Gastkommentar
Mathematik der Demokratie: Wie die AfD vom System profitiert

Gastkommentar von Michael Thomas: Warum reale Wahlzahlen, Bildungsverfall und Parteienfrust den Nährboden für CDU und AfD schaffen. Eine Analyse.

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Ein Gastkommentar von Michael Thomas

Um sich über Stand, Status und Bedeutung einer rechtsradikalen AfD oder einer nicht viel weniger gefährlichen CDU klarer zu werden, Hinweise darauf zu finden, wo sie vorkommt und in welchem Zahlenspiel sie sich versteckt, genügt ein wenig Mathematik.

Wir und unsere Demokratie

Dann verstehen wir das Modell Demokratie nicht nur besser, sondern erkennen auch, wie es wirkt und arbeitet. Zahlreiche, markige Sprüche relativieren sich dann und werden zum Teil geradezu lächerlich und grotesk, die Wahlverlierer und -Gewinner nach vollzogenen Wahlen so absondern.

Beginnen wir – am Beispiel der Bundestagswahl 2025.

Da gab es insgesamt immerhin 83,3 Millionen Bundesbürger, Babies und Behinderte eingeschlossen. Dass nicht alle auch wahlberechtigt sind, dürfte klar sein. Die Bereinigung der Gesamtzahl bringt 60,51 Millionen Wahlberechtigte.

Aus für mich tatsächlich unerfindlichen Gründen aber schaffte es nicht jeder, sich in diesem bedeutsamen Wahljahr die zehn Minuten an der Wahlurne abzuknappsen und „nur“ 49,5 Millionen (82,5%) haben auch gewählt. Diese Wahlbeteiligung wurde aufgrund erheblich niedrigerer Daten bei vorangegangenen Wahlen als „Rekord“ bezeichnet.

Also fanden 11,01 Millionen aller wahlberechtigten Bundesbürger irgendetwas vordringlicher, entspannender oder amüsanter als ihre Pflicht, das Schicksal für über 80 Millionen ihrer Mitbürger mit zu entscheiden.

Immerhin beinahe jeder Sechste in etwa.

Wenn gesagt wird: „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus!“ (Artikel 20, Grundgesetz), dann hat das offenbar ein guter Teil der Bevölkerung nicht verstanden – denn so hat nur etwas mehr als die Hälfte aller Bundesbürger ein Votum abgegeben.

Nicht gut für eine Demokratie!

Aber weil eine nicht abgegebene Stimme auch eine ist, MUSS sie meiner Meinung nach betrachtet und in jedes Zahlenspiel eingerechnet werden.

Denn daraus ergibt sich, dass die CDU mit den „behaupteten“ 28,2 Prozent aller Stimmen tatsächlich nur 23,3 Prozent auf sich versammelt hat.

Das bedeutet, dass nur etwa jeder Vierte aller Bundesbürger eine CDU gewählt hat.

Nur die Mathematik und Gesetzgebung schützt die CDU vor dem Vorwurf der Lüge, eine „Mehrheit“ errungen zu haben – grundlegende Staatsphilosophie und das „System Demokratie“ nach seiner Idealvorstellung jedoch nicht.

Nun sind wahlmanipulatorische Anstrengungen bestens bekannt. So hegt und pflegt die CDU seit Jahrzehnten besonders die Alten, sie beglückt sie mit Kaffee- und Kuchenschlachten und fährt sie an Wahlsonntagen mit Bussen zur Urne.

Dazu kommt das Heer aller, die ganz offen oder hinter verschlossenen Türen privatwirtschaftliche Vorteile aus einer CDU ziehen und sie selbstverständlich konsequent und zuverlässig wählen. Diese beiden Wählerblöcke werden einen großen Teil derer bilden, auf die sich eine CDU verlassen kann.

Ich persönlich glaube nicht an große Wählerwanderungen bei der CDU; hinzu kommen nämlich als Block natürlich auch die vielen, denen das Kreuzchen von der Kirchenkanzel anempfohlen wird.

Alle anderen sind Opfer von Schlagzeilen, die eine Medienlandschaft erzeugt, die sich ebenfalls mehr oder weniger von den chronisch Machthabenden, also einer CDU, massiv beeinflussen lässt. Hier gibt es den nichtschriftlichen Vertrag, dass sich die Politik Medien gegenüber zugänglich zeigt, solange es wohlwollende Berichte über sie gibt. Das hat vor gut drei Jahrzehnten selbst das letzte Bollwerk guter Presse, der SPIEGEL, verstanden, ist in die Knie gegangen und marschiert jetzt brav in der Reihe.

Ich behaupte, dass alle Wahlergebnisse und Zahlenspiele außerhalb der CDU erstens nicht aussagekräftig und zweitens nichts als reine Stimmungsbarometer einer zunehmend bildungsprekären Wählerlandschaft sind.

In dieser Gemengelage bildete sich erstaunlich erfolgreich eine AfD aus, die sich nicht nur von der ansteigenden Bildungsnot, sondern mittlerweile auch von der CDU selbst nährt.

Sie erfährt ihren Zulauf von all jenen, deren nationalistische Prägung nirgendwo anders mehr eine Heimat findet und sich nun dort ausgedrückt sieht. Sie schöpft aus dem unüberschaubaren Reservoir aller anderen Parteien, die irgendwie mangels Angebot in den vorausliegenden Jahren gewählt worden sind.

Denn es gibt für meine Behauptung einen schlagenden Beweis:

Kaum ein Wähler hat sich je konzentriert, zeitaufwendig und allgemein gebildet mit den Wahlprogrammen befasst. So blieb beispielsweise (!) völlig unter dem Radar, dass die GRÜNEN klammheimlich ihren Grundsatz: „Keine Waffen in Kriegs- und Krisengebiete!“ gestrichen hatten, was für eine Partei, die sich ihre besondere Prägung und ihren speziellen Auftritt wie Schminke zugelegt hat, eine unglaubliche Katastrophe ist.

Jeder Floh springt von einem toten Hund weg – und so erleben wir, dass Parteien, die in vorangegangenen Jahrzehnten klassisch meist bei dreißig Prozent landeten, heute einstellig und aus Parlamenten gefegt werden.

Und noch ein Spruch: „Man kann kein totes Pferd über die Ziellinie schleppen.“

Gerade eine SPD, der ewige Antagonist der CDU, ist aufgrund ihrer Klientelpolitik, die ihre Zusprache immer stärker bei der Wirtschaft fand, für das große Heer der Arbeitenden zunehmend zur Belastung geworden. Sie hat immer mehr Politik gemacht, die ihnen zuwiderlief, Unternehmer begünstigte, selbst Gewerkschaften leiser und lustlos gemacht und immer höhere Rechnungen für die Lebensführung überreicht hat.

Die AfD ist nichts als ein Staubsauger, der all diese abgefallenen Krümel unterhalb der CDU aufgenommen und in Macht transzendiert hat.

Sie nimmt alle Uninformierten, Uninteressierten, aber zunehmend wütender gewordenen Wähler auf, die sich sowieso nie für Parteiprogramme oder ähnlich anstrengendes Zeugs interessiert hatten, oder dies mangels Bildung nicht konnten.

Die deutsche Demokratie funktionierte noch einigermaßen, als die Wähler große Differenzen in der Ausprägung der Parteien vorfanden und hört nun auf, zu existieren.

Gerade die Epoche Merkel verstand es, zum Segen der Wirtschaft entscheidende Instrumente und Objekte sozialen Handelns zu torpedieren. Unter Kohl begonnen, wurde die Axt gerade ans Bildungssystem und dann an die Sicherheit und Entlohnung von Arbeitsplätzen angelegt. Im Ergebnis haben wir heute schimmelnde Schulen, private Arbeitsvermittler mit Sklavenlöhnen, eine wesentlich erleichterte Kündbarkeit und damit Familien, die eine Vielzahl prekärer Jobs annehmen müssen, um im verordneten Konsum nicht zu verlieren. Immer weniger haben Zeit, Möglichkeit, Geld und Energie, die zuvor erheblich (!) einfachere Zugänglichkeit zur Bildung in Anspruch zu nehmen. Somit natürlich auch nicht der, der sonst immer SPD gewählt hatte.

Ihm fehlt die notwendige Intellektualität, die Falschheit und den Extremismus einer kreischenden AfD in ihrer mangelhaften Substanz zu erkennen.

Ganz grundsätzlich haben nationalistische, rassistische bis hin zu faschistische Vorstellungen ja niemals aufgehört zu existieren; sie haben die Kapitulation überlebt, in kleinen, eher verschwiegenen Zellen überdauert und den Wandel in zahllosen Graustufen in der Gesellschaft überstanden. Sowohl die „Entnazifizierung“, als auch der Versuch, die neuen Generationen an eine neue Welt heranzuführen, waren grandiose Fehlschläge.

Nochmal: deshalb nenne ich die AfD einen Staubsauger.

Sie greift nur diese nationalistischen und rassistischen Überbleibsel auf, die selbst beispielsweise einen klassischen SPD-Wähler denken lässt: „Naja. Irgendwie sind wir den Schwarzen ja wohl doch überlegen.“, nutzt und verstärkt diese Ideen.

Die Büchse der Pandora ist offen. Wir werden nicht nur diese AfD, sondern den Grund ihrer Existenz nicht mehr los. Unsere Chance hätte schwerpunktmäßig in einer konsequent qualitativ hochwertigen, garantierten, barrierefreien Bildung gelegen, aber die existiert nicht mehr.

Konnte früher der Sohn eines Bergmannes noch problemlos studieren und höchste Ämter und Positionen erreichen, steht ihm heute eine Welt von extrem teuren Privatuniversitäten und die Notwendigkeit, mit immer mehr eigenem Geld einen Studienplatz ergattern zu können, gegenüber.

Die Welt der Habenden mauert sich ein, sie schanzt sich Bildung und Option gegenseitig zu und vernagelt den Zutritt von „denen da unten“. Die Zahl der Familien, die ihren Kindern bei sinkenden Reallöhnen und steigenden Kosten Zugang zu Universitäten bieten können, fällt ab. Zumal die Familienväter heute selbst längst Opfer dieser Politik sind.

Die Menschen, die engagiert Parteien wählen oder sie von innen heraus steuern, werden somit, platt gesagt, „dümmer“ und damit zunehmend anfälliger für radikale Ideen.

Demokratie.

„Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.“

Die Frage ist: wer oder was ist dieses Volk?


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


Zum Autor 

Michael Thomas ist Privatier, Fotograf, leidenschaftlich an Ägyptologie und Literatur interessiert, mit der er vor vielen Jahren als Autor regional einige Beachtung fand. Er verfolgt interessiert das Weltgeschehen durch Beobachtung internationaler Presse. Seinen Fokus legt er insbesondere auf die Palästinafrage und auf die islamische Welt.

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