Putschversuch in der Türkei
Kommentar: Meine Beobachtungen bei „Andenken an die Helden des 15. Juli“

"Der Minister trat zu seiner Rede an. Er begrüßte die deutschen Medienvertreter, unterstrich die Wichtigkeit der Deutsch-Türkischen Beziehungen und wechselte plötzlich zu einem makellosen Deutsch. Jubel unter den Gästen. Er war einer von uns. Ein Deutschland-Türke, in Siegen geboren, in Deutschland zur Schule gegangen."

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Meine Beobachtungen beim gestrigen Besuch der Veranstaltung „Andenken an die Helden des 15. Juli“ in Köln.

Von Mehmet Alparslan Celebi

Gemeinsam mit einem Freund bin ich aus Frankfurt angereist. Da wir eine Stunde zu früh waren haben wir uns in ein Kaffeehaus neben dem Veranstaltungsraum gesetzt. Ein Wagen des WDR und zahlreiche Kameramänner und Reporter hiesiger Medien waren vertreten und warteten ebenfalls auf den Einlass. Sie stoppten zunächst über 10 Personen und fragten sie zu der heutigen Veranstaltung und womöglich noch weitere Punkte, die ich allerdings nicht mithören konnte

Plötzlich gab es eine Aufregung unter den Kameramännern. Etwas war im Kommen, was die unspektakulären Antworten der Passanten in den Schatten stellen würde. Die Kameras drehten nach links ab. Ein Mann mit langem Bart und eine verschleierte Frau, beide im Alter von ca. 65 Jahren waren auf dem Weg zur Veranstaltung. Das Ehepaar war einfach gekleidet, sie schienen das Klischee eines Erdogan-Anhängers zu erfüllen. Alt, einfach, konservativ.

Dabei ging es eigentlich gar nicht um Erdogan. Vor dem Eingang standen Jugendliche die aus Belgien angereist waren. Sie hatten „Evet“ also „Ja“ Flyer in der Hand und wollte diese im Saal verteilen. Der Veranstalter hat dies jedoch untersagt. Der Veranstalter sagte mir später, aus Respekt vor den Gefallenen und Überlebenden des 15. Juli die heute anwesend waren und von denen einige keine AKP oder MHP Wähler waren, aber vor alles aus Respekt, so der Veranstalter, vor diesem Tag, an dem alle Menschen ihren politischen Mantel abgelegt und für die Einheit des Landes ihr Leben gegeben haben. Von der Ansprache war ich sichtlich berührt, dennoch war ich gespannt den Überlebenden in die Augen zu blicken und ihre Story zu hören.

Dann der Einlass. Die Menschen nahmen Platz und warteten auf Cagatay Kilic, den Minister für Jugend und Sport. Rechts auf der Loge hatten sich auch die Medienvertreter aufgestellt. Ich wusste nicht, was mich erwartet, daher war ich angespannt würde ich sagen. Wie würde dieser Abend erzählt werden? Würde es einen reißerischen Artikel geben? Würde man den Abend instrumentalisieren um doch für die bevorstehende Wahl zu werben? Cagtay Kilic betrat gemeinsam mit seiner Gattin über die Bühne den Saal. Die Menschen standen auf und klatschten.

Der Moderator leitete das Programm ein und stellte die Gäste einzeln vor. Einige der über 2500 Verletzten des 15. Juli waren anwesend, drei von ihnen würden ihre Geschichte erzählen. Und dann wurden die Eltern eines jungen Gefallenen des 15. Juli aufgerufen. Dem jungen Mann (23), der ohne zu zögern auf die Straße ging, ohne eine Waffe, nur mit seinem Glauben an eine freie Türkei, wurde der Kopf durch eine Medium Caliber Munition eines Kampfhubschraubers abgetrennt.

Die Eltern standen auf. Es war das Ehepaar, welches vor dem Programm die Aufmerksamkeit der Kameramänner auf sich gezogen hatte. Alt, einfach, konservativ. Nein. Sie waren jung, lebendig, stolz und mit sich selbst im Reinen. Ich blickte zu den Kameramännern, sie waren am Lachen. Wahrscheinlich wegen einem anderen Thema. Die Message haben sie nicht bekommen.

Der Minister trat zu seiner Rede an. Er begrüßte die deutschen Medienvertreter, unterstrich die Wichtigkeit der Deutsch-Türkischen Beziehungen und wechselte plötzlich zu einem makellosen Deutsch. Jubel unter den Gästen. Er war einer von uns. Ein Deutschland-Türke, in Siegen geboren, in Deutschland zur Schule gegangen.

Er appellierte an die Medienvertreter, ihr Herz für die Erzählungen aus erster Hand zu öffnen. Er betonte, dass dies keine Wahlveranstaltung ist. Und ja, bis zum Ende ist man dem treu geblieben. Ich blickte wieder zu den Medienvertretern, sie waren am Einpacken. Es gab nichts zu holen, kein Populismus, kein Fauxpas was man medial hätte ausschlachten können, AKP-Funktionär der den 15. Juli womöglich verzerrt wiedergeben würde.

Nur 3 Zeitzeugen, eine junge Dame, die ihren Mann verlor, einen jungen Karatekämpfer der Nationalmannschaft, dem die Knie weggeschossen wurden und einen wahren Löwen, der beim Versuch den General der türkische Armee zu retten (ja wirklich) mit zwei Schüssen niedergestreckt wurde. Aber all das konnten die Medienvertreter nicht hören, denn sie gingen nach der Rede des Ministers. Schade.

 

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