Interview
Philosoph Beck: Verschiedene Kulturen ergänzen sich

Geboren am 27. April 1929 in München, ist der heute 94 jährige weise Mann immer noch aktiv, um unsere Welt mit seinem Wissen zu erleuchten. Zuletzt veröffentlichte er eine Essenz seines Lebenswerks: „Das Prinzip Liebe“.

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Bamberg – Prof. Prof. h. c. mult. Dr. Dr. h. c. Heinrich Beck ist gewiss einer der größten deutschen Seins– und Friedensphilosophen des 20. und 21. Jahrhunderts. Geboren am 27. April 1929 in München, ist der heute 94 jährige weise Mann immer noch aktiv, um unsere Welt mit seinem Wissen zu erleuchten. Zuletzt veröffentlichte er eine Essenz seines Lebenswerks: „Das Prinzip Liebe“.

Er ist wissenschaftlicher Konsultor an der Universidad Pontificia de México, Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste und der Internationalen Akademie der Wissenschaften sowie seit 2008 korrespondierendes Mitglied der Real Academia de Ciencias Morales y Políticas. Er ist zudem Mitglied der Wiener Katholischen Akademie.

Als Ordinarius Professor für Philosophie an der Universität Bamberg hat sich Beck vornehmlich um den Weltfrieden gekümmert. Und zwar durch die intellektuelle Begegnung der Weltkulturen. Dafür hat er nicht nur Texte veröffentlicht, Vorträge gehalten, Konferenzen organisiert und Studenten ausgebildet, sondern auch selbst bewusst viele, verschiedene, weit entfernte Länder der Welt bereist und unterschiedliche Kulturen der Menschheit kennengelernt.

Für seine philosophische Arbeit wurde Beck international mit mehreren Ehrenprofessuren sowie dem bundesdeutschen Verdienstkreuz am Bande und dem Ritterkreuz des päpstlichen Silvesterordens ausgezeichnet.

[Heinrich Beck empfängt das Bundesverdienstkreuz am Bande im Jahr 2003. Zusammen mit seiner Ehefrau Anna Brigitta. (Foto: privat)

Der wohl wichtigste philosophische Begriff, den Beck der Menschheitsgeschichte schenkt, ist der Begriff „Kreativer Frieden“. Dabei geht es um das „kreative“, das heißt in der Evolution angelegte schöpferische Zusammenspiel der verschiedenen Kulturen als Vielheit und Einheit, sprich „Viel-Einheit“. Ein weiterer Begriff, den der große deutsche Kulturphilosoph uns schenkt.

Sehr geehrter Herr Beck, welche Chancen, welche Probleme – oder welche Aufgabe steckt in der Vielfalt der Kulturen?

Da ist im Hintergrund zu halten zunächst die Evolution. Die Vielfalt der Kulturen ist entstanden im Laufe der Evolution und man kann sagen, dass der Zweck, den die Evolution dabei verfolgt die gegenseitige Herausforderung und Ergänzung der verschiedenen Kulturen darstellt. So dass durch die Auseinandersetzung zwischen den Kulturen und durch ihre gegenseitige Ergänzung eine Vervollkommnung der Art des Menschen, eine Vervollkommnung des Menschseins, überhaupt erreicht werden kann.

Vervollkommnung? Sie verbinden die Vielfalt der Kulturen mit der Geographie.

Ja, besonders Kultur als solche ist eine Antwort auf die Herausforderung des menschlichen Geistes durch die Beschaffenheit der Natur. Das heißt durch das Klima und durch die Beschaffenheit der Erdoberfläche. So haben wir dann in Europa eine eigenartige Geographie, die sich durch besondere Merkmale kennzeichnet. In Afrika haben wir eine besondere Geographie und in Asien, den Großkontinenten.

Wobei die europäische Kultur sich dadurch abhebt gegenüber der asiatischen und der afrikanischen Kultur, dass sie eine Vielfalt von Wasser und Erdoberflächenbeschaffenheiten darstellt. Also eine Vielfalt von Seen und Flüssen und eine Vielfalt von Erderhebungen, von Gebirgen. Während in Asien und Afrika mehr eine zusammenhängende Einheit von großen Oberflächenbeschaffenheiten da ist und eine Einheit des Klimas. Zum Beispiel die Monsune sind eine klimatische Beschaffenheit, die sich über weite Erdbereiche erstreckt und die Menschheit in gleichem Sinne bestimmt.

Das ist ein Kennzeichen der asiatischen und der afrikanischen Kultur. Die Monsune, zum Beispiel. Sie bedeuten eine bestimmte Bewässerung, Winde und Regen. Diese halten eben diese Kulturen zusammen. Während in Europa wir eine Vielfalt von Seen und Flüssen haben, nicht eine große zusammengefasste, zusammenfassbare Einheit wie in Afrika und Asien durch die Monsune.

Diese Geographie spiegelt sich auch in dem Denken wieder?

Ja, also die Vielfalt der Natur, wie eben angedeutet, disponiert den menschlichen Geist zu einer Differenzierung des Denkens. Zu einer logischen Struktur des Denkens, die eine Vielfalt von Begriffen und eine Vielfalt von Urteilen zu logischen Schlüssen und zu wissenschaftlichen zusammenhängen zusammenbaut.

Kennzeichnend für Europa, sagen sie, ist auch die Rationalität und damit kommt auch diese Differenzierung, das Gegenübertreten.

Jawohl. Das ist eben das. Die Differenzierung und das Gegenübertreten sind Ausdruck der Betonung der Vielheit. Während im afrikanischen und asiatischen Bereich mehr die intuitive, nicht die rationale Differenzierung, sondern die intuitive Erfassung eines einheitlichen Großzusammenhangs im Vordergrund steht.

Hier sagen Sie, durch die Geografie ist das Menschsein auf der Welt unterschiedlich ausgeprägt. In Europa eben differenzierter, rationaler und in Afrika und Asien einheitlicher, intuitiver. Doch ohne den interkulturellen Dialog, wenn man nur einseitig die Welt erfährt und Kultur betreibt, ist das gefährlich, sagen Sie.

Ja, wenn also eine Geisteshaltung, die die Vielfalt betont, wie also in Europa, zusammentrifft mit einer Geisteshaltung, die mehr die Einheit betont, wie in Afrika und Asien, dann ergibt sich eine Viel-Einheit des Denkens. Ein Denken, das sowohl die Vielheit und die Unterschiede, die Gegensätze betont, als auch den einheitlichen Zusammenhang. Das würde heißen Ordnung. Ordnung versteht sich als Einheit in der Vielheit und Vielheit und Verschiedenheit in der Einheit.

Also durch die Zusammenkunft des afro-asiatischen einerseits und des europäischen Geistes, Habitus, andererseits, würde Ordnung disponiert werden. Ein Denken, das sowohl die Einheit des Vielen und Verschiedenen als auch die Verschiedenheit der großen Einheit betont.

Sie sagen, die Menschen, die Kulturen, sind also eigentlich darauf angewiesen, auf diesen Dialog. Auf die gegenseitige Vervollständigung und gegenseitige Herausforderung und Ergänzung, weil die Kulturen sich ja in ihrer Geographie nur begrenzt entwickeln können und durch den Dialog mit Kulturen aus anderen Weltgegenden – oder überhaupt mit unterschiedlichen Gedanken und Weltanschauungen, kann man ja eine Ergänzung erfahren.

Ja, eben. Das ist ja der Sinn. Der Sinn der Evolution. Die Zielrichtung der Evolution. Die Menschheit als eine Vielfalt verschiedener Bereiche als auch als eine zusammenhängende Einheit zu begreifen und beide Aspekte gleicher Weise zu betonen. Also ortus bedeutet Ordnung. Ordnung – Vielheit in der Einheit und Einheit in der Verschiedenheit und Vielheit.

Der Sinn des Daseins und der Vielfalt der Kulturen in der evolutionären Entwicklung, liegt unter anderem also darin, dass sie sich auch wieder ergänzen.

Ja, ähnlich wie die Geschlechter, die ja auch ein Produkt der Evolution sind. Die Verschiedenheit der Geschlechter ist auf ihre gegenseitige Ergänzung angelegt. Mann und Frau sind verschieden mit der Zielrichtung sich gegenseitig im Menschsein zu ergänzen.

So kann man sagen, dass durch die Differenzierung und gegenseitige Ergänzung der Geschlechter die Menschheit sich vervollkommnet, sich in ihrem Menschsein weiterentwickelt. Und ähnlich wie bei der Geschlechtern die Differenzierung mit dem Ziel der gegenseitigen Ergänzung erfolgt, so bei den verschiedenen Kulturen – bei der europäischen Kultur und bei der afroasiatischen Kulturhemisphäre.

Vielen Dank.


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