Gastkommentar
Michael Thomas: „Parallelen zwischen Israel und Deutschland unter Hitler“

Michael Thomas vergleicht Israels Vorgehen gegen Palästinenser mit Verbrechen des Nationalsozialismus und kritisiert Deutschlands Politik.

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Ein Gastkommentar von Michael Thomas

Der jüngste Ausfall vom israelischen „Sicherheitsminister“ Itamar Ben-Gvir beschreibt den Zustand Israels genauer und zeigt, wo das Land steht.

Leider zeigt er uns aber ebenfalls, wo wir selber stehen. Wenn Ben-Gvir nun also öffentlich sagt, er fordere ein, dass jede Nacht wahllos mindestens 30 bis 40 Palästinenser getötet werden sollen, verwundert dies niemanden mehr, solange von Israel die Rede ist (1).

Immerhin war es sogar der israelische Präsident Isaac Herzog, der ebenfalls in aller Öffentlichkeit mit der sehr leidenschaftlich vorgebrachten Behauptung, es gäbe keine „unschuldige Bevölkerung“ in Gaza, damit selbst Babies zu Feinden erklärt hatte, die umgebracht gehören.

Um das Maß voll und den Gegenstand, um den es mir jetzt geht, sichtbar zu machen, sei noch erwähnt, dass der israelische Kulturminister Miki Zohar erklärte, es gäbe eine überlegene, jüdische Rasse (2). Es gibt eine ganze Reihe solcher und direkt vergleichbarer Äußerungen israelischer Prominenter.

Viel zu viele, um von „bedauerlichen Einzelfällen“ reden zu können.

Wenn wir jetzt eine Scheu entwickeln und davon absehen, die massiven Parallelen zum Wahn des Dritten Reiches nicht nur zu erkennen, sondern auch zu benennen, dann fürchten wir den politischen Hammer unserer eigenen Regierung. Dieser Regierung, die entgegen der Expertise aller relevanten Rechtswissenschaftler der Welt bis heute bestreitet, dass Israel einen Völkermord begeht.

Was Israel derzeit tut, hat in Zahlen das Ausmaß der Verbrechen des Dritten Reiches nicht erreicht.

Wenn wir uns die bisher insgesamt begangenen Scheußlichkeiten jedoch genauer ansehen, ist eine direkte Vergleichbarkeit durchaus gegeben.

Israel verfolgt, quält, tötet und bestiehlt Palästinenser auf unvorstellbare Weise. Seine „Siedler“ erschlagen Vieh, stecken ganze Dörfer in Brand, erschießen Bauern auf ihren Feldern und prügeln sie auf ihrem eigenen Land von Wasserquellen fort.

In Gaza schießen israelische Scharfschützen Kindern in Form perverser Wettkämpfe mal in den Kopf, mal in den Bauch und mal in die Genitalien. Israelische Soldaten filmen sich selbst beim Plündern und sinnlosen Zerstörungsaktionen, sie behängen sich lachend mit den Dessous von Frauen, die sie soeben getötet haben.

Warum wir aber in alledem keine Wiederholung des nationalsozialistischen Wahns erkennen wollen oder sollen, das liegt an uns selbst – und nicht an der Faktenlage.

Denn die ist konsistent. Hier trifft Faschismus auf rassistischen Wahn in Kombination mit verrückten Ansprüchen auf Territorien, die aus einer absurd überhöhten und glorifizierten Zeit der Antike entnommen sind.

Der Rassenwahn Hitlers zusammen mit seinen „Großdeutschland“-Ideen, die Erklärung einer bestimmten Ethnie zu „Untermenschen“ nebst der Forderung, diese gezielt zu vernichten, war in dieser Konstellation nichts anderes. So unsinnig und in weiten Teilen historisch falsch die „arische“ Erzählung eines Germanien war, so irrelevant und verzerrt ist die israelische von seiner Antike.

„Wenn etwas aussieht wie eine Ente, quakt wie eine Ente, watschelt wie eine Ente und riecht wie eine Ente, dann ist es ein Huhn.“ – das ist der Spruch, an den wir glauben sollen.

Denn die nüchterne wie korrekte Feststellung, dass wir heute in Israel Zustände finden, die direkt mit denen des nationalsozialistischen Deutschlands vergleichbar sind, würde eine Schallgrenze, eine unsichtbare Mauer durchbrechen, hinter der der alternativlose Zwang zum Handeln steht. Wir dürfen, wollen und sollen diese notwendige Feststellung nicht treffen, weil wir uns damit massive Fehler eingestehen würden, die wir in der Vergangenheit gemacht haben.

Schon vor vielen Jahren war der Trend klar erkennbar, wohin Israel steuern würde. Sein Handeln im Westjordanland, welches schleichend durch den Bau immer weiterer „Siedlungen“ annektiert wurde, war im wahrsten Sinne des Wortes un-heimlich. Schon beim Massaker im Jahr 2008 in Gaza wurde der Report des Sonderberichterstatters Goldstone unterdrückt, der „Soldaten“ bei der Aussage dokumentierte, dass auf Befehl auch auf Frauen gefeuert werden sollte, die kleine Kinder an der Hand hielten (3).

Die Erzählung, Israel würde sich ja „nur verteidigen“, sollte verhindern, dass man sich an das Berlin der Dreißiger Jahre erinnert. Dabei fantasierte der ehemalige, Stellvertretende Sprecher der Knesset, Moshe Feiglin, schon damals davon, alle Bewohner Gazas auf einen Marsch zur Grenze zu zwingen, um sie zu vertreiben – oder nötigenfalls einfach zu erschießen (4).

Die Parallelen waren schon immer da.

Selbst das Vokabular hat das moderne Israel vom Dritten Reich übernommen, denn das Wort „Untermensch“ wurde von den Nazis geprägt – und wird von Israelis verwandt. Was glauben wir eigentlich, welche Parallele uns noch fehlt?

Da marschieren wie einst die Deutschen, die öffentlich auf Paraden „Schlagt alle Juden tot!“ skandierten, heute Mitglieder eines Fußballfanclubs durch Amsterdam und durch Wien und grölen „Kill all Arabs!“

Es sind heute nur noch die schieren Zahlen, die die Scheußlichkeit des Nationalsozialismus zugebenermaßen deutlich von dem unterscheidet, was wir heute in Israel erleben.

Die Realität, bestehend aus Tausenden von verifizierten Zeugenaussagen, forensischen Beweisen, Videos, Bildern und Leichen, auch lebenden Leichen, drückt uns im Rücken gegen diese unsichtbare Glasmembran, hinter der das Eingeständnis zu dem steckt, womit wir es zu tun haben. Und sie beginnt uns zu zerquetschen.

Wir stehen völlig erschüttert vor den Bildern von Leichenbergen der Konzentrationsläger, wir sehen Bilder von weinenden, fassungslosen Deutschen, die damals auf Befehl wütender US-Kommandanten zu deren Anbick gezwungen wurden. Und wir sehen nicht nur die zerschossenenen Kinderköpfe von heute, wir sehen auch die Röntgenaufnahmen von den Kugeln, die darin stecken.

Wir hören heute die Aussagen der Gefolterten, und kennen die medizinisch-forensischen Untersuchungsberichte. Schlimmer noch: wir haben im Video auch gesehen, wie diese bestialischen Folterungen in der Knesset gefeiert wurden und legalisiert werden sollten.

Wir lassen mit unserer Wort- und Tatenlosigkeit diese Dinge nicht nur zu, sondern zerstören damit auch den Rest des Vertrauens in unsere eigene Politik und Regierung, das überhaupt noch übrig war.

Weil wir alle wissen, dass sie um die Verbrechen Israels weiß.

Weil wir alle wissen, dass sie dennoch Waffen liefert.

Weil wir alle wissen, dass wir angelogen werden.

Und es hinnehmen.

Und nicht zuletzt, weil wir alle wissen, dass ein Ende dieses Schreckens durchaus in unseren Händen läge. Denn weit mehr als ein Drittel aller von Israel benötigten Waffen stammt aus Deutschland. Würden diese Lieferungen unterbleiben, geräte das israelische Militär sehr schnell in große Schwierigkeiten.

Es ist dies Deutschland, das in der EU alle wirksamen und machtvollen Konsequenzen und Maßnahmen verhindert. Würde es diesen jedoch zustimmen, seiner historischen Verantwortung gerecht und keine Waffen mehr liefern, wäre Israel schnell am Ende.

Viel lieber aber bleiben wir beim bisher Bewährten und streiten einfach ab, dass das, was wir heute zulassen und unterstützen, das gleiche ist, wofür wir uns schämen.

Wir machen aus der Ente viel lieber ein Huhn und uns selbst vor der Weltöffentlichkeit damit zu Dummköpfen, als Fehler einzugestehen und die Konsequenzen daraus zu ziehen.

Wir sollten uns nicht scheuen, Vergleiche zwischen dem Israel von heute und dem Deutschland eines Adolf Hitler zu ziehen – solange wir den damals verübten Schrecken weder leugnen, noch relativieren.


  1. https://www.spiegel.de/politik/israel-itamar-ben-gvir-fordert-die-toetung-von-30-bis-40-menschen-in-gaza-jede-nacht-a-2c691f79-2dba-4e0b-9c09-7467e0b2adb8
  2. https://www.timesofisrael.com/jewish-mk-to-arab-mk-the-jews-are-a-special-race/
  3. https://documents.un.org/doc/undoc/gen/n09/594/50/pdf/n0959450.pdf
  4. https://electronicintifada.net/blogs/ali-abunimah/concentrate-and-exterminate-israel-parliament-deputy-speakers-gaza-genocide-plan

Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


Zum Autor 

Michael Thomas ist Privatier, Fotograf, leidenschaftlich an Ägyptologie und Literatur interessiert, mit der er vor vielen Jahren als Autor regional einige Beachtung fand. Er verfolgt interessiert das Weltgeschehen durch Beobachtung internationaler Presse. Seinen Fokus legt er insbesondere auf die Palästinafrage und auf die islamische Welt.

 

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