Flüchtlingstragödie in Bodrum
Warum wir den kleinen Ailan lebend zeigen

Wir wissen um die Wichtigkeit und um die Wirkung von Bildern. Wir haben uns aber am Ende dazu entschieden, das Bild des toten kleinen Ailan am Strand von Bodrum nicht zu publizieren. Wir haben es einfach nicht übers Herz gebracht. Und der kleine Ailan hat es verdient, würdevoll auf seinem letzten irdischen Weg bedeckt, statt klickbringend ausgestellt zu werden.

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Warum wir den kleinen Ailan lebend zeigen

Der kleine Ailan Kurdi (3) lag so am Strand von Bodrum, wie andere Kinder in seinem Alter schlafend, frei von Kummer und Schmerz, geborgen und sicher zu Hause im Zimmer in ihren Bettchen liegen. Der kleine Ailan schlief aber nicht, er lag alleine und tot am Strand. Er ist wie elf andere Flüchtlinge, unter ihnen auch seine Mutter, sein Bruder und drei weitere Kinder, ertrunken. Sein Leben ist zu Ende, noch bevor er seine ersten bleibenden Erinnerungen behalten konnte.

Wir aber werden sein Bild nicht mehr vergessen. Man sieht bei seinem Anblick noch sein eigenes Kind in seinem Alter, das man kurz zuvor noch im Kinderbuggy durch die Stadt gefahren, das man gebadet und dem man zum Klang der Spieluhr die Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen hatte – und empfindet neben tiefer Trauer auch noch eine unbändige, ohnmächtige Wut.

Wut auf die Bedenkenträger, die uns ernsthaft weismachen wollen, die EU als der gleichauf mit den USA reichste Staatenzusammenschluss der Welt wäre nicht in der Lage, ein paar Hunderttausend Menschen zumindest eine sichere Einreise zu ermöglichen – obwohl Europa ohnehin an Überalterung und Bevölkerungsschwund leidet bzw. sowieso nur ein Bruchteil der Flüchtlinge auf Dauer hierbleiben würde.

Wut auf die Krämerseelen, die in einem Land, in dem viele Ausbildungsplätze nicht zuletzt auch deshalb unbesetzt bleiben, weil der zahlenmäßig immer geringere Nachwuchs vielfach gar nicht in ausbildungsfähigem Zustand die Schulen verlässt, monieren, es würden sich zu wenige Akademiker unter den Flüchtlingen befinden. Wer sich unter Lebensgefahr auf den Weg macht, um nicht in stetiger Todesangst leben zu müssen, verspürt auch kein Bedürfnis nach Stagnation, sondern will sich etwas schaffen. Und der kleine Ailan hätte seine Bildungskarriere noch komplett vor sich gehabt, nach oben offen.

Wut auf die Klugschwätzer, die vom gut gepolsterten Stuhl im klimatisierten Büro aus vor einer angeblichen „Idealisierung des Fremden“ warnen und es auch noch als Qualitätsausweis für den „Westen“ betrachten, dass die Flüchtlinge nicht auch noch über das Schwarze Meer nach Russland zu flüchten versuchen, wenn schon die Hoffnung, den wesentlich kürzeren Weg auf eine griechische Insel zu überleben, trügerisch sein kann.

Wut aber vor allem auch auf die Parallelwelt der Politbonzen und Bürokraten in Brüssel, die tagtäglich von irgendwelchen „Werten“ schwätzen, in deren Namen andere Ländern von oben herab schulmeistern und ihnen Zensuren erteilen, aber selbst für den Tod Tausender Menschen verantwortlich sind.

Wir haben innerhalb der Redaktion lange überlegt, ob wir das Bild veröffentlichen sollen, so wie es, nachdem es gestern in den sozialen Medien die Runde gemacht hatte, zahlreiche Medien heute machen werden.

Der „Stern“ hat sich dafür entschieden. Er begründet es mit den Worten: „sein Recht auf ein Leben wurde ihm genommen. Dann hat er zumindest das Recht, noch einmal gesehen zu werden“.

Eine nachvollziehbare Position. Bilder wirken, Bilder sorgen oft erst dafür, dass Menschen reagieren. Hätte die Welt schon vor 1945 den Holocaust in Bildern mitverfolgen können, der Druck auf die Alliierten, durch gezielte Angriffe die Transporte in die Todeslager zu stoppen und den dort Gefangenen zur Flucht zu verhelfen, wäre ungleich größer geworden und möglicherweise hätten Menschen auf diese Weise gerettet werden können. Auch der 11. September brannte sich der Bilder wegen ins Bewusstsein der Weltgemeinschaft ein.

Wir wissen also um die Wichtigkeit und um die Wirkung von Bildern. Wir haben uns aber am Ende dazu entschieden, das Bild des toten kleinen Ailan am Strand von Bodrum nicht zu publizieren. Wir haben es einfach nicht übers Herz gebracht. Und der kleine Ailan hat es verdient, würdevoll auf seinem letzten irdischen Weg bedeckt zu werden, statt klickbringend ausgestellt zu werden. Sein Bild hat sich auch so auf Dauer tief in unser Inneres eingebrannt, als zum Himmel schreiender Ausdruck europäischer Schande. Wir zeigen aber ein Bild, das den kleinen Ailan und seinen Bruder zusammen zeigt, lachend, unbeschwert, so, wie jedes Kind seine Kindheit verbringen sollte. Um zu zeigen, wie eine Welt aussehen würde, an der zu arbeiten unsere Pflicht ist, und dass die Kultur des Todes nicht das letzte Wort haben wird.

 

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