„Migration ist gut für Europa“
Historiker: „Europas Angst vor Migranten ist absurd“

Während viele europäische Länder Maßnahmen zur maximalen Eindämmung der Migrations- und Flüchtlingsströme ergriffen haben, vertritt Karpat die Auffassung, dass die Migration doch ein positives Phänomen für die Gesellschaft sei.

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„Mein ganzes Leben lang war ich ein Migrant“

Istanbul (nex) – Der 91-Jährige, der 1924 in Rumänien zur Welt kam, aber sein ganzes Leben in der Türkei und den USA verbrachte, ist ein renommierter Wissenschaftler und Autor von mindestens einem Dutzend Büchern über die Geschichte des Osmanischen Reichs und Politikwissenschaft.

„Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, 100 Prozent nur in einem Land zu leben“, erklärt Karpat, der an zahlreichen US-amerikanischen Universitäten als Dozent für Sozialwissenschaften tätig war. New York University, Princeton, Harvard, John Hopkins University und Columbia sind nur einige davon.

„Überall, wohin ich gehe, ist Zuhause und doch ist gleichzeitig keins davon Zuhause“, fügt er hinzu.


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„Aber wenn Sie mich fragen, nun, ich fühle mich in jedem Land zuhause, in dem ich lebe“, unterstrich Karpat am vergangenen Mittwoch auf einer Konferenz an einer Istanbuler Universität. „Ich gehe nach Rumänien, meinem Geburtsort, und fühle mich dort zu 100 Prozent zuhause. Einen Tag später komme ich in der Türkei an und vergesse, dass ich zuvor woanders gelebt hatte.“

Während viele europäische Länder Maßnahmen zur maximalen Eindämmung der Migrations- und Flüchtlingsströme ergriffen haben, vertritt Karpat die Auffassung, dass die Migration doch ein positives Phänomen für die Gesellschaft sei.

„Grundsätzlich ist Migration gut für Europa, weil sie Europa Arbeitskräfte liefert“, so Karpat. „Die Bevölkerung Westeuropas schrumpft oder wächst nicht stark genug, um den Arbeitskräftebedarf zu decken. Deutschland hat eine Million Flüchtlinge aufgenommen – warum? Weil Deutschland Arbeitskräfte braucht.“

Karpat nennt Beispiele für Erfolgsgeschichten von Menschen mit Migrationshintergrund wie den reichsten Mann der Welt, Carlos Slim, einen mexikanischen Geschäftsmann, dessen Vater aus dem Libanon stammte oder den Apple-Gründer Steve Jobs, der Sohn eines syrischen Einwanderers war.

2015 machten sich immer mehr Migranten, zumeist Syrer, die vor Krieg und Verfolgung flohen, auf den gefährlichen Weg nach Europa, das infolgedessen derzeit die schlimmste Flüchtlingskrise seit dem Zweiten Weltkrieg erlebt.

„Europa war darauf nicht vorbereitet, eine so große Zahl Menschen innerhalb so kurzer Zeit aufzunehmen“, meint Karpat.

Im Februar dieses Jahres warnte der EU-Kommissar für Migration, Dimitris Avramopoulos, davor, dass der Schengen-Raum komplett zusammenbrechen werde, wenn die 28 Mitgliedsstaaten keine Maßnahmen zur Eindämmung der Migrations- und Flüchtlingsströme ergriffen.

„Anstatt die Fehler und Mängel zu erkennen und entsprechende Maßnahmen zu deren Behebung zu ergreifen, hat Europa eine migrations-, islam- und fremdenfeindliche Kampagne gestartet“, betont Karpat in Bezug auf das Erstarken der rechtsextremen, ausländerfeindlichen Parteien quer durch Europa.

Karpat weist auf die Angst in Europa hin, dass eine wachsende Zahl an Einwanderern seine soziale Ordnung, Sitten und Traditionen durcheinanderbringen werde.

Diese Angst sei absurd, sagt er, weil die eine Million Migranten, die 2015 nach Europa gekommen seien, im Vergleich zu den 700 Millionen Einwohnern Europas eine verschwindend kleine Zahl darstellten.

„Leider ist es jedoch ein menschliches Phänomen, dass Neuankömmlinge von den alten Mitgliedern einer alten Bevölkerung immer misstrauisch beäugt werden“, schloss Karpat.

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