tatsache, dass die EU-Kommission allem Anschein nach eine Kehrtwendung vom reinen Verwalten hin zu einer viel pro-aktiveren Arbeitsmarktpolitik anstrebt. Das ist umso mehr von Bedeutung, da viele dieser Sachfragen in der Zuständigkeit der EU-Mitgliedsstaaten liegen. Wer sich also hier in Brüssel politisch zu weit herauslehnt, könnte bald von einigen Hauptstädten basierend auf gültigem EU-Recht zurückgepfiffen werden. Um nur zwei Punkte zu nennen: Mindestlöhne; Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigungen.

Aber ist es nicht richtig, dass die EU-Kommission nicht nur die Hüterin der EU-Verträge ist, sondern auch eine politikgestaltende Initiativfunktion innehat? Also warum nicht einmal forsch etwas fordern und den nationalen Arbeits- und Sozialministerien den Weg vorgeben?

Nun zum zweiten Teil meines Beitrages: Besonders da wir in der Türkei weiterhin ein anhaltendes Bevölkerungswachstum sehen, verbunden mit einem Durchschnittsalter von nur 29.9 Jahren (verglichen mit zum Beispiel dem in Deutschland, welches bei 45.8 Jahren liegt; Quelle: de.statista.com), sollte die EU-Kommission nicht nur intern nach Lösungen schauen, sondern vor allem in Richtung Türkei. Eventuell könnte hier sogar ein ganz schön großer Teil der Problembewältigung beginnen.

Da ist erstens die immer weiter steigende Kaufkraft der türkischen Mitbürgerinnen und Mitbürger im eigenen Lande, aber auch in Deutschland. Das heißt: die Türkei ist ein äußerst wichtiger Exportmarkt für deutsche Unternehmen und könnte an Bedeutung noch mehr zunehmen. Das heißt auch: Unternehmen können mehr Personal einstellen hier in Deutschland.

Zweitens sind da die Direktinvestitionen in die Türkei, die natürlich vor Ort Arbeitsplätze schaffen.

Hinzu kommt drittens ein sehr gutes Ausbildungsniveau in der modernen Türkei mit dem Trend zur Uni sozusagen. Aber auch im (dualen) beruflichen Umfeld gibt es hochkarätig ausgebildete Fachkräfte, womit wir wieder beim ursprünglichen Thema sind.

In Deutschland und vielen EU-Staaten gibt es einen Fachkräftemangel, in der Türkei zur Zeit nicht. Wäre es nicht schön, wenn hochausgebildete türkische Menschen für einige Zeit in Europa und Deutschland arbeiten, um diese Situation zu beheben, um Erfahrung im Ausland zu sammeln, aber dann eines Tages wieder in ihre Heimat zurückzukehren und dort bei der weiteren Modernisierung bereitzustehen?

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch – ich sage nicht, die Türkei solle erneut zum Gastarbeiterentsendeland werden. Im Gegenteil: die moderne Türkei ist ein extrem erfolgreicher Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort und lockt ausländische Arbeitskräfte an, nicht umgekehrt! Aber ein anderer Ausspruch von Dr. Zimmermann blieb mir auch im zuhörenden Wiener Ohr verhaftet: er sagte‚ ,Kapital bewegt sich, Ideen bewegen sich, aber auch die Menschen müssen sich bewegen‘.

Erhöhte berufliche Mobilität zwischen Europa und der Türkei könnte neue Brücken der bilateralen Freundschaft aufbauen. Die wissensorientierten Volks- und Marktwirtschaften beider Partner würden noch enger aneinanderrücken. Mehr Investitionen stimulieren den Arbeitsmarkt und reduzieren Arbeitslosigkeit. Fachkräfte aus der Türkei nach Europa, Investitionen aus Europa in die Türkei. Oder Investitionen aus der Türkei nach Europa und Arbeitssuchenden aus Europa in der Türkei Zugang zum dessen Arbeitsmarkt erleichtern. Ein Geben und Nehmen, vielleicht eine neue Ära der Zusammenarbeit?

Herausforderungen und Chancen der europäischen Arbeitnehmerfreizügigkeit hieß Dr. Zimmermanns Impulsreferat. Zusammen mit Dr. Münz’ Keynote in der Tat viel Stoff, um weiter über dieses heiße Thema um nachzudenken.

 

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Klaus Jurgens – London School of Economics Postgraduate Degree Government. Vormals Uni-Dozent Ankara, Schwerpunkt BWL und KMU. Über zehn Jahre vor Ort Erfahrung Türkei. Zur Zeit wohnhaft in Wien. Politischer Analyst und freiberuflicher Journalist.

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