Gastkommentar
Zwischen Solidarität und Strategie: Die Türkei, Zentralasien und die neue geopolitische Realität

Von Anfang an war klar: Der EU-Zentralasien-Gipfel in Samarkand würde Spuren hinterlassen – nicht nur in Brüssel oder Taschkent, sondern auch in Ankara. 

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Ein Gastkommentar von Özgür Çelik

Von Anfang an war klar: Der EU-Zentralasien-Gipfel in Samarkand würde Spuren hinterlassen – nicht nur in Brüssel oder Taschkent, sondern auch in Ankara.

Was für die europäische Diplomatie als Erfolg verbucht wurde, stellt sich für die Türkei als strategische Herausforderung dar. Es geht um mehr als nur Wirtschaftsverträge oder diplomatische Gesten. Es geht um die Zukunft der türkischen Welt, um das Selbstverständnis Ankaras in Zentralasien – und letztlich auch um die Frage, wie viel Gewicht türkische Solidarität heute noch hat, wenn Investitionen und Realpolitik ins Spiel kommen.

Bereits vor einem Jahr und erneut vor wenigen Wochen wurde auf die zunehmende Nähe der zentralasiatischen Staaten zur EU und ihre schrittweise Entfremdung von Ankara hingewiesen.

Der nun veröffentlichte Gipfelbeschluss hat diese Tendenz nicht nur bestätigt, sondern sie schwarz auf weiß dokumentiert: Kasachstan, Usbekistan, Kirgisistan, Turkmenistan und Tadschikistan haben sich mit ihrer Unterschrift unter die gemeinsame Erklärung von Samarkand nicht nur zur territorialen Integrität der Ukraine bekannt – sondern auch zur Resolutionen 541 und 550 des UN-Sicherheitsrats, die die Türkische Republik Nordzypern (KKTC) explizit nicht anerkennen.

Diese Formulierung ist ein diplomatischer Rückschlag für Ankara – und eine Zäsur im Verhältnis zur türkischen Welt. Denn was da im Namen von Recht, Stabilität und Investitionen beschlossen wurde, ist de facto eine Distanzierung von der türkischen Position in der Zypern-Frage. Und das ausgerechnet von jenen Ländern, mit denen sich Ankara im Rahmen der Organisation der Türkischen Staaten (OTS) in kultureller, sprachlicher und geopolitischer Verbundenheit wähnte.

Investitionen statt Ideale?

Der zentraleuropäische Lockruf ist mächtig: 12 Milliarden Euro an Investitionen hat die EU den zentralasiatischen Staaten zugesagt – in Bereichen wie Infrastruktur, Energie, Wasserwirtschaft, Digitalisierung und Rohstoffe. Dazu kommt der diplomatische Prestigegewinn eines hochkarätigen Gipfels mit der EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen, Ratspräsident António Costa und der Chefin der Europäischen Entwicklungsbank.

Gleichzeitig bekräftigten die zentralasiatischen Staaten in der Gipfelerklärung, dass sie sich an die Prinzipien der UN halten und keine separatistischen Entitäten unterstützen werden – ein klarer Seitenhieb gegen die Türkische Republik Nordzypern, die international nur von der Türkei anerkannt wird.

Die vier turksprachigen Länder Kasachstan, Usbekistan, Kirgisistan und Turkmenistan haben damit Ankara faktisch eine diplomatische Ohrfeige verpasst – und dies in einem Moment, in dem die Türkei ohnehin mit wirtschaftlicher Unsicherheit und innenpolitischen Spannungen ringt.

Eine geopolitische Wende in Zentralasien

Diese Entwicklung ist Teil eines größeren geopolitischen Wandels. Wie der russische Analyst Viktor Wassiljew betont, hat der EU-Zentralasien-Gipfel nicht nur Ankaras Schwäche offenbart, sondern auch Moskaus.

In der Region wird zunehmend der Einfluss Russlands verdrängt, und der Westen – insbesondere Großbritannien und Frankreich – füllt das Vakuum. Die Franzosen sichern sich Zugang zu zentralasiatischem Uran, britische NGOs und Mediennetzwerke gewinnen an Einfluss, und die Türkei verliert an Boden, obwohl sie in den letzten Jahren gezielt auf Soft Power und kulturelle Diplomatie in der Region gesetzt hatte.

Ernüchternd ist dabei nicht nur die politische Positionierung gegen die KKTC, sondern auch die konkrete diplomatische Öffnung gegenüber dem griechischen Teil Zyperns:

Usbekistan, Kasachstan, Kirgisistan und Turkmenistan haben in den vergangenen Monaten Botschafter in Nikosia akkreditiert, Handelsforen abgehalten und diplomatische Abkommen unterzeichnet – alles Schritte, die deutlich machen, dass ökonomische Interessen über symbolische Solidarität gestellt werden.

Die Türkei zwischen zwei Fronten

Die Türkei befindet sich damit in einer strategischen Klemme. Einerseits möchte sie als Vorreiterin der türkischen Welt auftreten und ein Gegengewicht zu westlicher und russischer Einflussnahme bilden.

Andererseits ist Ankara selbst Teil der Zollunion mit der EU und kann sich wirtschaftlich keinen vollständigen Bruch mit Europa leisten – insbesondere angesichts ihrer aktuellen wirtschaftlichen Lage.

Gleichzeitig wird die Organisation der Türkischen Staaten durch diese Entwicklung entkernt. Wenn selbst zentrale Mitglieder der OTS offen gegen die politische Linie Ankaras stimmen – was bleibt dann von der vielzitierten türkischen Einheit? Wie soll eine geopolitische Achse Ankara-Taschkent-Astana funktionieren, wenn die Grundfrage über die Anerkennung des türkisch kontrollierten Nordzyperns derart konträr beantwortet wird?

Strategische Kurskorrektur oder geopolitisches Erwachen?

Die bittere Wahrheit ist: Die Türkei hat zu spät auf die Verschiebung der Interessen in Zentralasien reagiert. Sie hat das wirtschaftliche Potenzial der Region zu lange als selbstverständlich betrachtet und geglaubt, dass kulturelle Nähe allein reicht, um dauerhafte Allianzen zu sichern.

Doch Realpolitik und Investitionen sprechen eine andere Sprache. In einem Moment, in dem die Türkei selbst wirtschaftlich geschwächt ist, greifen die zentralasiatischen Staaten zur Hand der EU – nicht aus Feindseligkeit, sondern aus Kalkül.

Doch genau hier liegt auch eine Chance: Wenn Ankara seine außenpolitische Strategie entschlossen neu ausrichtet, die wirtschaftlichen Beziehungen zur Region vertieft und seine Position als Brückenstaat zwischen Europa, Asien und der islamisch-türkischen Welt konsequent ausbaut, kann die Türkei mittelfristig wieder an Einfluss gewinnen. Dafür braucht es aber nicht nur Visionen, sondern vor allem realistische Politik, Investitionen, strategische Kommunikation – und Resilienz.

Der Gipfel von Samarkand war ein diplomatisches Wecksignal – für Moskau, aber vor allem für Ankara. Die Türkei steht vor der Wahl: Will sie eine führende Kraft in der türkischen Welt bleiben, muss sie ihre Rolle aktiv und strategisch definieren – jenseits symbolischer Solidarität.

Das erfordert ein neues Kapitel türkischer Außenpolitik: wirtschaftlich dynamisch, diplomatisch präsent, strategisch wach. Die Zeit der Automatismen ist vorbei. Wer Einfluss will, muss dafür arbeiten – auch unter Brüdern.


Gastbeiträge geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht zwingenderweise den Standpunkt von NEX24 dar.


Zum Autor

Özgür Çelik studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie an der Universität Duisburg-Essen. Seine Fachgebiete sind die deutsche Sicherheits- und Verteidigungspolitik, die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei sowie zwischen der EU und der Türkei, türkische Politik, die türkische Migration und Diaspora in Deutschland


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