Gastkommentar
Was der Flugzeugabsturz für russisch-aserbaidschanische Beziehungen bedeutet

Vor knapp zwei Monaten ereignete sich ein verheerendes Flugunglück – ein Passagierflugzeug der Azerbaijan Airlines (AZAL) stürzte ab. Als der Präsident von Aserbaidschan, Ilham Aliyev, über den Absturz informiert wurde, brach er seine Reise nach Sankt Petersburg ab und flog zurück.

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Ein Gastkommentar von Fidan Damer

Vor knapp zwei Monaten ereignete sich ein verheerendes Flugunglück – ein Passagierflugzeug der Azerbaijan Airlines (AZAL) stürzte ab. Mehr als die Hälfte der Insassen kamen dabei ums Leben. Die Tatsache, dass das Flugzeug, welches auf dem Weg von Baku nach Grosny (Tschetschenien) war, quer über das kaspische Meer flog und nahe der kasachischen Hafenstadt Aktau abstürzte, sorgte für Spekulationen.

Während die Insassen über die Explosionsgeräusche berichteten, warfen russische Medienvertreter unterschiedliche Versionen in die Diskussion. Die Möglichkeit, dass das Passagierflugzeug fälschlicherweise vom Luftabwehrsystem getroffen und beschädigt sein könnte, wurde hingegen bestritten und jegliche Schuld von sich gewiesen. An jenem Morgen gab es jedoch nachweislich Meldungen über ukrainische Drohnenangriffe, gegen die Russland sich laut deren Aussagen erfolgreich wehrte.

Was der Flugzeugabsturz für russisch-aserbaidschanische Beziehungen bedeutet

Als der Präsident von Aserbaidschan, Ilham Aliyev, über den Absturz informiert wurde, brach er seine Reise nach Sankt Petersburg ab und flog zurück. Aliyev erwartete eine gerechte Investigation und ein faires Verhalten von Russland, was in Kreml auf taube Ohren stoß.

Mit Verzögerung meldete sich der Kremlchef Putin bei Aliyev und entschuldigte sich für den „sich im russischen Luftraum ereigneten tragischen Vorfall“. Aliyevs Erwartungen zuwider erfolgte jedoch kein Schuldeingeständnis. Ebenso wenig verlor Putin ein Wort über die Sanktionierung von Verantwortlichen. Aserbaidschan, das eine faire Investigation erwartete, gab sich mit dieser Entschuldigung nicht zufrieden.

Inzwischen wurde der Flugschreiber vom Zentrum für Flugunfalluntersuchung und – information der brasilianischen Luftwaffe entschlüsselt und an die Kommission übergeben, die von Kasachstan geleitet wird. Die Experten bestätigten, dass das Flugzeug von einem Fremdkörper getroffen und beschädigt wurde. Nun zieht Präsident Aliyev eine Klage gegen Russland in Erwägung.

Diplomatische Spannung zwischen Russland und Aserbaidschan

Nach diesen Ereignissen entschied sich Aserbaidschan, die kulturelle Vertretung, das „Russische Haus“, in Baku zu schließen. Zeitgleich sagte Aliyev der Ukraine humanitäre Hilfe zu – es gibt keine Zufälle.

Aliyevs Verhalten sorgte für Diskussionen und warf einige Fragen auf:

Woher kommt diese Selbstsicherheit?

In der Tat ist Aliyev einer der wenigen Präsidenten im ehemaligen post-sowjetischen Raum, der offene Konfrontationen mit dem Kreml nicht fürchtete.

Aliyev übernahm die Macht unmittelbar nach seinem Vater. Zu Beginn seiner Amtszeit wurde er von vielen unterschätzt. Dennoch machte ihn die Zeit zu einem selbstsicheren Staatsoberhaupt und pragmatischen Geopolitiker, der die Möglichkeiten und die Bedeutung der äußerst komplizierten südkaukasischen Region für die Großmächte sowie für die benachbarten Staaten adäquat beurteilt.

Er arbeitet strategisch mit der NATO zusammen, strebt jedoch keine Mitgliedschaft in der NATO an. Das Land kooperiert mit der EU, ohne eine EU-Mitgliedschaft ins Auge zu fassen. Diese ausbalancierte Politik gibt ihm die Möglichkeit, zwischen den unterschiedlichen Interessengruppen und Ländern zu manövrieren. Dabei setzt er die nationalen Interessen durch, ohne die eine oder andere Partei zu ärgern.

Kann dieser Vorfall zu einer diplomatischen Krise führen?

Bei der Gestaltung des außenpolitischen Kurses wurden bisher stets die Interessen und Stellung von Russland berücksichtigt. Nun erleben die russisch- aserbaidschanischen Beziehungen eine Stagnation. Aliyev hat jedoch kein Interesse daran, die Beziehungen mit Russland zu gefährden, da Russland über genügend Druckmittel verfügt und jederzeit den Finger in die Wunde legen kann.

Die Bandbreite denkbarer russischer Gegenmaßnahmen ist groß – diese können von der Destabilisierung der innenpolitischen Lage über die Instrumentalisierung der ethnisch- religiösen Minderheiten bis hin zu der Unterdrückung der großen aserbaidschanischen Diaspora in Russland alles beinhalten.

Gleichzeitig hat Aliyev eine Verpflichtung gegenüber den Opfern und deren Angehörigen. Seine Popularität stieg nach der Wiederherstellung der territorialen Integrität und Abzug der sogenannten russischen Friedenstruppen rasant. Aliyev kann und will dieses Vertrauen nicht ignorieren.

Darüber hinaus ist den Entscheidungsträgern in Baku wohl bewusst, dass Russland aktuell vor dem Hintergrund der Sanktionen nicht auf Aserbaidschan verzichten kann – der Transitweg zum Iran führt über das aserbaidschanische Territorium.

Auch für den Parallelimport, Export von Ressourcen u. v. m. spielt Baku eine große Rolle. Die angespannte Situation in der Welt und generell die Verhältnisse zwischen Moskau und dem Westen bieten Baku eine Gelegenheit, einen Druck auf Moskau auszuüben und einen angemessenen Umgang mit der Tragödie, die 38 Menschen ihr Leben kostete, zu verlangen.

Wenngleich diese Auseinandersetzung zweifellos Risse und Narben hinterlassen wird, ist es noch zu früh von einer diplomatischen Krise zu sprechen. Diese situativen diplomatischen Spannungen sind für die russisch- aserbaidschanischen Beziehungen jedoch nichts Neues.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


Fidan Damer ist Politik- und Sozialwissenschaftlerin, freiberufliche Autorin mit dem Schwerpunkt Südkaukasus. Zu den Forschungsthemen gehören insbesondere Außenpolitik der südkaukasischen Staaten, wirtschaftliche Beziehungen und Sezessionskonflikte.

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