8. Mai 1945
Antitürkismus: Das älteste Feindbild Europas?

Am Tag der Befreiung sprechen wir zu Recht über Antisemitismus und rechte Gewalt. Aber ein zentrales Element europäischer Ausgrenzungsideologie bleibt unerwähnt: der Antitürkismus.

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Ein Gastbeitrag von Çağıl Çayır

Der 8. Mai 1945 markiert das Ende des Nationalsozialismus. Ein Tag der Befreiung – vom Faschismus, vom Krieg, vom industriellen Morden. Millionen Menschen, Jüdinnen und Juden, politische Gegner, Roma und Sinti, Zwangsarbeiter:innen, wurden aus Lagern befreit oder überlebten gerade noch. Die Shoah hat sich tief ins Gedächtnis Europas eingeschrieben.

Doch nicht jede Gewalt, die zu dieser Katastrophe führte, ist heute gleich sichtbar. Die NS-Ideologie fiel nicht vom Himmel. Sie hatte Vorläufer, Wurzeln, Fundamente – viele davon reichen bis tief ins kulturelle Selbstbild Europas. Und eines davon bleibt bis heute erstaunlich stillschweigend übergangen: der Antitürkismus.

Das älteste Feindbild Europas?

Antitürkismus ist nicht erst ein Problem der Gegenwart. Er ist ein uraltes ideologisches System – tief verankert in der europäischen Geschichte. Schon nach der Eroberung Konstantinopels 1453 durch das Osmanische Reich wurde der „Türke“ im christlichen Europa zur Chiffre des absoluten Anderen: unzivilisiert, asiatisch, bedrohlich.

Papst Pius II., vormals Enea Silvio Piccolomini, war einer der ersten, die „Europa“ und „Germanen“ zu politischen Kampfbegriffen machten. Er deutete antike Texte (wie Tacitus’ Germania) so um, dass sie den Kreuzzug gegen die „asiatische Bedrohung“ legitimieren konnten. Ab diesem Zeitpunkt war klar: Wer „Europa“ sagt, meint oft auch, wer nicht dazugehört.

Mit der Erfindung des Buchdrucks wurde dieses Bild massenhaft verbreitet. Der „Türke“ wurde zur Projektionsfläche: für Ängste, Unordnung, religiöse Fanatismen – aber vor allem für ein Europa, das sich selbst nur noch durch Abgrenzung beschreiben konnte.

Was verdrängt wurde: Nähe, Verwandtschaft, geteilte Geschichte

Was dabei vergessen wurde – oder vielmehr aktiv verdrängt – war die Vorstellung, dass es einst eine Nähe gab. In der Fredegar-Chronik aus dem 7. Jahrhundert gelten Franken und Türken als Verwandte, beide Nachfahren Trojas.

Auch die Prosa-Edda des Snorri Sturluson verortet die Ahnen der Nordvölker in einem mystischen „Tyrkland“. Diese Erzählungen waren Teil des vormodernen Allgemeinwissens – bis sie nicht mehr ins neue Europa passten.

Die kulturelle Nähe musste gelöscht werden, damit die ideologische Trennung wirken konnte. Der Antitürkismus wurde so zum Wetzstein des europäischen Selbstbildes – lange bevor der Begriff „Rasse“ seinen tödlichsten Einsatz fand.

Antisemitismus, Nordizismus, Antitürkismus

Der moderne Antisemitismus speiste sich aus dieser Struktur: der Idee, dass Europa nur dann sicher sei, wenn es sich gegen „das Fremde“ abschottet – innen wie außen. Die Figur des „Juden“ als innerer Feind, die des „Türken“ als äußerer Angreifer: beide dienten demselben Narrativ.

Auch der spätere Nordizismus, also die Ideologie der „nordischen Überlegenheit“, basiert auf dieser Logik. Der Nationalsozialismus trieb sie in den mörderischen Extremismus. Aber geboren wurde sie viel früher – als Antwort auf kulturelle Nähe, die plötzlich zur Gefahr erklärt wurde.

Warum das am 8. Mai wichtig ist

Wir sprechen am 8. Mai über Antisemitismus. Über rechte Gewalt. Über die NSU, über Hanau. Zu Recht. Aber wir sprechen kaum über Antitürkismus. Nicht in den Schulen. Nicht in Gedenkstätten. Nicht in der Forschung. Dabei prägt er bis heute, wie über Migration, Religion, Integration gesprochen wird. Und dabei ist er ideologisch kein Nebenschauplatz, sondern Teil der Hauptstraße.

Antitürkismus ist nicht gleich Islamfeindlichkeit – aber er wirkt darin fort. Er ist nicht gleich Kolonialrassismus – aber er hat ihn ideologisch vorbereitet. Und er betrifft Millionen Menschen in diesem Land, deren Geschichte, Herkunft und Erfahrungen weiterhin unsichtbar bleiben.

Es geht um Erinnerung – und Befreiung

Der 8. Mai war ein Tag der militärischen Befreiung. Aber eine zweite Befreiung steht noch aus: die von den Denkbildern, die Menschen trennen, ausgrenzen, erniedrigen. Dazu gehört der Antitürkismus. Und über ihn zu sprechen heißt nicht, andere Rassismen zu verdrängen – sondern endlich das ganze Bild zu sehen.

Denn ohne diese Diskussion fehlt ein Teil unserer Erinnerung. Und ohne Erinnerung gibt es keine Gerechtigkeit.

Vielleicht ist es an der Zeit, diesen Teil der Geschichte nicht mehr nur zu verschweigen oder zu dulden, sondern zu benennen. Laut. Kritisch. Und mit dem Wissen, dass jede Erinnerung, die uns verbindet, auch ein Stück Befreiung ist.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


Autor

Çağıl Çayır studierte Geschichte und Philosophie an der Universität zu Köln und ist als freier Forscher tätig. Çayır ist Autor von „Runen in Eurasien. Über die apokalyptische Spirale zum Vergleich der alttürkischen und ‚germanischen‘ Schrift‘“ und ist Gründer der Kultur-Akademie Çayır auf YouTube. Seine Arbeiten wurden international in verschiedenen Fach- und Massenmedien veröffentlich


 

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