#dankeschöndeutschland
Medien: Türken bedanken sich bei Deutschland

Wie deutsche Medien heute berichten, bedanke sich fast das gesamte türkische Volk, von Ardahan im Osten bis Istanbul im Westen, über Twitter für die Terrorwarnung bei Deutschland. Die türkische Bevölkerung traue der deutschen mehr als der eigenen Regierung.

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Istanbul (nex) – Wie deutsche Medien heute berichten, bedanke sich fast das gesamte türkische Volk, von Ardahan im Osten bis Istanbul im Westen, über Twitter für die Terrorwarnung bei Deutschland. Die türkische Bevölkerung traue der deutschen mehr als der eigenen Regierung. Wenn man nach den deutschen Headlines geht, könnte man meinen, die Türken hätten schon ihren Fez gegen einen Seppelhut eingetauscht und sängen die deutsche Nationalhymne.

In der autochthonen Bevölkerung auf bundesdeutschem Gebiet kamen die Meldungen natürlich sehr gut an. Allein der „Welt“- Artikel von Deniz Yücel wurde gleichsam wie in einem Rauschzustand über 2000 Mal geteilt. Endlich bedankte sich der Türke auch mal. Der Grieche Lukas Axiopoulos berichtet in einer Videomeldung auf N24, dass der Hashtag in der Türkei „die Runde macht“.

Deniz Yücel, der auf einer Pressekonferenz mit dem türkischen Premierminister behauptet hatte, die Türkei sei bezüglich der Pressefreiheit weltweit auf dem 195. Platz, obwohl es, wie Davutoglu anschließend richtig darauf hinwies, nur 193 Staaten gibt, schreibt in einer Meldung auf „Die Welt“: „Viele Türken trauen Deutschen mehr als eigener Regierung“. Ihrer eigenen Regierung trauten die Türken hingegen gar nicht mehr. Im Hashtag #dankeschöndeutschland drücke sich ein tiefes Misstrauen der Bevölkerung gegenüber der Regierung aus und das komme laut Yücel nicht von ungefähr.

Mit Nachrichtensperren, die inzwischen routinemäßig verhängt würden, Sperrungen sozialer Medien und fehlerhaften oder haltlosen Erklärungen habe die Regierung selbst für dieses Misstrauen gesorgt. Die meisten deutschsprachigen Medien teilten allerdings nur einen einzigen Tweet, nämlich den einer „Ayse Sarp“, die – nach ihren bisherigen Tweets zu urteilen – auch vor dem Anschlag in Istanbul nicht gerade zu den größten Fans der jetzigen Regierung zu gehören schien.

(Foto: Twitter)
(Foto: Twitter)
(Foto: Twitter)
(Foto: Twitter)

Unsere Reporter vor Ort in der Türkei oder auch hier in deutschen Städten mit großer türkischer Bevölkerung haben ebenfalls eher den Eindruck, sie seien nicht die einzigen, die von dem angeblichen Phänomen – deutschen Medien zufolge sogar Massenphänomen –  #dankeschöndeutschland noch nichts mitbekommen hatten.

Im Gegenteil fanden es Türken sehr suspekt, dass Deutschland nur ein paar Tage vor dem Attentat schon seine Botschaften und Schulen schließen ließ und große Medien wie der Spiegel ihre Mitarbeiter wie Hasnain Kazim, die zuvor viele Jahre in der Türkei tätig gewesen waren, fast schon in einer Nacht- und Nebelaktion ausfliegen ließen. Die Türken wiesen auch darauf hin, dass in Ländern wie Frankreich, Belgien oder England schon beim kleinsten Hinweis auf mögliche Anschläge der Ausnahmezustand ausgerufen wird und Straßen von schwer bewaffneten Einheiten der Sicherheitsbehörden patrouilliert werden.

Vielmehr ist den Türken in der Türkei ebenso wie hier klar: Eine Verhinderung solch feiger Anschläge ist in einem freien Land kaum möglich, das geht nur in einem Polizei- oder Militärstaat unter totaler Kontrolle des zivilen Lebens, so ein Taxifahrer im Istanbuler Stadtteil Sirkeci. Offenbar ist Deniz Yücel auch der Auffassung, die türkische Bevölkerung würde Terrorwarnungen der türkischen Behörden nicht vertrauen, weil es in der Türkei ja kaum so etwas wie terroristische Risiken gebe, gleichzeitig aber trotzdem gerne im Detail vor geplanten Terroranschlägen gewarnt würden, damit man den Gang zum Bäcker danach ausrichten könnte.

Nun hatte es die Terrorwarnungen aus unterschiedlichsten Quellen gegeben, türkischen und ausländischen, und die „Welt“ selbst schrieb von einer „konkreten Warnung aus türkischen Behörden“, die der deutschen Botschaft übermittelt worden sei. Die Vielzahl der Terroranschläge der letzten Wochen und die Häufigkeit der Warnungen, die einen Overkill befürchten ließen, der dazu führen würde, dass die Bevölkerung zunehmend beginnen würde, wegzuhören, und diese ignorieren könnte, machten jedoch ebenso wie die ermittlungstaktischen Erwägungen der Sicherheitskräfte ein gewisses Fingerspitzengefühl erforderlich.

Die Türkei ging dabei immerhin nie so weit, bezüglich einer Terrorwarnung zu erklären, dass „ein Teil der Antworten […] die Bevölkerung verunsichern“ würde. Aber es ist – übrigens nicht nur in der Türkei – auch nicht unbedingt üblich, Name, letzte bekannte Anschrift und die voraussichtlichen Ziele von Terrorverdächtigen zur Prime Time in den Nachrichten hinauszuposaunen, weil man ja schließlich die Bevölkerung warnen möchte und nicht den potenziellen Attentäter. Der Bevölkerung in der Türkei, die Terror von verschiedenster Seite seit Jahrzehnten erlebt hat und die permanente Gefahr dadurch kennt, ist dies jedoch nicht neu – während etwa in Deutschland mehr als zehn Jahre vergehen mussten, ehe man 2011 herausfand, dass der Rechtsterrorismus mitnichten ein Relikt der frühen 1980er Jahre ist.

Natürlich kann es sein, dass die Schließung der Deutschen Botschaft der Grund war, dass zum Zeitpunkt des Anschlages Gott sei Dank nicht noch mehr Menschen in der Istiklal-Fußgängerzone unterwegs waren. Vielleicht war aber einfach auch die verhältnismäßig frühe Tageszeit an einem Samstag dafür verantwortlich, zu der die meisten noch am Frühstückstisch saßen. Vielleicht auch das bewölkte Wetter? Vielleicht waren es auch attraktive Sonderangebote im Cevahir, die Leute von Istiklal abgezogen haben. Vielleicht war es auch die Verschwörung der Reptiloiden. Aber was es auch immer war:

Dass Deniz Yücel das alles nicht auf dem Radar hatte, zeigt einmal mehr, dass das, was er betreibt, kein Journalismus ist. Insbesondere nicht im Sinne George Orwells, der einst sagte: „Journalismus ist, etwas zu veröffentlichen, von dem andere wollen, dass es nicht veröffentlicht wird. Alles andere ist Propaganda.“

4RFEH – Cruisin‘ for a bruisin‘

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