Exodus 2.0
Immer mehr Israelis verlassen ihr Heimatland

Die Zahl der Israelis, die aktuell ihr Land verlassen, wächst. Sie gehen nach Italien, Portugal, in die USA, nach Zypern oder Griechenland.

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Ein Gastkommentar von Michael Thomas

Im Mittelalter war vieles einfacher. Da bestand die Welt aus „gut“ und „böse“, faktisch im Volk nicht vorhandener Bildung und den Machthabenden fiel es deshalb sehr leicht, ebenso Gutes zu Bösem zu erklären wie auch umgekehrt Böses zu Gutem.

So konnte es etwa trotz der Zehn Gebote gelingen, Tausende von Frauen und sonstigen Missliebigen zu „Ketzern“ zu erklären und es als religiös erstrebenswert erscheinen zu lassen, sie auf Scheiterhaufen zu schleppen, wie auch Tausende von Frauen und Kindern in Jerusalem auf den Kreuzzügen, wie auch im eigenen Land im Dreißigjährigen Krieg abzuschlachten.

Böse war gut. Ganz einfach.

Manchmal funktioniert die Indoktrination nicht konsequent genug, und dann scheint plötzlich in Einzelnen ein Funke der Erinnerung auf, der die Realität wieder so erkennen lässt, wie sie tatsächlich ist. Da bemerken auf einmal Soldaten der israelischen Armee völlig entsetzt, dass sie sich selbst aufführen wie damals die Nazis und Menschen abschlachten, als seien diese die Juden des Holocaust. Ein genauso zutreffender wie faszinierender Gedanke. Die Matrix hat Löcher. (1)

Nun bedarf es generell größerer Anstrengung, aus einem Menschen einen Mörder machen zu wollen. Jedes Militär kennt das Problem. Zumeist unterzieht man diese Menschen zunächst einer massiven Hirnwäsche, bei welcher das zu tötende Opfer jedes Menschsein verliert und auf die Stufe eines brutalen und gefährlichen Schädlings absenkt.

Israels Zionismus ist im Mittelalter angekommen

Das fällt in Israel durch den dort grassierenden Zionismus, der wie im Mittelalter die auch für Juden verbindlichen Zehn Gebote im Judentum umdenkt und das Tötungsverbot eliminiert, noch vergleichsweise leicht.

Kinder werden mit einer Mischung aus Rassismus und Faschismus in einer Gesellschaft eingebettet erzogen, die aus Arabern „Schädlinge“, „Ungeziefer“, „Untermenschen“ und „Terroristen“ macht. Gerade das Wort „Terrorist“ steht in Israel als Synonym für Palästinenser und ist Alltags- und Umgangssprache.

Aus diesem Grunde ist in Israel mit Mehrheiten von über 80 Prozent Konsens, dass man Gaza und Westjordanland gewissermaßen vom Befall ihrer rechtmäßigen Eigentümer reinigen müsse.

Aber unter dem anwachsenden Druck, den immer mehr Nationen, immer mehr Presse und Menschen auf der Straße erzeugen, bedingt durch die herbe Niederlage im Krieg gegen Iran, beginnen diese Denkmuster Risse zu bekommen. Zwar wird, wie zu vermuten steht, das rassistisch-faschistische Narrativ nicht grundsätzlich in Zweifel gezogen, wohl aber seine Zukunftstauglichkeit und sein Heilsversprechen.

Die vorgebliche Sehnsucht nach einem gereinigten Großisrael, in welchem nur sehr wenige, aber glückliche Palästinensersklaven dienen, ist den Umfragen zufolge ungebrochen zu finden und macht die Leute mehr oder weniger dazu bereit, für dies zum religiös angeblich gesegnet erklärten Ziel mit Grausamkeit und Brutalität vorzugehen. Man hat ihnen erfolgreich erklärt, dass sie anders kein Glück erfahren könnten, weil ihr Gott dies angeblich so verlange.

Manchem von ihnen fehlt jedoch, ich meine dies jetzt völlig unironisch, die letztendliche Bereitschaft zur Aufopferung des eigenen Lebens, wenn aus dieser Sehnsucht aktiver Kampf und Krieg werden soll. Gerade die iranischen Raketen erweckten in ihnen die Idee, dass ihr eigenes Zuhause, ihre eigene Familie darin umkommen könnten.

Israel hatte es bisher immer verstanden, im eigenen Land jedes Gefühl von Unsicherheit, Angst und Zweifel, jedes Bild von Zerstörung und Leid, brennenden Ruinen und getöteten Kindern zu verhindern. Krieg, das fand für Israelis immer irgendwo, weit entfernt und gewissermaßen als unwirklich wahrgenommene Realität statt.

Das immer „gerechtfertigte“ Feuer traf ja immer nur „Terroristen“. Nur so ist auch zu erklären, dass das berühmte „Nova“-Musikfestival, von dem viele Besucher am 7. Oktober infolge des Hamasangriffs ums Leben kamen, dicht an der Blockadegrenze zu Gaza stattfinden konnte. Man blendete Gaza einfach aus. Das war nur ein grauer Fleck, auf den man manchmal Bomben warf.

Bis die iranischen Raketen einzuschlagen begannen.

Schon seit vielen Jahren gibt es die für Israel unangenehmen Bestrebungen vieler Staatsbürger, unter Vorwänden oder auch ganz offen das Land zu verlassen. (2) Einigen dämmerte es schon lange, dass der politische und militärische Kurs ihres Landes ein Tanz auf Messers Schneide und es nicht unmöglich sei, dass es eines Tages auch im eigenen Land dadurch zu Zusammenbrüchen, Zerstörungen, Mangelsituationen und Versorgungsengpässen kommen könne.

Diverse Länder registrieren massive Zuzüge israelischer Bürger. Es soll, wie ich hörte, in Italien bereits ein Dorf geben, in dem man zweisprachig, italienisch/hebräisch eben, Läden beschildert. (3)

Der Trend entwickelt sich für die israelische Demografie zum Fiasko. Schon seit Jahrzehnten registriert man argwöhnisch, dass die Geburtenrate jenseits der weiß-jüdischen Bevölkerung erheblich höher liegt und damit den mehrheitlichen Machtanspruch dieser „Rasse“ gefährdet. Es ist so, der amtierende Sportminister Israels, Miki Zohar, faselt tatsächlich öffentlich von der angeblichen Rasse. (4)

Wenn jedoch nun ein Zionist den Kampfplatz Israel verlässt und sich irgendwo auf der Welt ansiedelt, hat er zugunsten seines Lebens den Zionismus aufgegeben. Er verstärkt die zu erwartende, demografische Niederlage.

Tatsächlich muss sich der „jüdische Staat“ Israel selbst die Existenzfrage stellen, wenn irgendwann nur noch eine kleine Minderheit seiner Bürger dem jüdischen Glauben folgt. Niemand würde Israel auflösen, wohl aber dessen augenblickliches Selbstverständnis. Die Lage, in der eine verschwindend kleine, übriggebliebene Minderheit über eine überwältigende Mehrheit in jedem Fall würde herrschen wollen, wäre völlig absurd und abwegig.

Der Trend zur Abwanderung ist weder marginal, noch für die Selbstidentifikation dieses Israels unbedeutend. Immerhin reagierte die Regierung gewissermaßen panisch, als sie im Krieg gegen Iran Zehntausende von Ausreiseanträgen auf den Tisch bekam.

Sie schloss die Grenzen. Trotz diverser Anwerbeprogramme, die Israel in den letzten Jahrzehnten auflegte, konnte von einer Ausweitung der Bevölkerung keine Rede sein. Jeder dritte Franzose, der nach Israel zog, ging wieder zurück. In Kanada wandeln sich große Farmen zu Kibbuzen um, die ausgewanderte Israelis aufnehmen.

Natürlich kann sich die Ausreise nur leisten, wer Geld hat. Und wer Geld hat, hat Bildung. Und wenn nur genug bedeutende Bildungsträger das Land verlassen, kann man von einem brain-drain sprechen. Unternehmen werden schließen müssen, die Wirtschaftskraft geht zurück.

Schon jetzt registriert man an der zunehmend aggressiven, rassistischen und faschistischen Schreierei in der Knesset und auf den Straßen, siehe „Jerusalem-Tag“, eine breitflächig anwachsende Nervosität. Auch Göbbels schaltete damals rhetorisch einen Gang höher, als der Peak überschritten und das nahende Ende bereits sichtbar war.

Da dieser aggressive und imperialistische Zionismus ohne das Geld und die Waffen seiner „Freunde“ nicht existieren kann, werden seine Tage gezählt sein. Europa und USA verbrauchen und ermüden sich längst an anderen, aufwendigen und zermürbenden Fronten, beide werden ihre extrem hohen Zuwendungen zurückfahren müssen. Allein in den USA gestaltet sich die Wirtschaftslage in diesem Augenblick ruinös und katastrophal.

Niemand kann sagen, wie schnell sich die Entwicklung abspielen wird und wieviele Menschen dafür noch sterben müssen. Israel steht am Scheideweg zweier Möglichkeiten; es kann durch Gewalt, Krieg und Auszehrung zugrundegehen, oder einen radikalen Kurswechsel vornehmen.

Es gibt eine Chance dafür, dass sich die israelischen und weltweiten Juden für ein neues Israel entscheiden und ein Land neu jenseits allen bewiesenen Irrsinns aufbauen könnten, das einmal darstellt, was es immer schon hätte sein können: ein sicherer Hafen, der eingedenk der sehr erfolgreichen und friedvollen Vergangenheit im Zusammenleben mit Muslimen eine neue Zukunft jenseits eines übergeschnappten Machtanspruchs darstellt.

Und bestehen kann.

  1. https://www.facebook.com/share/p/19WAaXgVDh/
  2. https://www.middleeasteye.net/opinion/palestinians-are-massacred-staying-israelis-are-desperate-flee
  3. https://taz.de/Israelis-wandern-nach-Italien-aus/!6046819/
  4. https://www.timesofisrael.com/jewish-mk-to-arab-mk-the-jews-are-a-special-race/amp/

Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.

Zum Autor 

Michael Thomas ist Privatier, Fotograf, leidenschaftlich an Ägyptologie und Literatur interessiert, mit der er vor vielen Jahren als Autor regional einige Beachtung fand. Er verfolgt interessiert das Weltgeschehen durch Beobachtung internationaler Presse. Seinen Fokus legt er insbesondere auf die Palästinafrage und auf die islamische Welt.

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